Thüringen

Universität Jena berät über Umgang mit israelischen Partnern

Friedrich-Schiller-Universität Jena-Campus, Jena, Thüringen, Deutschland Foto: picture alliance / Schoening

Auf Initiative von sieben Jenaer Professoren wird sich der Senat der Friedrich-Schiller-Universität demnächst mit dem künftigen Umgang von Forschungs- und Wirtschaftskooperationen mit israelischen Partnern befassen. Ein entsprechendes Schreiben sei von der Hochschulleitung zur Kenntnis genommen worden, bestätigte eine Sprecherin am Mittwoch dem Evangelischen Pressedienst (epd). Der Senat müsse zunächst entscheiden, ob er sich mit dem Anliegen überhaupt beschäftigen wolle.

Lehrstuhlinhaber aus fünf Fakultäten, darunter der Theologe Martin Leiner, haben die Aufforderung am 8. Oktober unterzeichnet. »Wir haben gebeten, von jeder einzelnen Kooperation zwischen unserer Universität und israelischen Einrichtungen deren Aktivitäten im Hinblick auf eine direkte oder indirekte Beteiligung an den militärischen Operationen in Gaza zu prüfen«, sagt der Professor für Systematische Theologie und Ethik. Nur bei einem positiven Ausgang sollte darum gebeten werden, die Kooperationen zu beenden. Praktisch dürfte das, wenn der Waffenstillstand halte, gar nicht mehr vorkommen. Der nicht öffentlich gemachte Brief sei noch zu Kriegszeiten verfasst worden.

Protest von jüdischen Wissenschaftlern

Das Schreiben sorgt trotzdem bereits bundesweit für Reaktionen. Ende Oktober wandte sich das »Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender« mit einem offenen Brief an Universitätspräsident Andreas Marx und die Dekanate. Es verurteilte die Forderungen scharf: Akademische Boykotte würden die Wissenschaftsfreiheit untergraben und grenzten jüdische sowie israelische Kolleginnen und Kollegen aus. Die Universität dürfe kein Ort politischer Sippenhaft sein, sondern müsse Raum für offene, evidenzbasierte Debatten bieten.

Besonders der Bezug auf eine Resolution der Nichtregierungsorganisation »Internationale Vereinigung von Völkermordforschern« (engl: IAGS) stößt auf Kritik. Diese dränge weltweit auf die Suspendierung akademischer Beziehungen zu Israel.

Wer Israel mit Begriffen wie »Völkermord« belege und daraus Boykottmaßnahmen ableite, verschiebe die Wahrnehmung jüdischer Staatlichkeit und Sicherheit, heißt es im offenen Brief. Das normalisiere Antisemitismus im Gewand moralischer Rhetorik und habe Folgen für jüdische Studierende und Forschende.

Das Netzwerk fordert die Hochschulleitung auf, die Boykottforderungen zurückzuweisen, jüdisches akademisches Leben zu schützen und die Zusammenarbeit mit israelischen Partnern als Ausdruck gemeinsamer Werte zu bekräftigen. Wissenschaftliche Kooperation sei ein Beitrag zum Frieden, nicht dessen Gefährdung.

Universität erinnert an Wissenschaftsfreiheit

Universitätspräsident Andreas Marx teilt die Einschätzung des Netzwerks, dass Wissenschaftsfreiheit und internationale Kooperation Grundlagen akademischer Arbeit seien. Die Überprüfung von Partnerschaften mit israelischen Universitäten sei kein Beitrag zur Konfliktlösung, sondern schwäche gerade jene unabhängigen Stimmen in Israel, die für Dialog, Demokratie und Verständigung eintreten.

Unterdessen fühlt sich Leiner als ein Verfasser des Antrags an die Hochschule bewusst missverstanden. Selbstverständlich halte auch er weiterhin gute Kooperationen mit israelischen und jüdischen Kolleginnen und Kollegen aufrecht. So betreue er etwa Promovenden aus Israel. Mit den Universitäten Tel Aviv und Beer Sheba habe er im Rahmen eines gemeinsamen Forschungsprojekts gut zusammengearbeitet.

»Mit steht nichts ferner als ein Boykott israelischer Universitäten«, betont Leiner: »Allerdings möchte ich auch nicht meine Kollegen der Al Azzhar Universität in Gaza durch einen Krieg und Hunger verlieren.«

Jüdische Landesgemeinde ist enttäuscht, lädt aber zum Dialog

Ist also alles nur ein Sturm im Wasserglas? Der bislang hinter den verschlossenen Türen des akademischen Betriebs ausgetragene Streit um die richtige Haltung zum Terror der Hamas und die Antwort der israelischen Armee hinterlässt zumindest in der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen ein Gefühl der Bestürzung. Deren Vorsitzender Reinhard Schramm zeigte sich als Überlebender des Holocausts und ehemaliger Hochschullehrer tief enttäuscht, dass Thüringer Wissenschaftler diese antijüdische Aktion ohne Rücksicht und Rücksprache mit der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen betreiben.

Schramm will Leiner und die Mitunterzeichner des Briefs demnächst in die Erfurter Synagoge einladen. »Dies ist ein guter Platz für einen Gedankenaustausch«, sagt Schramm.

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