Bildung

Stille im Vieh-Waggon - Jugendliche fühlen die Geschichte des ehemaligen KZ Bergen-Belsen

Gedenkstein für Margot und Anne Frank auf dem Gelände der Gedenkstätte Bergen-Belsen in Lohheide. Foto: picture alliance / KNA

Die 17-jährige Dora Bokrosova steht regungslos und still im Dunkeln eines früheren Vieh-Waggons. Vorsichtig setzt die junge Slowakin ihren Fuß zwischen die weißen Klebestreifen. Ihre Füße passen gerade so in das kleine Quadrat - so wenig Platz blieb den Menschen, die vor mehr als 80 Jahren zu Tausenden in Zügen an der sogenannten Verladerampe ankamen - auf ihrem Weg nach Bergen-Belsen.

Dora ist eine von 35 Jugendlichen und jungen Erwachsenen der 31. sogenannten »Spring-School«. Dabei beschäftigen sich Gruppen aus Litauen, der Slowakei, Frankreich, Ungarn, Polen und Tschechien zehn Tage lang mit der Geschichte des früheren Konzentrationslagers. Jedes Frühjahr, kurz vor dem Jahrestag der Befreiung durch britische Truppen am 15. April, werden Jugendliche aus ganz Europa eingeladen.

Eine Delegation aus Israel musste in diesem Jahr ihren Besuch aufgrund des Krieges mit dem Iran absagen.

Kaum Luft zum Atmen

Auf dem Platz vor dem Waggon, an dem lediglich die Gleise an einen Bahnhof erinnern, liest die pädagogische Mitarbeiterin Caroline Altmann der Gruppe auf Englisch einen Zeitzeugenbericht der Jüdin Hanna Levy-Hass vor. Diese schilderte dabei in ihren Tagebuchaufzeichnungen die unerträgliche wochenlange Fahrt in kompletter Dunkelheit, eingepfercht in einem Waggon mit etwa 60 weiteren Frauen, Männern und Kindern. Es gab kaum Luft zum Atmen: »Es war die Hölle.«

Merklich bleibt in diesen Momenten auch den Jugendlichen die Luft weg. Altmann betont, sie sollten sich Pausen nehmen, wenn sie welche brauchen. Auf dem Weg zum Parkplatz tauschen sie sich angeregt jeweils in ihrer Muttersprache aus. Auch das sei wichtig, um der Sprachlosigkeit zu begegnen, sagt die Referentin.

Detonationen nahe der Gedenkstätte

Die Jugendlichen fahren den sechs Kilometer langen Weg von der Rampe zum früheren Konzentrationslager mit dem Bus: genau den Weg, den die Gefangenen zu Fuß zurücklegen mussten. Als sie an der Gedenkstätte aussteigen, sind in der Ferne Detonationen zu hören. Einige zucken zusammen. Der Truppenübungsplatz Bergen-Hohne, wo sowohl die Nato als auch die Bundeswehr Schieß- und Gefechtsübungen ausführen, liegt in unmittelbarer Nähe und erinnert alle augenblicklich an die weltweite Lage in der Gegenwart.

Die Referenten führen die Gruppen zum weiten und überwiegend menschenleeren Gelände. Der 18-jährige Jonas Pastircak aus Tschechien hört konzentriert den Berichten über das menschliche Leid zu.

Anwohner hätten damals Äpfel über den zweieinhalb Meter hohen Zaun geworfen, erzählt Mitarbeiterin Ilka Witte. »Es war wie im Zoo.«

Eindrücke verarbeiten

Pastircak zieht ungläubig die Augenbrauen hoch. Viele der Eindrücke werde er erst abends nach dem Abendbrot auf seinem Zimmer für sich verarbeiten, sagt der junge Mann im schwarzen Kapuzenpulli.

»Ich war zunächst etwas enttäuscht, dass im Gegensatz zum früheren KZ Auschwitz auf dem weitläufigen Gelände kein einziges Gebäude mehr steht«, erzählt Pastircak. Umso interessierter nimmt er ein laminiertes Foto entgegen, welches das frühere Lager mit den zahlreichen Baracken zeigt.

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Der Weg führt die Jugendlichen vorbei an steinumrandeten Erdhügeln - den anonymen Massengräbern. Rund 52.000 KZ-Häftlinge starben im Lager von Bergen-Belsen, dazu rund 20.000 Kriegsgefangene. Nach der Befreiung wurden die Leichen aufgrund der Seuchengefahr dort eilig ohne Namen bestattet.

Gedenkstein für Anne Frank

Einige Angehörige ließen auf den Wiesen daneben Gedenksteine mit den Namen der Toten errichten. Vor einem Stein wurden besonders viele Blumen niedergelegt, und die Jugendlichen staunen sichtlich, als sie die bekannten Namen Anne und Margot Frank lesen. Die Schwestern starben im Februar 1945 im Alter von 16 und 19 Jahren in Bergen-Belsen, kurz vor der Befreiung des Lagers durch britische Truppen.

Unweit der früheren Küchenbaracke geschieht dann Unerwartetes: Einer der Jugendlichen findet in der durch Wildschweine aufgewühlten Erde ein Stück eines metallischen Zahnrads. Jeder möchte es einmal in der Hand halten. Ob es noch aus der Zeit des Lagers stammt? Plötzlich wird die Geschichte für alle noch greifbarer. Das Fundstück werden sie später zur Erforschung an die Gedenkstätte übergeben.

»Werde das mein ganzes Leben nicht vergessen«

Die Gedenkstätte hat die »Spring School« gemeinsam mit dem evangelischen Kirchenkreis Celle und dem Evangelischen Bildungszentrum Hermannsburg organisiert. Neben Workshops stehen ein Besuch im niedersächsischen Landtag und ein Gespräch mit einem kanadischen Zeitzeugen auf dem Programm, der als Kind das Lager überlebte.

Auf dem Weg zum Reisebus atmet die 18-jährige Rusne aus Litauen tief durch. Zu Hause hätten sie im Geschichtsunterricht nur wenig über den Nationalsozialismus gelernt, sagt sie. In den vergangenen Tagen habe sie die Schrecken dieser Zeit sehen können, und das sei schwer zu verarbeiten. »Ich werde das hier mein ganzes Leben nicht vergessen.«

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