BDS-Bewegung

Von wegen Frieden

Demonstranten fordern »boycott, divestment, sanctions«, also Boykott, Kapitalabzug und Sanktionen. Foto: dpa

Als ich vor 24 Jahren an einer Diskussion mit palästinensischen Kommilitonen an der SOAS University of London teilnahm,
passte dies dem Vorstand des dortigen Studentenwerks nicht. Man solle nicht mit »Zionisten« sprechen, hieß es. Vier Jahre später lud das gleiche Studentenwerk Sprecher der Hisbollah zu einem Vortrag ein.

Seine Sympathie für die schiitische Terrororganisation Hisbollah hat auch der bekannte britische Politiker George Galloway (bis Mai 2015 Parlamentsmitglied für die Respect Party) bereits mehrmals öffentlich bekundet. Damit einher geht seine klare Abneigung gegen den jüdischen Staat: Vor zwei Jahren verließ er eine Veranstaltung in Oxford, weil er nicht mit einem Israeli diskutieren wollte: »Ich erkenne Israel nicht an und debattiere nicht mit Israelis.«

kampagne Im vergangenen Jahr erklärte Galloway die Stadt Bradford – dort hat er seinen Wahlkreis – voller Stolz zur »israelfreien Zone«. Man wolle keine israelischen Waren oder Dienstleistungen, keine israelischen Akademiker und noch nicht einmal Touristen. Er fordert »boycott, divestment, sanctions«, also Boykott, Kapitalabzug und Sanktionen, kurz BDS. Er ist Unterstützer einer internationalen politischen Kampagne gegen Israel, die für sich wie selbstverständlich in Anspruch nimmt, gegen alle Formen von Rassismus, also auch Antisemitismus, einzutreten.

Doch Hand aufs Herz: Wer sich heute unter den Hunderten Konflikten der Welt einzig den israelisch-palästinensischen heraussucht und ihn zur Grundlage einer Kampagne gegen Israel macht, rutscht auf dem jahrhundertealten Parkett des Judenhasses aus. Da hilft es auch wenig, wenn Repräsentanten wie Galloway behaupten, sie hätten »nur mit Israel und den Zionisten ein Problem, nicht aber mit Juden«.

Dabei gäbe es viele Staaten zu boykottieren, sei es wegen ihrer Außenpolitik, Kriegsführung, Menschenrechtsverletzungen oder Umweltzerstörung. Die Liste ist lang. Die Konzentration auf Israel ist deshalb als gewollt zu verstehen. Und der Boykott als Protest gegen die Besatzung? Offensichtlich gibt es keine Probleme für den Handel und den Kultur-, Wissenschafts- oder Sportaustausch mit Marokko, das die Westsahara seit 1979 besetzt hält, oder mit der Türkei, die 1974 den Norden Zyperns einnahm, woraufhin 170.000 griechische Zyprer vertrieben wurden – um nur zwei Beispiele zu nennen. Nein, es geht um Israel, nur um Israel.

apartheidregime Von den BDS-Befürwortern wird gerne auf die Aktionen gegen das südafrikanische Apartheidregime in den 80er-Jahren verwiesen, zu dessen Überwindung Boykott und Sanktionen beigetragen haben sollen. Nun hat sich gerade am vergangenen Sonntag Frederik Willem de Klerk dazu geäußert, der als ehemaliger Präsident Südafrikas einen großen Anteil an der Überwindung der Rassentrennung hatte und dafür 1993 mit Nelson Mandela den Friedensnobelpreis erhielt. De Klerk sagte, die Boykotte hätten den Menschen geschadet, denen sie eigentlich nutzen sollten. Den Boykott Israels bezeichnete er als »kontraproduktiv«.

Die BDS-Bewegung entstand 2005, sie hat in Südafrika viele Unterstützer. In Europa ist sie besonders in Großbritannien aktiv, wird hier auch von Gewerkschaften und Studentenverbänden unterstützt. Supermarktketten nehmen israelische Lebensmittel aus ihren Regalen, Apotheken israelische Arzneimittel aus dem Sortiment. Zahlreiche Künstler beteiligen sich an einem kulturellen Boykott Israels, zu den Unterstützern zählen auch Rockstars wie Roger Waters oder Annie Lennox.

Es ist wohl müßig, die BDS-Unterstützer auf Aussagen wie die des ehemaligen Staatspräsidenten Schimon Peres aufmerksam zu machen, der immer wieder betont, dass Frieden der Wunsch der übergroßen Mehrheit der Israelis ist, und der in der vergangenen Woche bekräftigte: »Wir müssen mit denen verhandeln, die nicht mit uns darin übereinstimmen, Kompromisse zu machen. Wer immer Israel boykottiert, ist gegen Frieden und sabotiert diesen.«

menschenrechtsaktivist Eine Auseinandersetzung auch mit den kritischen Stimmen in der palästinensischen Gesellschaft – jüngst hat der Ost-Jerusalemer Menschenrechtsaktivist Bassem Eid sich gegen einen Boykott ausgesprochen – scheint wesentlich schwerer zu sein als die Befolgung eines Aufrufs, der der anderen Seite nur ausweicht.

Beim Israelischen Filmfestival »Seret«, das kürzlich in London stattfand, liefen mehrere Filme, die sich kritisch mit den Realitäten im Nahen Osten auseinandersetzten. Trotzdem wurden auch diese von einer Gruppe namhafter britischer Schauspieler und Filmemacher boykottiert. Boykotteure sehen weder kritische israelische Filme, noch nehmen sie offenbar die unterschiedlichen Stimmen aus der Region wahr.

Die BDS-Strategie wirkt eben nicht im Sinne des Konfliktabbaus, sondern folgt der Ideologie derer, die die Belange der Israelis ebenso wie die der Palästinenser absichtlich ignorieren. Und sie folgt eben auch viel zu oft den Spuren des alten und latenten Judenhasses.

Der Autor ist freier Journalist und lebt in London.

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« erhält Tacheles-Preis

Der Tacheles-Preis wird alle zwei Jahre an Personen oder Organisationen verliehen, die sich für die Sicherung einer jüdischen Zukunft in Deutschland einsetzen. Die Laudatio hält der neue WELT-Chefredakteur Helge Fuhst

 18.05.2026

Berlin

Josef Schuster für Bestrafung der Leugnung von Israels Existenzrecht

Der Zentralratspräsident stellt sich hinter das Vorhaben aus Hessen. Derweil sind einige Strafrechtler skeptisch

 18.05.2026

Interview

»Sonntagsreden reichen nicht«

Hessens Justizminister Christian Heinz will, dass Aufrufe zur Vernichtung Israels künftig unter Strafe stehen. Wie lässt sich ein solcher Eingriff in die Meinungsfreiheit begründen? Ein Gespräch über Staatsräson, den Schutz jüdischen Lebens und Mehrheiten im Bundesrat

von Joshua Schultheis  18.05.2026

Mailand

Provokantes »Hitler mit Kufiya«-Mural bei israelfeindlicher Demonstration aufgetaucht

Nach Angaben des Künstlers versteht sich die Aktion als Warnung vor wachsender gesellschaftlicher Radikalisierung und der zunehmenden Normalisierung antisemitischer Sprache

 18.05.2026

Washington D.C.

Mutmaßlicher Drahtzieher von Angriffen auf jüdische Einrichtungen vor Gericht

Auch für einen Brandanschlag auf ein jüdisches Restaurant in München soll Mohammad Baqer Saad Dawood Al-Saadi verantwortlich sein

 18.05.2026

Initiative

Offener Brief jüdischer Organisationen an Berliner Senatorin

Nachdem eine Klage des jüdischen Studenten Lahav Shapira gegen die Freie Universität Berlin für unzulässig erklärt worden ist, fordern jüdische Organisationen eine Gesetzesänderung

 18.05.2026 Aktualisiert

Potsdam

Forscher: Offenheit für AfD wächst trotz mehr Radikalität

Der Extremismusforscher Botsch erklärt, warum die Bereitschaft wächst, die zumindest in Teilen rechtsextremistische Partei zu wählen - ungeachtet ihrer Entwicklung

von Marc-Oliver von Riegen  18.05.2026

Ramallah

Abbas will blockierte Gelder als Terror-Renten verwenden

In Zusammenhang mit Israels Entscheidung, Teile der Steuereinnahmen für die PSA einzubehalten, spricht der Palästinenserpräsident von einem Rechtsbruch, will aber weiterhin illegale Terror-Renten bezahlen

 18.05.2026

Pilsen

Wie es mit Marla Svenja Liebich weitergehen könnte

Nach monatelanger Fahndung wurde die Rechtsextremistin gefasst. Seit einigen Wochen sitzt sie in Tschechien in Haft. Ein Gericht dort will nun über eine Auslieferung entscheiden

 18.05.2026