Interview

»Wir werden klagen«

Fordert bei den Wahlen die Einhaltung demokratischer Prinzipien: Lala Süsskind (77) Foto: Uwe Steinert

Interview

»Wir werden klagen«

Die ehemalige Vorsitzende Lala Süsskind über die umstrittene Wahl und den massiven Konflikt in der Jüdischen Gemeinde

von Michael Thaidigsmann  30.08.2023 12:46 Uhr

Anmerkung der Redaktion: Zum selben Thema, der Wahl des neuen Gemeindeparlaments, haben wir auch ein ausführliches Interview mit Gideon Joffe, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, geführt. Leider wurde das Interview von ihm nicht zur Veröffentlichung freigegeben.

Frau Süsskind, um die Wahl zur Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin tobt seit Wochen ein heftiger Streit. Die Wahl wird von Ihnen angefochten. Warum?
Weil es undemokratischer kaum werden kann. Mein Mann und ich reichten Klage ein beim Gericht des Zentralrats der Juden. Die wurde so beschieden, dass diese Wahl nur nach der alten Wahlordnung von 2011 stattfinden kann. Daraufhin gab der Gemeindevorsitzende Gideon Joffe bekannt, keine Organisation der Welt könne ihn davon abhalten, die Wahl wie geplant durchzuführen. Am 11. August lief die Frist des Gerichts ab. Bis dahin hätte er sich äußern können. Am 10. August kamen schon die ersten Wahlbriefe bei den Mitgliedern zu Hause an. Das heißt, er hat offenbar alle Einwände ignoriert.

Wollen Sie erneut klagen?
Uns wurde von unseren Anwälten gesagt, vor der Wahl können wir nicht klagen, aber im Anschluss daran schon. Und wir werden klagen.

Das Oppositionsbündnis »Tikkun« hat kürzlich seine Bewerber zurückgezogen. Stärkt es damit ungewollt nicht die aktuelle Gemeindeführung?
Die vier verbleibenden Kandidaten von Tikkun haben gesagt, sie wollen das ganze Theater nicht mehr mitmachen. Ich persönlich fand diesen Schritt nicht so gut. Aber jeder muss für sich die richtigen Entscheidungen treffen.

Kann man klagen, wenn man freiwillig auf eine Bewerbung verzichtet?
Jedes Mitglied kann klagen. Mein Mann und ich sind ja auch keine Kandidaten. Ich hatte mich zwar angemeldet, in dem Wissen, dass ich zurückgewiesen werden würde, weil ich über 70 Jahre alt bin, was nach der neuen Wahlordnung ein Ausschlussgrund ist, wenn auch nicht für amtierende Mitglieder der Repräsentantenversammlung. Außerdem ist mein Führungszeugnis zu spät gekommen. Das war der zweite Ausschlussgrund. Auch wenn Herr Joffe das bestreitet, so ist für mich eindeutig, dass hier systematisch alle möglichen Gegenkandidaten lahmgelegt worden sind, weil die Wahlordnung besagt, dass sie aus den verschiedensten Gründen nicht antreten dürfen. Hinzu kommt: Es soll künftig nur noch per Briefwahl gewählt werden.

Was glauben Sie, was ist die Motivation für die neue Wahlordnung?
Machterhalt. Die neue Wahlordnung wurde erst Ende Mai von der Repräsentantenversammlung abgesegnet. Kaum einer wusste etwas davon, auch, weil der Beschluss nicht mehr rechtzeitig vor der Sommerpause in der Gemeindezeitung veröffentlicht werden konnte.

Nun hat der Gemeindevorsitzende Joffe seit elf Jahren in der Versammlung eine Mehrheit hinter sich. War die wirklich je in Gefahr?
Wir hatten schon beim letzten Mal, 2019, gar keine richtigen Wahlen, weil Joffe sich für die 21 Sitze 21 Kandidaten zusammengeklaubt hat. Viele Mitglieder sagten damals, die Gemeinde interessiere sie nicht mehr. Das heißt, die Gewählten waren Joffes Leute. Eine lebendige Jüdische Gemeinde zu Berlin gibt es heute nicht mehr, es ist nur eine One-Man-Show. Die Demokratie ist niedergeschmettert worden.

Aber warum regt sich erst jetzt dagegen Widerstand?
Einige Gemeindemitglieder und ich haben uns gesagt, es kann nicht sein, dass die Demokratie so mit Füßen getreten wird. Es wurden sechs Kandidaten nicht zugelassen, weil kurzfristig die Wahlordnung geändert wurde und die Bewerbungsfrist zwischen Bekanntgabe der Wahl plus Abgabe der ganzen Wahlunterlagen so kurz bemessen war, dass man das nur schwer machen konnte. Hinzu kam noch, dass das Bewerbungsverfahren in die Ferienzeit fiel. Ich war mit meiner Familie in Frankreich, als ich die Nachricht über die neue Wahlordnung bekam. Das scheint alles minutiös vorbereitet gewesen zu sein, um möglichst viele Leute davon abzuhalten, sich zur Wahl zu stellen.

Handelt es sich hier im Grunde auch um einen Konflikt zwischen Zugewanderten und Alteingesessenen?
Nein. Es gibt ja auch kaum mehr Alteingesessene. Von den Zugewanderten aus der Ex-Sowjetunion bleiben vor allem die älteren Menschen in der Gemeinde, aber viele Jüngere, die auch aus russischsprachigen Häusern kommen, treten aus. Denn die lassen sich das nicht bieten.

Wie kann man das auflösen? Glauben Sie, das wird jetzt zu staatlichen Gerichten gehen?
Wir haben hier in der Gemeinde ein Schiedsgericht, und das müssen wir nach der Wahl auch anrufen. Es ist abzusehen, dass es gegen uns entscheiden wird. Aber ich hoffe doch, dass ein deutsches Gericht sich danach dazu bereit erklären wird, die Klage anzunehmen. Denn es kann doch nicht angehen, dass wir hier als Gemeinde jedes Jahr mit mehreren Millionen Euro vom Berliner Senat unterstützt werden und dann eine Art Parallelgesellschaft zulassen, die jeglicher demokratischen Kontrolle entzogen ist. Der Berliner Senat muss sich auch endlich mal rühren. Das Grundgesetz muss auch in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin Anwendung finden.

Warum hat sich die Berliner Politik bislang nicht zu Wort gemeldet?
Da haben einige wahrscheinlich Angst, als Antisemiten beschimpft zu werden, wenn sie sich einmischen. Aber der Staat muss sich manchmal einmischen. In der katholischen Kirche wurden ja auch Menschen, die sich gewisse Dinge zuschulden haben kommen lassen, vor ein staatliches Gericht zitiert. Wichtig ist: Der Senat darf uns hier nicht im Regen stehen lassen.

Würden Sie im Rückblick sagen, Sie hätten 2012 noch einmal als Gemeindevorsitzende antreten sollen?
Ich habe in diesen vier Jahren, von 2008 bis Anfang 2012, hart gearbeitet und auch einiges erreicht. Aber als ich in dieser Zeit Großmutter wurde, habe ich beschlossen, wieder nach Hause zurückzukehren.

Mit der früheren Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin sprach Michael Thaidigsmann.

Berlin

Söder warnt SPD und Grüne vor Koalition mit Linkspartei

Nach der Wahl in Berlin mit dem Sieg der Linkspartei ist noch immer unklar, wer künftig regieren wird. Der CSU-Chef hat eine klare Erwartung für den Umgang mit dem Wahlsieger

 25.09.2026

Kassel/Heidenau

Stadt stoppt Stolpersteine – Künstler: War zu erwarten

Der Stadtrat von Heidenau bei Dresden lässt keine neuen Stolpersteine im Straßenraum zu. Der Initiator der Gedenksteine, Gunter Demnig, warnt vor Unsichtbarkeit der NS-Opfer und will weitermachen

 25.09.2026

Berlin

Schuster: Seit Hamas-Angriff kaum Kontakte zu muslimischen Verbänden

Er hat muslimische Freunde. Doch offizielle Beziehungen zwischen der jüdischen Gemeinde und muslimischen Verbänden gibt es kaum noch. Der Zentralratspräsident kritisiert dies und hofft auf Besserung

 25.09.2026

USA

Rennpferd muss wegen Hitler-Bezug umbenannt werden

Der Jockey Club erhält eine formale Beschwerde, woraufhin der Name des Tieres verboten wird. Wie hieß das Pferd? Und wie heißt es jetzt?

 25.09.2026

New York

Susan Sarandon bei Demo gegen Israel festgenommen

Zwei Proteste gegen Israel fanden während der Rede von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vor der UNO statt. Bei einer davon wurde zum Mord an ihm aufgerufen

 25.09.2026

New York

Netanjahu vor der UNO: »Israel hat keinen anderen Weg als zu gewinnen«

Der israelische Ministerpräsident spricht über Iran, Katar, die Türkei. Er konfrontiert Kritiker seines Landes, inklusive Bürgermeister Zohran Mamdani

 25.09.2026

Berlin

Berliner Linken-Chefin: »sehr überrascht« über Kritik

Seit der Berlin-Wahl am Sonntag wird bundesweit heftig über Antisemitismus bei der Linkspartei diskutiert. Sieht die Landesvorsitzende Kerstin Wolter ein strukturelles Problem in ihrer Partei?

 25.09.2026

Nach der Wahl

Berliner SPD will mit Linken und CDU sondieren

Die Sozialdemokraten wollen mit dem Wahlsieger Linke und der CDU über eine mögliche Regierungsbildung sprechen. Parteichef Krach nennt eine »rote Linie«

 25.09.2026

New York

Berichte: Iran legt Sieben-Tage-Plan zur Beendigung des Kriegs vor

Die USA und der Iran verhandeln mit Hilfe von Vermittlern über die Zukunft der Straße von Hormus. Nun will die iranische Seite einen Vorschlag ins Spiel gebracht haben

 25.09.2026