Protest

Zehntausende Gegner des AfD-Bundesparteitags in Erfurt erwartet

Foto: picture alliance / SvenSimon

Reinhard Schramm bleibt am Wochenende daheim. Ein halbes Jahr lang hat sich der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen an der Organisation des zivilgesellschaftlichen Widerstands gegen den AfD-Bundesparteitag an diesem Wochenende in Erfurt beteiligt. Aber den Sabbat werde er nicht unterbrechen, nur weil Björn Höcke und seine Extremisten in der Stadt sind.

Letztlich komme es ja auch nicht auf den Protest der Jüdischen Landesgemeinde an, sagt Schramm. Die Bevölkerung insgesamt müsse aufstehen und merken, wie gefährdet ihre Demokratie im Augenblick sei. Mehrere Zehntausend Menschen werden zu den Kundgebungen am Wochenende in der Thüringer Landeshauptstadt erwartet, wenn die vom Verfassungsschutz als Verdachtsfall für verfassungsfeindliche Bestrebungen geführte AfD am Samstag und Sonntag zu ihrem Bundesparteitag auf der Erfurter Messe zusammenkommt.

Kundgebungen, Kaffeeklatsch und Fahrrad-Demo

Über 20 Kundgebungen, Demonstrationen und Aktionen von Gegnern der AfD sind laut Stadtverwaltung angemeldet. Neben dem Bündnis »Widersetzen« haben auch Gewerkschaften, Linke, Grüne und andere zu Protesten aufgerufen. Eine Fahrrad-Demo setzt sich am Samstag von Jena aus in Bewegung. Die »Omas gegen Rechts« laden am Sonntag zum Kaffeetrinken auf der Rathausbrücke ein. Eine wissenschaftliche Tagung sucht nach Strategien, »die fundamentale Rechtsverschiebung im politischen Raum« zu begreifen und Antworten darauf zu finden.

Oberbürgermeister Horn sieht »herausforderndes Wochenende«

Oberbürgermeister Andreas Horn (CDU) spricht von »einem sehr herausfordernden Wochenende« - nicht zuletzt auch deswegen, weil es am Freitag und Samstag parallel noch zwei lange geplante Sommerkonzerte von Roland Kaiser und Clueso abzusichern gilt. Es werde ab Freitagmittag zu Einschränkungen im öffentlichen Leben, Straßensperrungen und einer erhöhten Polizeipräsenz kommen.

Erfurter Schulen sollen daher am Freitag die Zeugnisse zum Schuljahresende bis spätestens 9.30 Uhr ausgegeben haben. Ein Bürgertelefon, Lotsen als Ansprechpartner in den Straßen und ein eigens eingerichteter WhatsApp-Kanal sollen am gesamten Wochenende dazu beitragen, dass das Wochenende »friedlich und in gegenseitiger Rücksichtnahme« ablaufen werde, sagt Horn.

Tatsächlich gibt es Hinweise auf gewaltbereite Störer, die sich am Wochenende auf den Weg nach Thüringen machen werden. Landesinnenminister Georg Maier (SPD) erklärte am 24. Juni, nach aktuellen Erkenntnissen seien hierzu zahlreiche Aufrufe und vorbereitende Abstimmungen sowohl in den sozialen Medien als auch im Rahmen physischer Treffen zu beobachten. »Diese gehen von mehreren Initiativen aus«, sagte Maier. Es werde damit gerechnet, dass sich an Blockade- oder Verhinderungsaktionen eine Personenanzahl im unteren fünfstelligen Bereich beteiligen könnte.

Aufruf zu unbedingter Gewaltlosigkeit

Laut internen Lagebewertungen der Landespolizei wird auch von Anreisen militanter Linksextremisten ausgegangen. Bürgerkriegsähnliche Zustände seien aber nicht zu erwarten, versicherte Maier im Vorfeld. Rund 6.000 Polizisten werden am Wochenende im Einsatz sein.

Dennoch sorgen sich zahlreiche Initiatoren um den friedlichen Charakter der Gegenproteste in Erfurt. So appellierte die Regionalbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Friederike Spengler, an die Besonnenheit aller Demonstranten und Demonstrantinnen. Alle Formen des Protests müssen unbedingt gewaltfrei ablaufen. Vor allem sei zu verhindern, dass Ordnungskräfte gezwungen würden, gegen Kundgebungsteilnehmer vorzugehen. Wer zusammen für die Gestaltung der Gesellschaft eintrete, müsse sich von der Achtung der Würde jedes Menschen, von Nächstenliebe und Toleranz leiten lassen.

Schramm: Angst vor wachsendem Antisemitismus bleibt

Reinhard Schramm will das Wochenende vom heimischen Ilmenau aus verfolgen. Mit dem breiten zivilgesellschaftlichen Engagement zeigt er sich zufrieden. An der Sorge vieler Jüdinnen und Juden in Thüringen ändere das jedoch nichts: Gerade angesichts des Erstarkens der AfD bleibe die Angst vor wachsendem Antisemitismus und einer weiteren Erosion der demokratischen Kultur groß, sagt der 82-jährige Holocaust-Überlebende.

Schweiz

Ein Importverbot von koscherem Fleisch gefährdet jüdisches Leben

Ein Kommentar von Jonathan Kreutner, Generalsekretär des jüdischen Dachverbands SIG

von Jonathan Kreutner  02.10.2026

Essay

Die Demokratie gegen ihre Abschaffung verteidigen

Warum die AfD als Partei verboten werden müsste – und weshalb das eben nicht undemokratisch ist

von Stephan Lehnstaedt  02.10.2026

Delft/Niederlande

Publikum beschimpft Angehörige eines Hamas-Opfers bei »NAZA«-Vorführung

Sabine Tassa, deren Ehemann und Sohn am 7. Oktober 2023 ermordet wurden, kritisiert die Doku. Das Publikum will nichts davon hören

 02.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Jerusalem

Herzog über mögliche Linken-Regierung in Berlin: »Das ist äußerst verstörend«

Im ausführlichen Interview mit der WELT spricht der israelische Präsident auch über den »Fly Dubai«-Angriff, den Iran und das britische Embargo gegen sein Land

 02.10.2026

Genf

Sharabi fordert UN-Menschenrechtsrat zur Anerkennung von Geiselmisshandlungen als Folter auf

»Mein Name ist Eli Sharabi. Ich bin ein Überlebender von Folter«, so der ehemalige Verschleppte vor dem Gremium

 02.10.2026

Besuch

Berlins scheidender Regierungschef reist nach Israel

Israels Botschafter in Deutschland äußerte kürzlich Sorge um die Sicherheit der jüdischen Community in der deutschen Hauptstadt. Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner reist nun nach Tel Aviv

 02.10.2026

Kommentar

Fair Play – es sei denn, es geht um Israel

Irlands Nationalspieler verweigern Israelis den Handschlag, diskutieren darüber, ob sie überhaupt gegen sie antreten wollen – und die UEFA schweigt. So funktioniert die schleichende Etablierung von Antisemitismus als Akt des vermeintlichen humanitären Widerstandes

von Dorothea Schupelius  02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026