Interview

»Wir haben keine Wahl«

Suaad Onniselkä Foto: privat

Interview

»Wir haben keine Wahl«

Suaad Onniselkä über den Dialog zwischen Juden und Muslimen, Desinformation und die nächste Generation

von Michael Thaidigsmann  17.02.2026 17:20 Uhr

Frau Onniselkä, Sie haben in Straßburg an einem Treffen des Muslim-Jewish Leadership Council teilgenommen. Können die beiden Gemeinschaften nach dem 7. Oktober 2023 und dem Krieg in Gaza denn überhaupt noch miteinander?
Wir haben keine Wahl. Wir leben in Europa zusammen, wir sind beide religiöse Minderheiten. Ich finde, es ist keine Alternative, den Dialog nicht zu führen. In diesen aufgewühlten Zeiten ist es wichtiger denn je, dass muslimische und jüdische Gemeinschaften nach gemeinsamen Antworten suchen.

Sie sind Lehrerin für Islam, Mathematik sowie Physik und Schulleiterin in Finnland. Wie steht es um die Beziehungen zwischen Juden und Muslimen dort?
Bei uns gibt es eine lange Tradition des Dialogs zwischen den beiden Gemeinschaften, insbesondere auf Führungsebene. Wir haben in der Vergangenheit viel gemeinsam durchgestanden. Das Vertrauen ist nach wie vor vorhanden. Ich mache mir jedoch Sorgen um die Jugend. Viele junge Menschen beziehen ihre Informationen ausschließlich aus den sozialen Medien. Etliches davon ist negativ, einseitig oder gar falsch. Es ist deswegen unheimlich wichtig, dass wir die nächsten Generationen in unseren Dialog einbeziehen.

Die sozialen Medien prägen die Wahrnehmung des Nahostkonflikts. Befürworten Sie Verbote, um Minderjährige vor Hass und Desinformation zu schützen?
Nein. Wir sind ohnehin schon weit über das Stadium hinaus, in dem Verbote noch etwas bringen können. Ich finde, wir müssen den nachkommenden Generationen die Fähigkeit vermitteln, besser damit umzugehen, gerade in Zeiten von Künstlicher Intelligenz. Als die Krise im Nahen Osten begann, beschloss ich persönlich, mir keine Beiträge in den sozialen Medien dazu mehr anzuschauen. Ich wollte nicht von Propaganda beeinflusst werden. Ich will Informationen, denen ich vertrauen kann. Nur so kann man sich eine eigene Meinung bilden.

Werden Sie als Muslimin von Ihren Schülern besonders gedrängt, zum Gaza-Krieg Position zu beziehen?
Ja, manchmal stellen mir Schüler dazu provokante Fragen. Ich versuche, ihnen dann zu erklären, warum die Situation kompliziert ist, und dass ich als Muslimin am Dialog mit der jüdischen Gemeinde teilnehme. Oft reagieren sie dann überrascht. Aber sie erkennen, dass es nicht nur Schwarz und Weiß gibt. Ich habe jedoch die Sorge, dass viele junge Menschen heute von Rassismus und Ausgrenzung betroffen sind. Wenn beispielsweise muslimische Kinder Islamfeindlichkeit erfahren, wird es ihnen möglicherweise später als Erwachsene schwerer fallen, eine reflektierte Sicht einzunehmen. Diskriminierung, egal wer davon betroffen ist, bedeutet, dass etwas mit der Gesellschaft nicht stimmt. Das ist eine Krankheit. Wir müssen sie gemeinsam heilen.

Mit der finnischen Pädagogin sprach Michael Thaidigsmann.

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