EILMELDUNG! Likud-Bündnis mit 54 Sitzen vorn. Eisenkots Bündnis kommt auf 49 Sitze

Porträt

Viktor Eichner - Stimme des weltweiten Judentums beim Vatikan

Viktor Eichner (2.v.l.) war im Oktober 2023 Teil einer von Ronald Lauder angeführten WJC-Delegation bei Papst Franziskus im Vatikan. Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Am Revers seines dunklen Anzugs trägt Viktor Eichner eine gelbe Schleife. »Die erinnert an die israelischen Geiseln, die noch immer festgehalten werden«, sagt der 31-Jährige. Aus der aktuellen Politik hält er sich eigentlich heraus, aber der Angriff der Hamas auf Israel beeinflusst die Arbeit des jungen Ungarn massiv. »Der 7. Oktober hat viele meiner Projekte zerschlagen.« Denn Eichner vertritt den Jüdischen Weltkongress (WJC) beim Heiligen Stuhl.

Die Beziehungen zur katholischen Kirche seien für das Judentum sehr wichtig, betont Eichner. »Es gibt bei den Katholiken ein tiefes Verständnis über die jüdische Identität und Religion. Das wollen wir nutzen, um weitere Partnerschaften zu knüpfen.« So laufen in der am 18. Oktober eröffneten Vatikan-Vertretung des weltweiten Judentums, wenige Gehminuten vom Petersdom entfernt, viele Fäden zusammen.

Schon Eichners erste Papstaudienz an Tag zwölf des Nahost-Kriegs war davon überschattet: WJC-Präsident Ronald Lauder und seine Delegation baten Franziskus um Fürsprache zur Freilassung der Geiseln. »Es war trotz allem ein großartiges Gespräch, weil wir spürten, dass der Papst sehr tief mit uns fühlt«, erinnert sich Eichner.

Katholische Multiplikatoren

Bei seiner Arbeit sucht er vor allem Kontakt zur nächsten Generation katholischer Multiplikatoren: junge Priester, Ordensleute, Seminaristen und Studierende, so der Diplomat, der aus einer säkularen jüdischen Familie in Budapest stammt. »Aber ich will auch einfach das Positive des Judentums bekannter machen.«

Zum Beispiel bei sogenannten »Model Shabat Dinners«, die er zusammen mit seiner Frau, einer jungen Modedesignerin, zu Hause organisiert: »Die Gäste sollen unsere Tradition kennenlernen: die Speisen am Schabbat, koscheres Kochen - und dass da nichts Geheimnisvolles oder Seltsames passiert«, sagt Eichner, der neben Ungarisch auch Englisch, Italienisch und Hebräisch spricht.

Nach vier Jahren unter anderem als Unternehmensberater in Tel Aviv ging er gerne für den Jüdischen Weltkongress nach Rom. »Die allermeisten der mehr als 100 jüdischen Gemeinschaften weltweit leben in Frieden und enger Partnerschaft mit ihrer Umgebung und anderen Religionen«, sagt Eichner. »Aber die letzten Jahre haben gezeigt, wie schnell sich das wandeln kann.« Umso wichtiger seien verlässliche Partnerschaften über Grenzen hinaus.

Vorbildliches Deutschland

Deutschland, zuletzt das einzige Land Europas, in dem die Zahl der Juden wächst, findet er vorbildlich. Natürlich komme das Plus auch durch Migranten aus Russland und der Ukraine. Aber auch, weil Bundesregierung und Gesellschaft Verständnis dafür hätten, dass jüdisches Leben geschützt werden muss.

Ähnlich sei es beim Thema Antisemitismus: Studien zeigen einen weltweiten Anstieg von bis zu 500 Prozent seit dem 7. Oktober. »Deutschland ist da keine Ausnahme, aber auf niedrigerem Niveau.«

In seiner neuen Heimat Italien, wo von rund 60 Millionen Einwohnern etwa 30.000 Juden sind, fühle er sich sicher. »Ich sehe allerdings auch nicht jüdisch aus. Freunde von mir tragen nicht mehr öffentlich die Kippa oder entfernen die jüdische Schriftkapsel Mesusa von der Haustür - aus Angst.«

»Besatzer« und »Opfer«

Ihn überrasche es nicht, dass Antisemitismus heute nicht zwingend aus rechtsextremen Ecken komme, sondern auch aus liberalen bis linken Milieus. Dazu tragen aus Sicht Eichners auch manche Zuwanderer aus islamisch geprägten Staaten bei. Ihr Hass richte sich nicht nur gegen Juden, sondern generell gegen demokratische und liberale Werte.

Damit ändere sich fatalerweise auch die Sicht auf den Nahostkonflikt: Die Formel vom »Besatzer« Israel und den Palästinensern als »Opfer« sei inzwischen Mainstream. »Der Jüdische Weltkongress hat eine Resolution zur Unterstützung der Zwei-Staaten-Lösung verabschiedet, bei der Israelis und Palästinenser in Frieden leben können. Aber diese Idee scheint in weiterer Ferne als je zuvor.«

Bei seiner Arbeit mit dem Vatikan hat Eichner für 2025 nicht nur das Heilige Jahr im Auge, sondern auch den 60. Jahrestag von »Nostra Aetate«: Mit dem Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) hatte die katholische Kirche ihr jahrhundertelang belastetes Verhältnis zum Judentum auf eine neue Basis gestellt.

Interreligiöse Initiativen

Die jüdische Antwort darauf ist das Dokument »Kishreinu« (»Unser Weg«). Aus diesen meist abstrakten Thesen sollen weiter konkrete interreligiöse Initiativen wachsen, sagt Eichner. Unterstützt wird er dabei vom päpstlichen »Ökumeneminister« Kardinal Kurt Koch und seinem Team.

Wenn Viktor Eichner einen Wunsch frei hätte? »Den Krieg sofort beenden und die Geiseln befreien beziehungsweise ihre Leichen den Familien zurückgeben«, sagt er ohne Zögern.

»Dieser Krieg ist schrecklich, auf beiden Seiten gibt es viele Tote und viel Leid. Und er verhindert auch wichtige Projekte, etwa für Menschenrechte und ein friedliches Zusammenleben«, so der junge Diplomat. »Wir sollten einander zuhören, kennenlernen, und dann gemeinsam Ideen für eine bessere Welt entwickeln.«

Reaktion

Laschet: Chancen auf politische Versöhnung in Israel gestiegen

Der Ausgang der Wahl in Israel ist unklar - die Auszählung dauert an. Doch CDU-Außenpolitiker Armin Laschet äußert sich in einer ersten Einschätzung zuversichtlich

 28.10.2026

Washington D.C.

Trump will Ben-Gvir offenbar aus Netanjahus nächster Regierung heraushalten

Angesichts der unklaren Mehrheitsverhältnisse nach der Parlamentswahl könnte der US-Präsident zudem auf eine nationale Einheitsregierung drängen

 28.10.2026

Meinung

Wieder ein »kleiner Geländegewinn«

Die Linken-Abgeordnete Vanessa Emde hat es erneut geschafft, die Regierungsunfähigkeit ihrer Partei zu demonstrieren

von André Anchuelo  28.10.2026

Magdeburg

CDU-Abgeordnete sollten eidesstattliche Erklärung unterschreiben

Seit der Wahl eines AfD-Politikers zum Landtagspräsidenten steht der Verdacht im Raum, Stimmen könnten aus der CDU gekommen sein. Wie die Fraktion damit umgeht

 28.10.2026

Berlin

Verfassungsschutz warnt vor linksextremen Einflüssen

Für Samstag hat die Initiative Gen Z regelt deutschlandweit zu Protesten für Bildung und soziale Gerechtigkeit aufgerufen. Aus Sorge vor Ausschreitungen beobachten die Behörden die Lage genau

 28.10.2026

Berlin

Antisemitismusbeauftragte: »Jude« darf kein Schimpfwort sein

Katharina von Schnurbein tritt heute die Nachfolge von Felix Klein in der Bundesregierung an. Ihr erklärtes Ziel klingt einfach

 28.10.2026

Belgrad

Serbien: Anschlag auf Polizisten vor israelischer Botschaft

Erneut wird ein Wachbeamter vor der israelischen Botschaft angegriffen. Der Vorfall weckt Erinnerungen - welche Sicherheitsmaßnahmen die Behörden jetzt ergreifen

 28.10.2026

Washington D.C.

Trump reklamiert Anteil an Netanjahus überraschend starkem Wahlergebnis

»Als meine Unterstützung bekannt wurde, hat ihm das sehr geholfen«, sagt der amerikanische Präsident

 28.10.2026

Analyse

Die Wahl bringt keinen klaren Sieger hervor - was nun?

Die Wahlbeteiligung war mit 77,7 Prozent die höchste seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Doch die richtungsweisende Wahl in Israel ergab zunächst kein klares Ergebnis. Wie geht es jetzt weiter?

von Sara Lemel  27.10.2026