Halle

Unfassbare fünf Minuten

Der mutmaßliche Attentäter des Anschlags auf die Synagoge von Halle, Stephan B., kletterte über einen Zaun in der Hallenser JVA »Roter Ochse« Foto: imago images/Christian Grube

Etwa fünf Minuten lang wusste am Samstag niemand, wo sich der vielleicht gefährlichste Mann Sachsen-Anhalts aufhält. Der Rechtsextremist Stephan B., der im Oktober einen Anschlag auf eine Synagoge in Halle verübte und anschließend zwei Menschen ermordete, hatte sich der Kontrolle seiner Bewacher entzogen.

Ein Skandal, der auch am Tag nach dem Bekanntwerden für Kopfschütteln und Fassungslosigkeit sorgt. Wie konnte das bei dem Mann, dem in gut einem Monat vor den Augen der Weltöffentlichkeit der Prozess gemacht werden soll, passieren?

FREIGANG B. steht nach Angaben des Magdeburger Justizministeriums seit seiner Gefangennahme im Oktober untere strenger Bewachung. Das Ministerium habe angeordnet, dass er immer, wenn er seine kameraüberwachte Zelle verlässt, von mindestens zwei Justizbeamten bewacht wird. Das geschah laut Ministerium zunächst auch am Samstagnachmittag. Vorschriftsgemäß holten zwei Wärter B. aus seiner Zelle ab, um ihn zum Freigang in den Innenhof zu bringen.

Anders als seine Mitgefangenen darf er dabei keine anderen Häftlinge treffen. In der JVA Halle, dem so genannten »Roten Ochsen«, hatte B. deshalb einen eigenen, eingezäunten Bereich im Innenhof, in dem er täglich an die frische Luft durfte. Dorthin brachten ihn seine Bewacher. Anders als vorgeschrieben bewachten sie B. dann aber nicht weiter. Warum nicht, war nach Angaben des Ministeriums am Donnerstag noch unklar.

ZWISCHENFÄLLE Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur kam es im Roten Ochsen zeitgleich zu zwei weiteren Zwischenfällen: Ein internes Kommunikationssystem fiel demnach aus, außerdem gab es einen medizinischen Notfall mit einem anderen Häftling, der daraufhin ins Krankenhaus gebracht werden musste.

Das Justizministerium bestätigte beide Vorfälle. Ob sie was mit dem Fluchtversuch zu tun hatten, lasse sich bisher aber nicht sagen. B. nutzte den Moment, wie auch immer er zustande kam, um über den gut 3,40 Meter hohen Zaun seines Freigang-Geländes zu klettern und über den Innenhof in einen Transportraum, in dem normalerweise Gefangenentransporte zusammengestellt werden, zu flüchten.

Auf dem Weg dorthin versuchte er, einen Gullydeckel anzuheben, in dem Gebäude probierte er, durch mehrere Türen zu kommen - beides vergeblich. Derweil fiel seine Abwesenheit anderen Wärtern auf. Während sie den Vorfall meldeten, kam B. unverrichteter Dinge aus dem Transportraum zurück in den Innenhof, wo ihn Wächter ohne Gegenwehr wieder in Gewahrsam nahmen.

VERLEGUNG Die beteiligten Beamten meldeten den Vorfall zunächst jedoch nicht. Die Gefängnisleitung, teilte das Justizministerium nach einer Besprechung mit, habe erst am Dienstag zufällig von dem Vorfall erfahren und dann sofort das Ministerium informiert. Daraufhin ließ Ministerin Anne-Marie Keding die beteiligten Beamten in einen anderen Gefängnistrakt versetzen und B. am Mittwoch in das Hochsicherheitsgefängnis nach Burg bei Magdeburg verlegen. Dann machte die CDU-Politikerin die Sache öffentlich.

Befremdet reagierte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle, die B. im Oktober vergangenen Jahres angegriffen hatte. »Das ist unfassbar, dass er es fast geschafft hat«, sagte der Vorsitzende der Gemeinde, Max Privorozki, am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur. »Mir fehlen die Worte.« Es sei kaum vorstellbar, was alles hätte passieren können, wenn er es geschafft hätte.

ZENTRALE LAGE Immerhin steht der Rote Ochse nicht abgelegen am Stadtrand, sondern mitten in Halle in einer dicht besiedelten Wohngegend. Schon seit 180 Jahren werden im Roten Ochsen Gefangene bewacht. Die Nazis richteten hier politische Gefangene hin, die Sowjets nutzten den Komplex als Schauplatz von Tribunalen, die Stasi zur Unterbringung von weiblichen Gefangenen und Untersuchungshäftlingen.

Auch wegen dieser langen Historie kam kurz nach Bekanntwerden des Fluchtversuchs die Frage auf, weshalb B. überhaupt in der uralten Anlage untergebracht wurde und nicht in Burg.

Mario Pinkert, Landesvorsitzender der Justizgewerkschaft BDSD, kennt beide Anlagen und hält die modernere Anstalt in Burg für deutlich besser geeignet. Das Ministerium sprach von einem normalen Vorgang. Halle sei Tatort und auch zunächst als Ort der Verhandlung im Gespräch gewesen. dpa

Ehrung

Preis von Union progressiver Juden für Bundesministerin Prien

Sie ist die erste Bundesministerin mit jüdischen Wurzeln. Nun wird Karin Prien für ihre Verdienste für das Judentum in Deutschland geehrt. Sie empfinde die Würdigung vor allem als Auftrag, sagt sie

von Nikolas Ender  18.03.2026

Bundestag

Merz über Iran-Krieg: »Wir hätten abgeraten«

Allen Aufforderungen des US-Präsidenten an die Europäer zum Trotz bleibt Kanzler Merz in Sachen Iran-Krieg hart. Vor dem EU-Gipfel in Brüssel setzt er auf mehr europäisches Selbstbewusstsein

 18.03.2026

Suchmaschine

USA ermöglichen Recherche zu Nazis in der eigenen Familie

War der eigene Opa ein Nazi? Diese Frage kann nun über das US-Nationalarchiv beantwortet werden. Erstmals wurden die überlieferten Mitgliedskarteien der NSDAP vollständig ins Netz gestellt

von Sabina Crisan, Marc Fleischmann  18.03.2026

Interview

»Teil der iranischen Militärstrategie«

Die jüdische Gemeinschaft wird von einer weltweiten Serie von Terroranschlägen erschüttert. Der Experte Hans-Jakob Schindler erklärt, was das mit der hybriden Kriegsführung des iranischen Mullah-Regimes zu tun hat

von Ninve Ermagan  18.03.2026

Meinung

Was im Iran-Krieg bisher erreicht wurde

Israelis und Amerikaner können durchaus schon militärische Erfolge gegen den Iran vorweisen. Das Mullah-Regime wird definitiv schwächer aus diesem Konflikt herauskommen, als es hineingegangen ist

von Sima Shine  18.03.2026

Literatur

Als die Donau durch Kakanien floss

Zur Leipziger Buchmesse: Eine (jüdische) Vision für ein Europa der Regionen, Religionen und der Vielfalt

von Awi Blumenfeld  18.03.2026

Judenhass

Erneute Antisemitismus-Skandale bei der Deutschen Welle

Medienberichten zufolge haben zwei arabische Mitarbeiter des deutschen Auslandssenders in den sozialen Netzwerken Hassposts über Israel verbreitet

 18.03.2026

Meinung

Die Hertie School ist eine seltene Ausnahme

An der privaten Hochschule wurde die Studierendenvertretung für eine Pro-BDS-Resolution abgestraft. Das ist ein wichtiges Signal. Doch das Problem des Antisemitismus an deutschen Universitäten reicht viel weiter

von Ron Dekel  18.03.2026

Teheran

Irans Geheimdienst geht gegen Opposition vor

Der iranische Geheimdienst berichtet von Festnahmen. Auch Schusswaffen und Satelliten-Internetgeräte sollen sichergestellt worden sein

 18.03.2026