Rückblick

Sarrazenen, Lenalogen und Friedenschiffer

War 2010 ein gutes oder ein schlechtes Jahr? Alles Ansichtssache! Foto: imago

War da was? Ist soeben ein Jahr auf Zehenspitzen und mit an die Lippen gepresstem Zeigefinger an uns vorübergehuscht? Was, um des lieben Himmels willen, ist 2010 überhaupt passiert? Und vor allem: War es gut für die Juden – oder war es schlecht für die Juden?

In Deutschland, so viel ist klar, sollte 2010 rückblickend zum Sarrazin-Jahr erklärt werden. Dem Mann ist es gelungen, die Nation – auch die jüdische Gemeinschaft – in zwei solide Blöcke zu spalten: die Sarrazin-Gegner und die Sarrazin-Befürworter. Diese und jene tauschen nicht einmal mehr höfliche Floskeln aus. »Guten Tag, wie geht es Ihnen, schönes Wetter heute« entfällt also, Sarrazinologen und Antisarrazenen wechseln die Straßenseite, wenn sie einander auch nur von Weitem erblicken. Juden sollten allen Ernstes darüber nachdenken, ob sie nicht künftig zwei Sorten von Synagogen errichten sollten. Schließlich fällt es schwer zu beten, wenn man dabei ständig nur über das Eine reden darf.

Anhänger, Gegner Die Argumente sind allerdings im Wesentlichen ausgetauscht: »Sarrazin ist ein Rassist« hier, »Sarrazin hat ein wichtiges Tabu gebrochen« dort. Einerseits: »Man wird doch wohl noch sagen dürfen.« Andererseits: »Wo kommen wir denn da hin.« Im Grunde würde es genügen, wenn jeder sich einen kleinen gelben Klebezettel mit PRO oder CONTRA auf die Stirn heftet, damit alle sofort Bescheid wissen. Das Lustige dabei ist, dass die Anhänger und Gegner Sarrazins ein wichtiges Merkmal miteinander teilen: Beide haben, wie sie nach dem dritten Wodka zugeben, sein Buch nicht gelesen.

In Deutschland also war es das Sarrazin-Jahr. Und auf dem Rest des Planeten? 2010 begann und endete mit Naturkatastrophen. Im Januar bebte in Haiti die Erde, das halbe Land fiel in Trümmer, und im Dezember brannte in Israel der Wald auf dem Carmel lichterloh. Gewiss, auf Haiti kamen Hunderttausende ums Leben, in Israel forderte das Feuer zum Glück längst nicht so viele Opfer. Und zugegeben: Haiti ist schon seit Jahrzehnten ein Albtraum. Ein Staat, in dem rein gar nichts funktioniert, während in Israel nur mal eben die Feuerwehr versagt hat.

nachrede Allen Unterschieden zum Trotz: Sowohl das verheerende Erdbeben wie auch jener entsetzliche Waldbrand werden auf Englisch als »acts of God« bezeichnet, als Taten, die dem Allmächtigen höchstpersönlich zugeschrieben werden müssen. Und kein Rabbiner, kein Priester, kein Imam ereifert sich deswegen. Keiner versucht, G´tt bzw. die heilige Dreifaltigkeit oder Allah gegen diese üble Nachrede in Schutz zu nehmen. Ist das nicht seltsam?

Was Israel betrifft, kommen uns ein paar tröstliche Verse von Heinrich Heine in den Sinn. Der Dichter schrieb in »Deutschland. Ein Wintermärchen« aus Anlass des großen Brandes von 1842 in Hamburg: »Baut eure Häuser wieder auf / Und trocknet eure Pfützen, / Und schafft euch bessre Gesetze an / Und bessre Feuerspritzen.« Zeitlose Lyrik ist eben immer aktuell. Zu Haiti allerdings fällt uns allerdings rein gar nichts ein.

Dosenfutter Beinahe hätten wir jetzt den Überfall der israelischen Kriegsmarine auf die edlen Seelen der Friedensbewegung vergessen. Am 31. Mai richtete das perfide Zion auf einem Schiff, das »Spaghetti Marinara« oder so ähnlich hieß, ein Blutbad an – das berichteten übereinstimmend die FAZ, die Süddeutsche, der Corriere della Sera und die New York Times. Mittlerweile kann man zwar im Internet besichtigen, wie viele Waffen im Bauch des »Friedensschiffs« herumlagen. Man kann auch haufenweise Videos anschauen, die zeigen, dass es sich bei jenen radikalislamischen Friedensfreunden in Wahrheit um einen antisemitischen Lynchmob handelte. Zudem hat sich herausgestellt, dass das Schiff, das angeblich Hilfsgüter für den darbenden Gazastreifen mit sich führte, nur ein paar vergammelte Medikamente und drittklassiges Dosenfutter geladen hatte. Aber Tatsachen sind bekanntlich erzlangweilig.

lena-Land Indessen soll hier nicht der Eindruck vermittelt werden, 2010 sei das Jahr der großen und kleinen Katastrophen gewesen. Immerhin hat Deutschland den Grand Prix der Eurovision gewonnen, nur der Name der Siegerin ist uns momentan entfallen. Lena? Line? Lenka? Luna? Jedenfalls gab es nur ganz wenig antisemitischen Stunk, als die Israelis die Frechheit besaßen, nicht für dieses nette junge Mädchen zu stimmen, das unbeholfen tanzend davon sang, wie sehr sie es mag, bei der Liebe gedemütigt zu werden. So sieht historischer Fortschritt aus. Und 2011 wird natürlich viel, viel besser als das alte Jahr – wenn uns keine neue Debatte dazwischenkommt.

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