Frau Arbitmann, der Oktober ist der Aktionsmonat für Brustkrebs. Was ist bei der Vorsorge besonders wichtig?
Entscheidend ist eine individuelle Vorsorge, die Alter und Familiengeschichte berücksichtigt. Regelmäßige Mammografien bei Frauen nach der Menopause helfen, Brustkrebs frühzeitig zu erkennen und die Heilungschancen deutlich zu verbessern. Bei jüngeren Frauen mit familiärer Vorbelastung kann eine Ultraschalluntersuchung sinnvoll sein. Die Selbstuntersuchung ist ebenfalls wertvoll, ersetzt aber nicht die ärztliche Vorsorge. Wichtig ist, Risiken frühzeitig zu erkennen und Überdiagnosen gleichzeitig kritisch im Blick zu behalten.
Welche Rolle spielt das familiäre Risiko, insbesondere bei jüdischen Frauen?
Eine gute Familienanamnese ist unverzichtbar. Genetische Veränderungen wie BRCA1 und BRCA2 können das Risiko für Brust- und Eierstockkrebs erhöhen, aber auch mit anderen Krebserkrankungen verbunden sein. Die genetisch bedingten Brustkrebsvarianten sind bei aschkenasischen und sefardischen Juden häufiger als in der Allgemeinbevölkerung. Das bedeutet nicht, dass alle jüdischen Frauen automatisch eine intensive Frühdiagnostik benötigen. Entscheidend sind: fundierte Beratung und gegebenenfalls genetische Testung – auch der väterlichen Seite. Das wird oft noch übersehen.
Über die (Peri-)Menopause wird mehr gesprochen. Sind wir aufgeklärt genug?
Wir sind auf einem guten Weg, aber noch lange nicht am Ziel. Das Thema wurde in der medizinischen Ausbildung lange vernachlässigt. Frauengesundheit wird häufig noch auf die reproduktive Lebensphase reduziert. Dabei betreffen hormonelle Veränderungen den gesamten Körper: Stoffwechsel, Herz-Kreislauf-System, Knochen, Gelenke und Psyche. Wir brauchen deshalb eine interdisziplinäre Versorgung, die Frauen in der Perimenopause, während der Menopause und in den Jahren danach ernst nimmt.
Welche besondere Bedeutung hat das Thema im jüdischen Kontext?
Auch hier müssen wir den Blick erweitern. Wenn über Frauen gesprochen wird, stehen in traditionelleren jüdischen Strukturen häufig Mikwe, Schwangerschaft und Mutterschaft im Mittelpunkt. Die Gesundheit und Lebensrealität von Frauen nach der Familien- und Kinderphase werden wenig thematisiert. Dabei gibt es im Judentum viele Traditionen und Perspektiven, die Frauen in allen Lebensphasen wertschätzen. Wir sollten mehr Raum schaffen, damit auch ältere Frauen, ihre Bedürfnisse und ihre Gesundheit sichtbarer werden.
Wie sieht die Lebensmitte bei Männern aus?
Männer erleben ebenfalls hormonelle Veränderungen, insbesondere einen allmählichen Rückgang des Testosteronspiegels. Das kann sich auf Stoffwechsel, Muskel- und Fettverteilung, Stimmung und Leistungsfähigkeit auswirken. Die Phase ist allerdings nicht direkt mit der weiblichen Menopause vergleichbar.
Mit der Frankfurter Gynäkologin sprach Katrin Richter.