Weckruf

Wir machen uns Sorgen um euch

Autor Hannes Stein Foto: imago stock&people

Während der vier Trump-Jahre schauten viele Amerikaner mit Bewunderung, am Ende sogar mit Neid auf Deutschland. Bei uns war ein rechtsradikaler Präsident an der Macht, der sich keine Mühe gab, seinen Rassismus, seine Frauenverachtung, seinen Hass auf demokratische Normen zu verbergen.

Bei euch regierte Angela Merkel. Sie war herrlich uncharismatisch; sie war freundlich. Sie machte viele politische Fehler, aber das war von unserem Ufer aus gesehen beinahe unwichtig. Amerikaner beeindruckte, dass sie auf ihre schlichte Art für Demokratie und Rechtsstaat einstand. Sie schien das Gesicht eines neuen Deutschland zu sein, das mit dem Achtung-Jawoll-Zu-Befehl-Reich von gestern nichts mehr gemein hatte.

pandemie Als dann die Pandemie kam, wurde Deutschland das Land, in das viele von uns gern ausgewandert wären. Bei euch gab es Tests! Bei euch gab es Masken! Bei euch krepierten die Leute nicht zu Hunderttausenden! Bei euch zeigte die Regierung Mitgefühl mit den Opfern, während unser Präsident die Opfer der Seuche auch noch verhöhnte!

Jetzt ist Angela Merkel weg, im Weißen Haus sitzt wieder ein zurechnungsfähiger Mensch, und alles ist wie umgekehrt. Die AfD hat sich ein schickes Hitlerbärtchen stehen lassen, aber das führt nicht etwa dazu, dass die Leute entsetzt davonlaufen – nein, immer mehr Deutsche wählen diese offen faschistische Partei. In manchen Teilen Ostdeutschlands ist sie stärkste Kraft.

Überhaupt sieht es aus US-Perspektive so aus, als würde sich die Ex-DDR in so etwas wie die US-Südstaaten verwandeln, nur mit weniger Charme.

Überhaupt sieht es aus US-Perspektive so aus, als würde sich die Ex-DDR in so etwas wie die US-Südstaaten verwandeln, nur mit weniger Charme. Am meisten Sorge bereitet, von Amerika aus gesehen, was gerade mit eurer Mitte-Rechts-Partei passiert. Im Rückblick wird deutlich, dass Angela Merkel auf allerhand Mist in der CDU den Deckel draufgehalten hat, der euch jetzt um die Ohren fliegt.

rassisten Aus US-Sicht ist das deshalb so beunruhigend, weil wir nach 2015 dasselbe durchgemacht haben. Republikaner wie Mitt Romney und John McCain, die sich noch einen Funken Anstand bewahrt hatten, wurden an den Rand gedrückt. Rassisten fingen an, den Laden zu übernehmen. Die Partei-Karrieristen lachten heimlich über Trump – und öffentlich sangen sie Hymnen, die wie stalinistische Ergebenheitsadressen klangen.

Nota bene: Ich fürchte nicht, dass CDU und CSU sich in faschistische Parteien verwandeln. Nein, ich fürchte, dass sie zerbrechen; dass sie sich in je einen Pro- und einen Anti-AfD-Verein spalten. Jeder Politikwissenschaftler weiß, dass es gegen rechten Extremismus nur einen Schutz gibt: eine starke konservative Partei. Wenn das Wasser anfängt, aus diesem Damm zu rieseln, dauert es nicht mehr lange, bis die Schlammflut kommt.

Jeder Politikwissenschaftler weiß, dass es gegen rechten Extremismus nur einen Schutz gibt: eine starke konservative Partei.

Zum Teil sieht es so aus, als hätten wir unsere Krankheiten zu euch exportiert. Nehmen wir die QAnon-Verschwörungsreligion, die genauso menschenfreundlich, logisch und philosemitisch ist wie die Ideologie der Nazis. Die QAnon-Irren glauben tatsächlich, dass es eine Weltverschwörung von Linksliberalen und Juden gebe, deren Mitglieder Kinder in Katakomben gefangen halten, um ihnen das Blut auszusaugen, und dass Donald Trump der Messias sei, der gegen diese Verschwörung kämpft. Eigentlich ist das ein uramerikanischer Schwachsinn, aber mittlerweile hat er auch in Deutschland Anhänger gefunden.

afd-problem Zum Teil ist euer AfD-Problem aber auch hausgemacht. Es gab mal eine Periode der deutschen Nachkriegsgeschichte, da galten noch Tabus. Da trauten zumindest die Eliten sich noch nicht, allzu offensichtlich gegen Juden zu hetzen. Da hätten die Nazi-Schmierzettel eines Aiwanger Hubsi noch nicht als Jugendsünden gegolten, und seine freche halbe Entschuldigung wäre ihm um die Ohren geflogen.

Ich sehe voraus, dass der Antisemitismus in Deutschland bald nicht mehr den Umweg über den Nahen Osten nehmen muss, sondern gleich zu Hause bleibt; dass die Leute nicht mehr »Israel« sagen, wenn sie Juden meinen; dass die Antisemiten also aufhören zu heucheln. Das ist eine schlimme Nachricht. Denn Heuchelei ist ein Tribut des Lasters an die Tugend, wie mal ein kluger Franzose gesagt hat. Wenn das Laster nicht mehr tributpflichtig ist, sondern herumstolziert und seinen Hass in Megafone brüllt, hat es gewonnen.

Man könnte das mit einiger Gelassenheit betrachten, wenn Deutschland wenigstens von verlässlichen Demokratien umzingelt wäre. Leider ist das nicht mehr der Fall.

»Deutschland hat ewigen Bestand, / Es ist ein kerngesundes Land! / Mit seinen Eichen, seinen Linden / Werd ich es immer wiederfinden.« Diese Zeilen Heinrich Heines kennt kaum ein Mensch. Dabei finden sie sich just im selben Gedicht, in dem auch die berühmten Verse stehen: »Denk ich an Deutschland in der Nacht, / Dann bin ich um den Schlaf gebracht«.
Will sagen: Ginge es nur um Deutschland, wäre alles halb so schlimm.

Gewiss wäre es immer noch unappetitlich, dass gerade im Lande Himmlers und Heydrichs eine faschistische Partei sich ausbreitet wie ein Kuhfladen. Aber man könnte das mit einiger Gelassenheit betrachten, wenn Deutschland wenigstens von verlässlichen Demokratien umzingelt wäre. Leider ist das nicht mehr der Fall. Polen, Italien, Ungarn haben rechtsradikale Regierungen. Niemand kann garantieren, dass in Frankreich – Heines Exilland – morgen nicht der Rassemblement National an die Macht kommt.

In der Zwischenzeit mache ich mir Sorgen um Deutschland. Und ja, oft schlafe ich nachts schlecht.

Der Autor ist Journalist und lebt in New York.

Interview

»Es fehlte am fußballerischen Können, nicht am Glück«

Sportreporter-Legende Marcel Reif über das WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft, Jürgen Klopp und die Zukunft von Julian Nagelsmann als Bundestrainer

von Michael Thaidigsmann  02.07.2026 Aktualisiert

Augsburg

Neue »Initiative Antisemitismuskritik & Theater« gegründet

Rund 60 Theaterschaffende haben in Augsburg ein neues Netzwerk gegen Judenfeindlichkeit ins Leben gerufen. Ihnen geht es etwa darum, antisemitismuskritische künstlerische Werke zu entwickeln. Und sie wollen expandieren

von Christopher Beschnitt  02.07.2026

Protest

Zehntausende Gegner des AfD-Bundesparteitags in Erfurt erwartet

Erfurt hofft auf ein gewaltfreies Wochenende: Zum AfD-Bundesparteitag in der Stadt werden zehntausende Demonstranten erwartet. Kirchen, Parteien und Bündnisse rufen zu friedlichem Protest auf. Die Polizei bereitet sich auf mögliche Störungen vor

von Matthias Thüsing  02.07.2026

Nahost

Iran besteht auf militärische Kontrolle der Straße von Hormus

Die iranische Armee verlangt, dass Schiffe nur die vom Iran festgelegte Route durch die Meerenge nutzt

 02.07.2026

Diplomatie

USA und Iran sollen Fortschritte bei indirekten Gesprächen gemacht haben

Die Spannungen zwischen den USA und dem Iran erschweren eine Lösung der komplexen Konfliktlage im Nahen Osten. Nach indirekt geführten Gesprächen in Doha melden die Vermittler Fortschritte

 02.07.2026

Meinung

Was Deutschland von Albanien lernen kann

Wer immer noch überrascht tut und nicht konsequenter gegen die Mullahs vorgeht, handelt nicht nur fahrlässig, sondern lädt ihre Killer geradezu ein

von Ralf Balke  02.07.2026

Analyse

Vorteil Putin?

Früh hieß es, Russland sei einer der Profiteure des Iran-Kriegs und die Ukraine ein Verlierer. Doch das greift zu kurz

von Alexander Friedman  02.07.2026

Hintergrund

Wenn Juden- und Israelfeindlichkeit Extremisten aller Couleur vereint

Der Verfassungsschutzbericht 2025 verdeutlicht einmal mehr: Antisemitismus und Antizionismus sind der Bindekitt zwischen ansonsten inkompatiblen extremistischen Strömungen

von Michael Thaidigsmann  01.07.2026

Meinung

Warum Hessens Vorstoß mit der Meinungsfreiheit vereinbar ist

Die Landesregierung will die Leugnung des Existenzrechts Israels unter Strafe stellen. Mit einer veränderten Begründung und anderen leichten Modifikationen wäre der umstrittene Entwurf grundgesetzkonform

von Fiete Kalscheuer  01.07.2026