Interview

»Weder die Verwaltung noch die Politik stehen an meiner Seite«

Stefan Hensel Foto: Bertold Fabricius

Interview

»Weder die Verwaltung noch die Politik stehen an meiner Seite«

Stefan Hensel hat seinen Rücktritt als Antisemitismusbeauftragter Hamburgs angekündigt. Ein Gespräch über die Folgen des 7. Oktober, den Kampf gegen Windmühlen und kleine Gesten der Solidarität

von Joshua Schultheis  29.11.2025 17:37 Uhr

Herr Hensel, Sie sind seit Juli 2021 der Antisemitismusbeauftragte Hamburgs und erst vor wenigen Monaten hat Ihre zweite Amtszeit begonnen. Doch nun treten Sie frühzeitig zum Jahresende zurück. Warum?
Es gibt nicht den einen Punkt, der zu meiner Entscheidung geführt hat. Ich will einfach nicht mehr. Vieles, was mit diesem Amt einhergeht, kann ich nicht mehr hinnehmen. Seit den Hamas-Massakern vom 7. Oktober 2023 ist meine persönliche Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt. Bei Veranstaltungen habe ich Personenschutz. Es gibt einen massiven Hass, der seitdem über mich hereinbricht. Zugleich habe ich das Gefühl, dass alle Projekte, die ich mir als Antisemitismusbeauftragter vorgenommen habe, erledigt sind.

Welche Projekte sind das?
Mit der Polizeiakademie haben wir eine einzigartige Dunkelfeldstudie über antisemitische Erfahrungen in der Jüdischen Gemeinde Hamburg gemacht, bei der alle Mitglieder angefragt wurden. Das Ergebnis: Das Anzeigeverhalten antisemitischer Vorfälle ist sehr gering und die Dunkelfeldquote liegt bei einem Faktor von acht bis zehn. Während meiner Amtszeit wurde außerdem der Kampf gegen Antisemitismus in die Hamburger Verfassung aufgenommen und eine Landesstrategie gegen Antisemitismus aufgesetzt. Eigentlich stand also alles bereit, damit Hamburg auf die antisemitische Welle hätte reagieren können, die uns mit dem 7. Oktober getroffen hat.

Eigentlich?
Das Problem ist die Umsetzung. Als Antisemitismusbeauftragter dringe ich in der Politik immer weniger durch. Ich beiße ständig auf Granit, wenn ich die Verantwortlichen darauf hinweise, dass sie ihrer Verpflichtung, Antisemitismus zu bekämpfen, nicht nachkommen. So blieb zum Beispiel mein Protest ohne Folgen, als in der Kulturfabrik Kampnagel die BDS-Anhängerin Zamzam Ibrahim auftrat, die antisemitische Positionen vertritt. In der Universität Hamburg finden regelmäßig Veranstaltungen statt, bei denen sich israelfeindlich und antisemitisch geäußert wird. Es gibt eine lange Liste solcher Fälle, die folgenlos blieben, obwohl nach der Landesstrategie gegen Antisemitismus eigentlich Fördergelder hätten entzogen oder Raumvergaben überprüft werden müssen. Weder die Verwaltung noch die Politik stehen hier an meiner Seite, obwohl sie doch eigentlich meine Verbündeten sein sollten.

»Für mich war es nicht wichtig, dass ich Jude bin, als ich dieses Amt übernommen habe.«

Das klingt, als sei Ihre Arbeit ein Kampf gegen Windmühlen.
Es gibt in der Politik leider wenig Bewusstsein dafür, wie einschneidend der 7. Oktober für die Juden in Deutschland war. Trotz einer anfänglichen Welle der Solidarität mussten zum Beispiel die zwei bisherigen Gedenkveranstaltungen zu den Jahrestagen von der jüdischen Gemeinde und der israelischen Community selbst organisiert werden. Das ist eine Zustandsbeschreibung. Ich verlasse das Amt nicht im Bösen. In der aktuellen Situation und mit diesen Rahmenbedingungen will ich das Amt nicht mehr weiterführen.

Der Rücktritt des einzigen jüdischen Antisemitismusbeauftragen eines Bundeslandes hat eine besonders drastische Symbolik. Wirft das nicht einen Schatten auf die gesamte Konstruktion dieses Amtes?
Ich tue mich schwer damit, diese Frage selbst zu beantworten. Das müssen andere tun. Für mich war es nicht wichtig, dass ich Jude bin, als ich dieses Amt übernommen habe. Jeder, der den richtigen Kompass hat, kann diesen Job machen. Das Entscheidende ist die Ausstattung und die Zugänge, die ein Antisemitismusbeauftragter bekommt. Da gibt es große Unterschiede. Meine Kompetenzen waren leider sehr beschränkt.

Gibt es auch Positivbeispiele in Deutschland?
Ein Beispiel für wirklich effektive Arbeit ist das, was mein Kollege Ludwig Spaenle in Bayern macht. Was er als Antisemitismusbeauftragter tut, ist sehr ernsthaft, sehr klug und von dem Willen getragen, dass man Jüdinnen und Juden in jedem Lebensbereich Partizipation ermöglicht. Im Freistaat wurde nach dem 7. Oktober ein bayerisch-israelisches Jugendwerk ins Leben gerufen, weil das auf Bundesebene bisher nicht geklappt hat. Auch in anderen Hinsichten ist man in Bayern sehr weit, was die Antisemitismusbekämpfung angeht. Das zeigt, dass das Amt des Antisemitismusbeauftragten nicht sinnlos ist. Entscheidend ist aber der politische Wille. In Ländern wie Tschechien, Polen oder Ungarn ist er vorhanden, und dort sehen wir, dass Jüdinnen und Juden ihren Alltag weitgehend ohne Probleme leben können.

»Jüdisches Leben ist nicht nur in Deutschland unsicherer geworden, sondern auch an Orten wie Kanada oder den USA.«

Sie sind auch persönlich von Antisemitismus betroffen. Im Mai wurden Sie und Ihre Tochter bedrängt und beleidigt, als Sie im Auto ein israelisches Lied hörten. Was hat das für Sie verändert?
Nicht sehr viel. Ich habe mich natürlich gefragt, ob ich das Autofenster lieber hätte zulassen oder besser ein deutsches Kinderlied hätte spielen sollen. Und ansonsten? Man muss ja weitermachen. Die Tat geschah aus dem Affekt heraus und galt nicht mir als Antisemitismusbeauftragen. Das hätte jeden Juden treffen können, und der Mann hat eine lange Vorstrafenliste mit ähnlich gelagerten Taten. Leider gab es in Hamburg schon mehrfach Angriffe gegen Menschen auf offener Straße aus einer antisemitischen Motivation heraus.

Wie würden Sie die Situation der jüdischen Gemeinschaft Hamburgs beschreiben?
Seit dem 7. Oktober ist jedes Gefühl von Sicherheit weg. Das hat die Community aber auch enger zusammenrücken lassen. Man hat verstanden, dass man sich gegenseitig braucht, dass Veranstaltungen wichtig sind, wo man sich als Jude nicht erklären muss, wo man auch mal ausgelassen sein kann. Vielleicht sind die Leute nicht gläubiger geworden, aber sie wollen Gemeinschaft.

Wird unter Hamburger Jüdinnen und Juden über Auswanderung gesprochen?
Ja, diese Diskussion wird seit dem 7. Oktober viel intensiver geführt als zuvor. Auch in meiner eigenen Familie. Das Problem ist, dass jüdisches Leben nicht nur in Deutschland unsicherer geworden ist, auch an Orten wie Kanada oder den USA. Ich war vor einer Weile in New York und selbst dort verschwinden die Kippot immer öfter unter Baseball-Kappen. Was bleibt, ist die Option, nach Israel zu gehen. Es ist das einzige Land, wo man als Jude im Alltag keinen Antisemitismus erleben muss. Gleichzeitig ist es nicht einfach, sich in Israel ein neues Leben aufzubauen. Man muss die Sprache lernen und einen Job finden. Für viele Juden aus Deutschland sind das hohe Hürden.

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Wie kann jüdisches Leben in Deutschland trotz zunehmendem Antisemitismus gestärkt werden?
Wir müssen den positiven Bezug der Jüdinnen und Juden zu ihrer jüdischen Identität stärken. Sie dürfen sich nicht nur als Opfer verstehen. Dieses negative Selbstbild ist meiner Meinung nach die größte Bedrohung für jüdisches Leben in Deutschland. Dem müssen wir entgegenwirken, vor allem, indem wir den Kindern und Jugendlichen helfen, jüdische Gemeinschaft jenseits von Antisemitismus und Gewalt zu erfahren.

Was macht Ihnen Hoffnung, dass das möglich sein wird?
Das Zusammenrücken der jüdischen Gemeinschaft seit dem 7. Oktober habe ich bereits erwähnt. Dazu gehört auch, dass sich die israelische Community in der Stadt der Gemeinde angenähert hat und mit ihr kooperiert. So kriegen wir ein Stück israelisches Judentum ab, das selbstbewusst ist und eine ganz andere Lässigkeit hat, als wir das in Deutschland kennen. Auch von Nichtjuden gibt es immer wieder kleine Gesten der Solidarität. Von der gelegentlichen Nachfrage, wie es einem geht, bis zur Teilnahme an Kundgebungen gegen Antisemitismus. Auch das ist es, was uns als jüdische Gemeinschaft in den vergangenen zwei Jahren getragen hat.

Das Gespräch mit dem Beauftragten für jüdisches Leben und die Bekämpfung und Prävention von Antisemitismus in Hamburg führte Joshua Schultheis.

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