Interview

»Sieg der Vernunft«

Foto: imago

Herr Cohn-Bendit, François Hollande ist neuer Präsident Frankreichs. Wie bewerten Sie dieses Ergebnis der Wahlen?
Ich war für Hollande und viel mehr noch gegen Nicolas Sarkozy, deswegen bin ich erst einmal zufrieden. Er eröffnet Möglichkeiten einer neuen Politik in Europa, zum Beispiel im Bereich Wirtschaft. Hoffentlich wird er zu seinem Wort stehen und gegen Angela Merkels Spardiktat angehen. Solange die europäische Wirtschaft mit gezielten Konjunkturprogrammen nicht wieder angekurbelt wird, kann es keinen Ausweg aus der ökonomischen Krise geben.

Sie haben Nicolas Sarkozy bis zuletzt entschieden wegen dessen Art des Wahlkampfs kritisiert. Warum?
Sarkozy hat das Land mit seinem Wahlkampf tief gespalten: Auf der einen Seite waren die guten Juden und auf der anderen Seite die bösen Muslime. Mit dieser Strategie versuchte er im zweiten Wahlgang, die Stimmen von der rechtsradikalen Marine Le Pen abzuschöpfen. Synchron dazu hat er unablässig das christliche Abendland als Ideal hochgehalten und damit zumindest unbewusst den christlichen Antisemitismus bedient, was viele Juden nicht gesehen haben oder nicht sehen wollten. Hätten die Franzosen ihn ein weiteres Mal zum Präsidenten gewählt, wäre das für Frankreich wirklich fatal gewesen.

Ist Hollande für die Juden in Frankreich die bessere Wahl?
Ich will ganz ehrlich sein: Das ist mir wurscht! Ich finde, wir Juden sollten endlich damit aufhören, prophylaktisch das Schlimmste zu erwarten. Jetzt zu glauben, Hollande sei besser oder schlechter als Sarkozy, ist Quatsch. Auch Sarkozy hat ziemlich kritische Bemerkungen zum Zustand der israelischen Gesellschaft gemacht. Er hat vor einiger Zeit ganz klar gesagt, dass die Situation der Palästinenser und der israelischen Araber ungerecht ist – bis er dann beschloss, sich nach dem Terroranschlag in Toulouse auf dem Rücken der Muslime zu profilieren.

Haben die antisemitisch motivierten Morde in Toulouse den Wahlkampf nachhaltig beeinflusst?
Zweifelsfrei. Glücklicherweise sind die Franzosen mehrheitlich nicht auf die antiislamische Stimmungsmache Sarkozys reingefallen. Insofern ist die Wahl Hollandes zuallererst ein Sieg der Vernunft über niedere Affekte. Aber es macht mich schon nachdenklich, dass die allermeisten französischen Juden aus einer Identifikation mit der antiislamischen Bewegung Sarkozy und nicht Hollande gewählt haben.

Was erwarten Sie von der französischen Nahostpolitik unter Hollande?
Ich erwarte von Hollande eine gewisse Sensibilität im Umgang mit Israel. Sein Außenmi-nister wird Laurent Fabius sein, ein Jude. Der wird Hollande warnen, zum Beispiel etwas so Dummes über Israel zu sagen wie kürzlich der SPD-Chef Sigmar Gabriel mit seinem Vergleich Israels mit Südafrikas früherem Apartheidregime.

Mit dem Europa-Abgeordneten der Grünen sprach Philipp Peyman Engel.

Ilse Aigner lacht und applaudiert in einer Menschenmenge

Bundespräsidentenwahl

Aigner wird zur Kandidatinnen-Kür in Berlin erwartet

Nach ihrer offiziellen Vorstellung in Berlin reist Ilse Aigner am Montag mit Merz und Söder nach München – zum Festakt für 20 Jahre Hauptsynagoge Ohel Jakob

 08.11.2026

Berlin

Mann ersetzt Deutschlandflagge vor dem Reichstag durch Palästina-Flagge

Ein 22-Jähriger kletterte den fast 30 Meter hohen Mast auf dem Platz der Republik hinauf. Der Staatsschutz ermittelt

 08.11.2026

Ideologie

Wer darf jüdische Geschichte deuten?

Wie das progressive Milieu jüdische Identität neu definiert und Juden zu Privilegierten und Unterdrückern erklärt

von Gunda Trepp  08.11.2026

Kirsten Fehrs

Regierungsbildung in Berlin

EKD-Ratsvorsitzende fordert klare Abgrenzung von Antisemiten

Der Umgang der Linken mit ihrer Abgeordneten Vanessa Emde sorgt seit Wochen für Diskussionen. Welche Maßstäbe legt die EKD bei Antisemitismus an Parteien an?

 08.11.2026

Antisemitismus

»WerteInitiative« startet Kampagne gegen Judenhass

Antisemitismus als Chamäleon: Der Verein WerteInitiative will mit einer neuen Medienkampagne auf blinde Flecken beim Kampf gegen Judenhass aufmerksam machen

 08.11.2026

Josef Schuster

EKD-Synode

Zentralratspräsident: 9. November mahnt zu Widerspruch

Antisemitische Witze, rassistische Sprüche – auch im Bekanntenkreis sollte das aus Sicht von Zentralratspräsident Schuster nicht unwidersprochen bleiben. Der Würzburger Bischof Jung sieht Kirchen in der Verantwortung

 08.11.2026

München

20 Jahre jüdisches Leben im Herzen Münchens: Synagoge Ohel Jakob

Das Judentum ist seit 20 Jahren wieder mitten in der bayerischen Hauptstadt verankert

von Christiane Ried  08.11.2026

Bankenviertel in Riad

Konflikt mit Saudi-Arabien

Huthi greifen Wolkenkratzer im Zentrum von Riad an

Die fast täglichen Angriffe der Huthi hinterlassen große Kratzer am Image Saudi-Arabiens als sicherer Ort für Geschäfte und Tourismus. Jetzt wird der Geschäftsbezirk von Riad getroffen

 08.11.2026

Vanessa Emde

Regierungsbildung in Berlin

Linke Emde weist Rückzugsforderung des Vorstands zurück

Die Berliner Linke-Abgeordnete Vanessa Emde soll ihr Mandat im Berliner Abgeordnetenhaus zurückgeben, so fordert es der Landesvorstand. Jetzt äußert sich Emde dazu – mit einer klaren Antwort

 08.11.2026