Mezora

Böse Zunge

Die Hauptursache allen Aussatzes ist Laschon Hara, die üble Nachrede, betonen die Rabbinen. Foto: Getty Images / istock

Wer erinnert sich nicht an seine Kindheit, als man in den Tag hineinleben konnte und die Zeit sich endlos zu ziehen schien? Im Erwachsenenalter hingegen ist das Leben um einiges schneller geworden, und oft haben wir das Gefühl, dass die Zeit uns mit sich reißt, ohne dass wir etwas dagegen tun können.

Reinheit In der Parascha Mezora, die wir diese Woche lesen, geht es nur indirekt um das Thema der Zeit. Vielmehr hören wir etwas über die Reinheits- und die dazugehörigen Opfergebote, mit denen sich dieser spezielle Wochenabschnitt beschäftigt. So erfahren wir, dass der Kohen, also der Priester, darüber urteilt, ob ein Mensch seine Reinheit wiedererlangt hat.

Wir erfahren auch, dass sogar Häuser unrein werden können. Doch diese Form der Unreinheit und des Aussatzes scheint nur wenig mit einer definierbaren Krankheit zu tun zu haben. Vielmehr sehen die meisten Rabbiner in ihr einen Aufruf zur Umkehr, also zur Teschuwa. Doch welche Art der Übertretung muss ein Mensch begangen haben, um aussätzig zu werden?

Im Talmud gibt es dazu eine interessante Aufzählung: eine böse Zunge, Blutvergießen, leeres Schwören, Arroganz, Raub und Missgunst.

Im Talmud gibt es dazu eine interessante Aufzählung: eine böse Zunge, Blutvergießen, leeres Schwören, Arroganz, Raub und Missgunst. Ergänzt wird diese Liste in einem Midrasch durch: hochmütige Augen, eine lügenhafte Zunge, ein Herz, das mit unrechten Gedanken beschäftigt ist, zum Bösen eilende Füße, eine nach Lügen trachtende Zunge und Zwietracht zwischen seinen Brüdern zu säen.

Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888) fasst es so zusammen: Aussätzig wird jemand, der seinen Körper, statt ihn in den Dienst des Ewigen zu stellen, lieber als Träger des Bösen missbraucht.

Doch die Hauptursache allen Aussatzes, betonen die Rabbinen, ist vor allem Laschon Hara – die üble Nachrede. Als Beleg dafür nehmen sie die biblische Geschichte von Mirjam, der Schwester von Mosche Rabbenu. Sie war eine angesehene Prophetin. Es heißt sogar, dass die Kinder Israels aufgrund ihrer Verdienste in der Wüste Wasser fanden. Mirjam stand Gott nahe und war von Ihm zu prophetischen Visionen bestimmt – und trotzdem begann sie mit dieser Art der Sünde.

Was war geschehen? Mirjam hatte sich abfällig gegenüber Mosche, ihrem Bruder, und dessen Frau Zippora geäußert und wurde dafür von Gott mit Aussatz bestraft. Hätte sie als Prophetin nicht wissen müssen, dass so ein Vergehen Konsequenzen nach sich zieht? Warum war ein Mensch, der Gott so nahe ist, der wissen muss, was er tut, trotzdem einer solchen Sünde verfallen?

Entsühnen In der damaligen Zeit bedeutete Aussatz, dass man das Lager verlassen und einige Zeit als Aussätziger am Rand des Lagers leben musste, bis ein Kohen (Priester) denjenigen entsühnte und dadurch einer erneuten Aufnahme ins gemeinschaftliche Lager nichts mehr im Wege stand.

Auch Mirjam, die Prophetin, musste das sichere Lager der Kinder Israels verlassen und einige Zeit außerhalb wohnen, bis sie entsühnt war.

Man könnte meinen, dass jemand das Lager nur aus hygienischen Gründen verlassen musste – schließlich äußert sich der Aussatz sichtbar am Körper. Doch es waren nicht hygienische Gründe. Nach Meinung der meisten Gelehrten war es die üble Nachrede, die einen Menschen aus seiner Gemeinschaft ausstieß. Wie ist das zu verstehen?

Ganz einfach: Laschon Hara diskreditiert den Mitmenschen. Mirjam tat dies mit ihrem Bruder Mosche und stellte sich dadurch geistig und seelisch ins Abseits. Aus dem geistigen wurde aber auch ein körperliches Abseits. Folglich musste sie, da sie sich durch Laschon Hara von der Gesellschaft entfremdet hatte, erst den Weg zurück zu sich finden – und das außerhalb des Lagers der Kinder Israels.

Wir kennen das heute nur noch, wenn Kinder bestraft werden: Stellen sie etwas Verwerfliches an, dann geben wir ihnen eine Auszeit und stellen sie zum Beispiel in die Ecke oder schicken sie in ihr Zimmer, damit sie über ihre Tat nachdenken und so einen Weg zurückfinden – zu uns.

Auszeit Doch kommen wir zurück zum Anfang, zu unserer Kindheit und der Zeit, die damals viel langsamer zu vergehen schien als heute.

Es ist die Schnelllebigkeit unserer Tage, die uns vielleicht nicht immer die Möglichkeit gibt, besser und intensiver nachzudenken. Oft sagen wir etwas viel zu schnell und in Eile und Hast und merken gar nicht, dass wir dadurch vielleicht jemandem zu nahe getreten sind.

Die Vernetzung durch Medien und Telekommunikation lässt uns oft nicht genügend Spielraum, um ordentlich über ein Problem nachzudenken.

Die Vernetzung durch Medien und Telekommunikation lässt uns oft nicht genügend Spielraum, um ordentlich über ein Problem nachzudenken. Wir werden regelrecht überflutet mit Informationen über das Tagesgeschehen.

Umso wichtiger ist es für uns aber heute, den Überblick nicht zu verlieren, sich selbst eine kleine Auszeit zu nehmen und zu schauen: Was habe ich gemacht? War meine Zunge schneller als mein Verstand? Habe ich immer richtig gehandelt? Das heißt nicht, sich selbst in eine Ecke zu stellen wie ein kleines Kind. Nein, vielmehr heißt es, für sich einen Ruhepunkt zu finden, damit man kurz reflektieren kann und – mit Gott und mit der Gesellschaft – seinen Weg zu sich selbst wiederfindet.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

Inhalt
Im Wochenabschnitt Mezora wird die Reinigung von Menschen beschrieben, die von Aussatz befallen sind. Außerdem schildert die Parascha, wie mit Unreinheiten durch Aussonderungen der Geschlechtsorgane umzugehen ist.
3. Buch Mose 14,3 – 15,33

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