Interview

Rammstein: »Nicht nur die Partys absagen«

Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus Foto: Gregor Zielke

Interview

Rammstein: »Nicht nur die Partys absagen«

Der Antisemitismusbeauftragte Felix Klein stellt die Konzerte der Band im Berliner Olympiastadion infrage

von Ayala Goldmann  22.06.2023 08:09 Uhr

Herr Klein, Sie haben eine Absage der drei Berliner Rammstein-Konzerte ins Spiel gebracht. Wer wäre befugt, abzusagen?
Wenn Angriffe auf die öffentliche Sicherheit und Ordnung zu erwarten sind, dann können die Innenbehörden entsprechende Verbote aussprechen. Deswegen rate ich, wie bei den Konzerten von Roger Waters, zur Wachsamkeit. Wir dürfen bei Frauenverachtung, Antisemitismus, Volksverhetzung oder mutmaßlichen körperlichen Gefahren für junge Menschen nicht wegsehen.

Gerichte haben sich hinter die Konzerte von Roger Waters gestellt. Warum sollten sie das bei Till Lindemann nicht tun? Gegen ihn wird wegen Tatvorwürfen »aus dem Bereich der Sexualdelikte und der Abgabe von Betäubungsmitteln« ermittelt. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Ich möchte keine Vorverurteilung vornehmen, aber trotzdem dürfen wir es nicht hinnehmen, Dinge, die im Raum stehen, unwidersprochen zu lassen. Wenn es Anhaltspunkte dafür gibt, dass Straftaten zu erwarten sind, dann muss die öffentliche Verwaltung tätig werden. Kunst- und Kulturfreiheit gelten nicht grenzenlos.

Was sollten Veranstalter und Fans tun?
Weder Veranstalter noch Fans dürfen einfach zur Tagesordnung übergehen. Bewiesen sind sie bislang nicht, aber die Vorwürfe gegen die Band wiegen schwer. Es reicht nicht, dass nur ein paar Aftershow-Partys abgesagt werden. Junge Menschen müssen auf Konzerten geschützt werden, dafür steht besonders der Veranstalter in der Pflicht.

Braucht es nicht eher Awareness-Konzepte und Diskussionen statt Verbote?
Das eine schließt das andere ja nicht aus. Von der Musikindustrie und der Band habe ich jedenfalls noch keine Konzepte in Richtung Aufarbeitung gehört.

2019 haben Sie das Rammstein-Video »Deutschland« kritisiert, das Bandmitglieder als KZ-Gefangene zeigt. Damals haben Sie keine Konzertabsage gefordert. Warum jetzt?
Ich habe dieses Video kritisiert, weil es um eine Verschiebung roter Linien ging. Auch das Internationale Auschwitz Komitee hatte damals protestiert. Auf viele Überlebende hat das Video wie ein Schlag ins Gesicht gewirkt. Das Video war geschmacklos, aber ich habe darin keine Straftat gesehen. Jetzt hat es mich nicht weiter überrascht, dass bei Schoa-relativierenden oder -verzerrenden Narrativen auch Frauenverachtung im Spiel sein kann. In jedem Fall muss die Perspektive der Betroffenen gehört werden.

Yad Vashem kritisierte 2019 nicht generell den künstlerischen Umgang mit dem Holocaust, doch dieser dürfe nicht die Erinnerung an die Schoa verhöhnen und nur der öffentlichen Aufmerksamkeit dienen.
Das ist natürlich Ansichtssache. Für mich war das Video eher Heischen nach Aufmerksamkeit auf Kosten der Opfer der Schoa, aber auch das ist schon verwerflich genug.

Mit dem Antisemitismusbeauftragten des Bundes sprach Ayala Goldmann.

Kommentar

Die Eindeutigkeit der Uneindeutigen

Ja, die Äußerungen von Israels Polizeiminister Ben Gvir sind menschenverachtend und sollten von allen verurteilt werden, denen die Zukunft Israels am Herzen liegt. Zugleich muss betont werden, dass diese Aussagen zum Glück nicht die Gaza-Politik Israels widerspiegeln

von Volker Beck  19.08.2026

Spannungen

Israelischer Angriff in Syrien heizt Streit mit Türkei an

Die Beziehungen zwischen der Türkei und Israel sind seit langem angespannt. Nun sorgt ein mutmaßlich israelischer Luftangriff in Syrien für Streit. Was ist passiert?

 19.08.2026

London

Britische Grüne hegen in internen Chats Gewaltfantasien gegen »Zionisten«

In der Chat-Konversation finden sich zudem Äußerungen, die sich pauschal gegen britische Juden richten. Eine Organisation, die sich gegen Judenhass einsetzt, prüft rechtliche Schritte

 19.08.2026

Nahost

Iran droht bei neuem Krieg mit Angriffen auf US-Ziele in Europa

Das Mullah-Regime könnte Angriffe auf US-Militärstützpunkte und andere amerikanische Einrichtungen sowie die kritische Infrastruktur befehlen

 19.08.2026

Washington D.C.

USA sanktionieren Präsidentin des Strafgerichtshofs

Die US-Regierung erhöht mit Sanktionen den Druck auf den Internationalen Strafgerichtshof - diesmal auch gegen die Präsidentin

 19.08.2026

Arlington (Virginia)

Pentagon prüft nach Iran-Krieg kleinere US-Militärpräsenz am Golf

Im Mittelpunkt steht die Frage, ob ein Teil der bislang am Golf stationierten Soldaten abgezogen und weiter westlich positioniert werden könnte

 19.08.2026

Meinung

Im Zweifel für das Narrativ?

Die »tageszeitung« (taz) veröffentlichte einen Beitrag eines Deutsch-Palästinensers, der nicht nur unrichtige Aussagen enthält, sondern eine sehr fragwürdige Erzählung propagiert

von Michael Thaidigsmann  18.08.2026

Teheran

Iran: Öffnung der Straße von Hormus hängt von USA ab

Der Iran knüpft die Öffnung der Straße von Hormus an Bedingungen im Abkommen mit den USA. Ein Professor sagt, US-Präsident Donald Trump könne sich nicht still zurückziehen

 18.08.2026

Debatte

Zentralrat der Juden übt scharfe Kritik an Itamar Ben-Gvir

Israels rechtsextremer Minister Ben-Gvir wirbt unverhohlen für Tötungen im Gazastreifen. Das sorgt international für Entsetzen - auch beim jüdischen Dachverband in Deutschland

 18.08.2026 Aktualisiert