Einspruch

Weggeschaut und ignoriert

Martin Krauss Foto: Stephan Pramme

Einspruch

Weggeschaut und ignoriert

Martin Krauß fragt sich, ob wirklich Lehren aus der Geschichte gezogen wurden

von Martin Krauss  05.11.2018 15:47 Uhr

Ein interessantes Umfrageergebnis hat der Hessische Rundfunk mitgeteilt: Eine knappe Mehrheit der deutschen Bevölkerung, 51 Prozent, ist der Meinung, dass Antisemitismus sich hierzulande nicht ausbreitet. Nur 40 Prozent haben den Eindruck, den nach einer anderen Umfrage fast 80 Prozent der Juden haben: Es wird schlimmer.

Diese Zahlen, vorgelegt in der Woche, die vom Gedenken an die Pogrome vor 80 Jahren geprägt ist, verraten einiges über das Verhältnis von Mehrheitsgesellschaft und jüdischer Minderheit. Dass es in jedem politischen Lager und jedem Sozialmilieu offene Judenhasser gibt, ist bekannt. Unstrittig ist auch, dass die sich immer ungenierter äußern: Wo früher ano­nym ins Telefon geraunzt wurde, kommt heute eine E-Mail mit Name und Adresse.

antisemitismus Was die aktuellen Zahlen jedoch besonders deutlich machen, ist: Je unverhüllter, dreister und auch häufiger sich Antisemitismus artikuliert, desto weniger wird er gesehen. Mehr Hass bedeutet paradoxerweise auch: mehr Wegschauen.

Das ist zugleich ein erschreckender Kommentar zu dem Datum, an das wir in diesen Tagen erinnern. Wer jetzt sagt, dass doch keineswegs alle nichtjüdischen Deutschen an den Pogromen 1938 beteiligt waren, hat ja recht. Doch dieser Satz wird nur durch seine Ergänzung korrekt: Viele, die nicht zu Tätern wurden, haben damals weggeschaut. Und das in einer Situation, in der jede Hilfe und jedes noch so kleine Signal, dass man sich an die Seite der jüdischen Nachbarn stellt, von so großer Bedeutung gewesen wäre.

Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Es geht nicht um Gleichsetzung von früher und jetzt. Eine solche wäre in jeder Hinsicht falsch. Worum es aber sehr wohl geht, ist dies: Wenn die Mehrheitsgesellschaft Lehren aus der Geschichte ziehen will, wenn Juden über einen Anstieg von Antisemitismus klagen, und wenn sie dies mit Zahlen, Beispielen und Berichten belegen, dann muss sich ignorantes Wegschauen von selbst verbieten.

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