Auschwitz-Prozess

Staatsanwaltschaft fordert sechs Jahre

Im Detmolder Auschwitz-Prozess hat die Staatsanwaltschaft eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 100.000 Fällen für den 94-jährigen Angeklagten beantragt.

Der Tatbestand der Beihilfe sei erfüllt, weil der Angeklagte durch seinen Wachdienst zu einem Teil der grausamen Tötungsmaschinerie geworden sei, erklärte die Staatsanwaltschaft am Freitag vor dem Landgericht Detmold. Der angeklagte frühere Wachmann verfolgte das Plädoyer der Staatsanwaltschaft mit unbewegter Miene.

Nebenkläger
Zuvor war ein Befangenheitsantrag gegen die Richterinnen als unbegründet abgelehnt worden. Der Prozess wurde am Freitag fortgesetzt. Ein Anwalt der Nebenkläger hatte einen Antrag auf Befangenheit der Richterinnen gestellt. Der Anwalt warf den drei Richterinnen vor, die Vorgänge nicht vollständig aufklären zu wollen.

»Seltenst« benutzt Rechtsanwalt Christoph Rückel dieses Instrument. Aber im Detmolder Auschwitz-Prozess gegen den früheren SS-Mann Reinhold Hanning (94) hatte Rückel am Freitag vergangener Woche einen Befangenheitsantrag gestellt.

Die Vorsitzende Richterin Anke Grudda hatte es nämlich abgelehnt, den 88-jährigen Schoa-Überlebenden Joshua Kaufman als Zeugen zu befragen. »Wenn nach über 70 Jahren endlich dieser Prozess zustande kommt«, so Rückel, »dann hätte man den Mann doch eine Dreiviertelstunde lang befragen können.« Im Gericht erklärte Rückel: »Die Entscheidung lässt die Annahme zu, dass das Gericht das erlittene Leid nicht aufklären möchte.«

los angeles Kaufman war extra aus Los Angeles nach Detmold gekommen. Der Berliner Anwalt Markus Goldbach wollte ihn überraschend in den Zeugenstand rufen, um etwas über den Zustand der Leichen der in den Gaskammern von Auschwitz Ermordeten zu sagen. Der »Bild«-Zeitung erklärte Kaufman: »Hätte mich das Gericht angehört, hätte ich vorgeschlagen, dass Hanning in seiner SS-Uniform durch Auschwitz laufen soll, dazu die Marschmusik von damals. Ich wäre dann in meinem gestreiften Pyjama gekommen, und Hanning hätte mich auf Knien um Verzeihung bitten müssen.«

Das Gericht lehnte eine Aussage Kaufmans ab. »Unsere Entscheidung hat nichts zu tun mit mangelndem Respekt vor den Opfern«, sagte Richterin Grudda. Sie erfolge, weil das, was er sagen solle, vom Gericht bereits als Tatsache anerkannt würde. »Weiterer Beweise bedarf es nicht.«

»Die Ablehnung ist ein Skandal«, kommentierte Goldbach. Auch Christoph Heubner vom Internationalen Auschwitz Komitee sagte: »Jeder Auschwitz-Überlebende, der als Zeuge einen deutschen Gerichtssaal betritt, sollte angehört werden.«

nebenklage Doch in der Nebenklage war dies nicht unumstritten. Rechtsanwalt Thomas Walther, der 26 Nebenkläger vertritt, hielt Rückels Befangenheitsantrag für falsch. Auch er hatte Beweisanträge gestellt – etwa, eine Aussage von Hermann Langbein aus dem 1. Frankfurter Auschwitz-Prozess zu verlesen –, die abgelehnt wurden.

Das Gericht soll Anwalt Goldbach signalisiert haben, dass Kaufman nicht gehört werde. Der habe ihn dennoch eingeflogen. »Vielleicht entschied das Gericht auch so, weil ein Boulevardblatt Kaufmans Auftritt im Vorfeld lanciert hatte«, vermutete der Prozessbeobachter des »Westfalen-Blatts«.

Wäre der Befangenheitsantrag durchgekommen, hätte der Prozess neu beginnen müssen. »Damit ist nicht zu rechnen«, hatte Onur U. Özata, ein Anwalt der Nebenklage, bereits im Vorfeld der Entscheidung vermutet. Dass aber der bislang avisierte Termin der Urteilsverkündung, der 27. Mai, gehalten wird, glaubt er dennoch nicht.

Handelte es sich beim Nationalsozialismus um eine linke Ideologie?

Ein Faktencheck

 23.10.2026

Justiz

Ermittler: Ahmetovic kooperierte nicht bei Durchsuchungen

Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt im Zusammenhang mit der Ausschreibung eines früheren Klinikgeländes in Lehrte bei Hannover gegen den SPD-Politiker

 23.10.2026

Berlin

Umfrage: Mehrheit lehnt rot-grün-rote Koalition ab

Linke, SPD und Grüne verhandeln derzeit über eine gemeinsame Landesregierung. Eine solche Koalition stößt auf Skepsis - auch unter Anhängern von SPD und Grünen

 23.10.2026

Warschau

Polen rügt Ehrung für ukrainische Nationalisten in Lwiw

Erst ein Ehrentitel für eine ukrainische Einheit, nun ein Gedenkjahr für nationalistische Untergrundkämpfer: Der Geschichtsstreit zwischen Polen und der Ukraine flammt erneut auf

 23.10.2026

Umfrage

Umfrage: So würde Deutschland abstimmen, wenn am Sonntag Wahlen wären

 23.10.2026

München

Aigners Befund zu Judenhass: »Das ›Nie wieder!‹ ist tot«

Die bayerische Landtagspräsidentin gibt eine schonungslose Analyse zum Antisemitismus in Deutschland. Doch sie sieht auch hoffnungsvolle Ansätze, um gegenzusteuern

 23.10.2026

Deutschland

Wie hält es die CDU in Sachsen-Anhalt mit der AfD?

AfD-Politiker Siegmund braucht drei Stimmen aus anderen Reihen, um Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt zu werden. Ein CDU-Abgeordneter stellt sich nun gegen die CDU-Fraktionslinie

von Christopher Kissmann  22.10.2026

Debatte

Wahl in Israel: Star-Dirigent Lahav Shani meldet sich ausführlich zu Wort

In der Vergangenheit war der Musiker mehrmals im Visier radikaler Israelfeinde

 22.10.2026

Berlin

Zentralrat der Juden warnt vor rot-grün-roter Koalition

Schuster: »Im Kampf gegen Judenhass ist dieses Schauspiel ein echter Offenbarungseid«

 22.10.2026 Aktualisiert