Altersarmut

Verdiente Rente

Wenn die Lebensarbeitsleistung nicht anerkannt wird, ist Altersarmut ein konkretes Problem. Foto: Getty Images

Die niedersächsische Landesregierung soll sich im Bundesrat für eine Gesetzesinitiative zur Verbesserung der Rentensituation von jüdischen Zuwanderern und Spätaussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion starkmachen. Das hat der Landtag in Hannover mit allen fünf im Parlament vertretenen Parteien am Mittwochabend der vergangenen Woche beschlossen.

Ziel der angestrebten Bundesratsinitiative ist es, »einen finanziellen Nachteilsausgleich bei der Rentenberechnung für Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedler beziehungsweise ein Ende der Benachteiligung jüdischer Zugewanderter zu erreichen, der die Arbeitsleistung im Herkunftsland angemessen berücksichtigt«.

Wichtigster Aspekt ist dabei, betonte der grüne Landtagsabgeordnete Belit Nejat Onay, die »Altersarmut beider Personengruppen zu vermeiden«. Auf Antrag der Grünen-Fraktion fand in die ursprüngliche Beschlussvorlage erst das Thema der jüdischen Zuwanderer Aufnahme.

berufsjahre Der ursprüngliche, von Sozial- und Christdemokraten eingebrachte Antrag, thematisierte lediglich die Altersarmut im Rentenfall von Spätaussiedlerinnen und Spätaussiedlern. Während die Berufsjahre der sogenannten Russlanddeutschen in der alten Heimat bei der »Fremdrentenanrechnung«, wenn auch vermindert, anerkannt werden, haben jüdische Zuwanderer, die nach 1990 aus der früheren Sowjetunion in die Bundesrepublik kamen, meist keinen ausreichenden deutschen Rentenanspruch.

Bei ihrer Rentenberechnung bei Erreichen des Rentenalters werden lediglich die Arbeitsjahre in Deutschland berücksichtigt. Da die meisten aber erst im hohen Alter oder bereits als Rentner kamen, fehlt ihnen trotz langjähriger Berufstätigkeit in ihrem Heimatland der entsprechende deutsche Rentenanspruch. Sie sind deshalb in der Regel auf staatliche Leistungen wie Grundsicherung im Alter angewiesen.

bayern Wohl mit Blick auf die Wahlerfolge der AfD unter anderem auch bei sogenannten Russlanddeutschen hatte in Bayern die christsoziale Landesregierung in München mit einem Antrag in der letzten Legislaturperiode des Landesparlaments für eine Nachbesserung bei der Rentengesetzgebung für deutschstämmige Aussiedler aus Russland plädiert.

Das rotschwarz regierte Niedersachsen rückt mit seinem jüngsten Beschluss von dieser bayerischen Ausgrenzung jüdischer Rentner ab. Der Grüne Belit Onay geht davon aus, dass sich auch andere Landesparlamente einer Bundesratsinitiative Niedersachsen anschließen werden.

»Der einstimmige Beschluss des Landtages muss jetzt schnellstmöglich umgesetzt werden«, sagte Belit Onay der Jüdischen Allgemeinen. »Die Lage der jüdischen Zuwanderer ist ein unhaltbarer Zustand. Wir brauchen eine schnelle gesetzliche Regelung.« Die Lebensleistungen der Spätaussiedler müssten bei der Rentenberechnung ebenso anerkannt und berücksichtigt werden, wie die der »jüdischen Zuwanderer, die noch nicht einmal eine Fremdrentenberechtigung haben und damit auf Grundsicherung angewiesen sind«. Es dürfe nicht sein, »dass die jüdischen Zuwanderer noch schlechter gestellt sind als die Spätaussiedler«, sagte der 37-jährige Rechtsanwalt, der nicht nur im Landtag, sondern auch im hannoverschen Stadtrat sitzt.

signal Als ein »wichtiges Signal gegen Altersarmut« bezeichnete Volker Beck den Beschluss in Niedersachsen. Der ehemalige grüne Bundestagsabgeordnete setzt sich seit Jahren für einen Rentenanspruch jüdischer Zuwanderer ein. Der Beschluss zeige, dass »die Politik das Problem der Benachteiligung bei der Rentenberechnung wahrnimmt«.

»Die Armut beider Gruppen muss beseitigt werden«, betonte Beck. »Spätaussiedler und jüdische Zuwanderer gehören gleichgestellt. Das sind wir der Geschichte und der Gerechtigkeit schuldig.« Es sei richtig gewesen, die jüdischen Zuwanderer aufzunehmen. Aber man hätte sie von Anfang an wie die Spätaussiedler behandeln sollen.

Insgesamt kamen seit 1991 über 226.000 jüdische Zuwanderer nach Deutschland. Jedes fünfte Gemeindemitglied ist älter als 65 Jahre und im rentenfähigen Alter. »Endlich kommt Bewegung in die Sache«, sagte Sergey Lagodinsky, Berliner Mitinitiator einer bundesweiten Initiative, die gleiche Rentenrechte für jüdische Zuwanderer fordert (vgl. Jüdische Allgemeine vom 9. April). Die jüdischen Zuwanderer dürften nicht gegen die Spätaussiedler ausgespielt werden. Beiden Gruppierungen werde mit der Verbesserung der Renten geholfen, sagt Lagodinsky, der Repräsentant der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ist und sich derzeit um eine Kandidatur für die Wahlen zum Europäischen Parlament bemüht.

zwst »Ein längst überfälliger Beschluss«, kommentierte die Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde in Hannover, Ingrid Wettberg, den Entscheid des Landesparlaments von Niedersachsen. Allein in ihrer Gemeinde mit rund 400 Mitgliedern sei etwa die Hälfte aus Russland nach Deutschland gekommen und im Rentenalter von Grundsicherung abhängig. »Da muss schnell Abhilfe geschaffen werden«, fordert sie.

Das fordert seit Jahren auch der Zentralrat der Juden in Deutschland und die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWST). Günter Jek, der Leiter des Berliner ZWST-Büros, begrüßt die angekündigte Bundesratsinitiative zur »Beendigung der sozial­rechtlichen Benachteiligung jüdischer Zuwanderer«. Er hofft, dass der Fokus der Aufmerksamkeit, auch durch die Intervention der Bundesländer, weiter auf dieses drängende Thema gerichtet bleibt. Die ZWST werde sich auch künftig dafür einsetzen, dass für diese Menschen eine, »angemessene Lösung« gefunden wird.

Schließlich seien im neuen Koalitionsvertrag der Bundesregierung Maßnahmen zur Abmilderung der Altersarmut der jüdischen Zuwanderer angekündigt worden. Nur bisher wurden keine Schritte zur Umsetzung dieses Passus unternommen.

Landtagswahl in Sachsen-Anhalt

AfD in weiterer Umfrage deutlich vor der CDU

Wie sehen die jüngsten Umfragewerte für die rechtsextremistische AfD und die anderen Parteien aus?

 03.09.2026

Cambridge

Literaturfestival streicht Auftritt mit Autorin, die den Terrorangriff vom 7. Oktober begrüßte

Randa Abdel-Fattah schrieb über die Massaker der Hamas, an jenem Tag habe es einen »Hoffnungsschimmer« gegeben, der »greifbar, real und berauschend« gewesen sei

 03.09.2026

Umfrage für Berlin

Nach jüngstem Judenhass-Skandal: CDU wieder stärkste Kraft, Linke verliert deutlich

Wenige Tage nach den Vorkommnissen in Neukölln, bei dem Linke zu antisemitischen Raps tanzten, ergibt sich ein neues Bild. Wie schneiden die wichtigsten Parteien ab?

 03.09.2026

Washington

Trump droht Iran mit neuen Angriffen und verspricht Israel Schutz

Der US-Präsident hat nach der jüngsten Eskalation im Konflikt mit Iran weitere amerikanische Militärschläge angekündigt

 03.09.2026

Washington

USA verschärfen Reisewarnung: »Unvorhergesehene Eskalation« möglich

Angesichts der wieder zunehmenden Spannungen im Mittleren Osten ruft das Außenministerium US-Bürger zu erhöhter Wachsamkeit auf

 02.09.2026

Medien

Unabhängige Prüfung der Nahost-Berichterstattung der Deutschen Welle gefordert

Nach Ansicht des Verbandes Jüdischer Journalistinnen und Journalisten (JJJ) gibt es insbesondere bei den Social-Media-Angeboten des Auslandssenders wiederholt journalistisch problematische Darstellungen

 02.09.2026

London

Antisemitischer Angriff auf jüdische Schüler: Frau erhält Bewährungsstrafe

Die Verurteilte hatte vor einer jüdischen Schule in Stamford Hill Kinder und eine Mutter antisemitisch beschimpft und anschließend den Vater eines Schülers angegriffen

 02.09.2026

Washington

USA beschlagnahmen Kryptowährungen und Online-Infrastruktur von Hamas

Die US-Behörden gehen weiter gegen die digitale Finanzierung der palästinensischen Terrororganisation vor

 02.09.2026

Tino Chrupalla, Bundesvorsitzender der AfD, spricht bei dem Wahlkampfauftritt in Grimmen (Mecklenburg-Vorpommern), 28. August

Berlin/Heidelberg

Verdacht der Volksverhetzung: Dachorganisation der Sinti und Roma zeigt Tino Chrupalla an

Es geht um eine Äußerung des AfD-Chefs bei einer Wahlkampfveranstaltung in Mecklenburg-Vorpommern

 02.09.2026