Chicago

Rachel Goldberg: »Er wurde uns gestohlen«

Rachel Goldberg, die Mutter der Geisel Hersh Goldberg-Polin, wird bei Parteitag der Demokraten von ihrem Ehemann Jon Polin getröstet. Foto: picture alliance / newscom

Zehntausende Teilnehmer des Parteitages der amerikanischen Demokraten in Chicago haben mit »Bring them home!«-Rufen auf eine Rede der Eltern einer Hamas-Geisel reagiert. Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation hatten am 7. Oktober 2023 rund 1200 Menschen im Süden Israels ermordet und 253 verschleppt.

Zu den Geiseln gehört der amerikanisch-israelische Hersh Goldberg-Polin, der am 6. Oktober das Supernova-Festival besuchte. Als am frühen Morgen des nächsten Tages Terroristen eintrafen und Massaker anrichteten, war der 23-Jährige noch dort. Allein auf dem Festivalgelände ermordeten die Palästinenser 364 Menschen. Viele Besucher des Events wurden vergewaltigt, andere als Geiseln genommen.

Hershs Eltern riefen in Chicago zu einer Vereinbarung zwischen Israel und den Hamas-Terroristen über einen Waffenstillstand und einen Austausch von israelischen Geiseln gegen palästinensische Häftlinge aus israelischen Gefängnissen auf. Die Zeit dafür sei gekommen.

Ein Bild von Hersh Goldberg-Polin war auf einer riesigen Leinwand zu sehen.Foto: picture alliance / newscom
Anderer Planet

»In einem aufgeheizten Nahen Osten wissen wir, dass ein Abkommen, das die verbleibenden 109 Geiseln nach Hause bringt und das Leiden der unschuldigen Zivilisten im Gazastreifen beendet, am ehesten Druck abbauen und die gesamte Region beruhigen kann«, sagte Jon Polin, der Vater der Geisel, vor den Teilnehmern des Parteitages.

Unter Tränen erzählte die Mutter, Rachel Goldberg, die Geschichte ihres Sohnes – inklusive des Moments der Geiselnahme: »Er wurde auf einen Pickup geladen«, sagte sie. Hersh sei aus seinem Leben gerissen und ihr sowie seinem Vater gestohlen worden. Seitdem lebten sie auf einem anderen Planeten. Jon Polin musste seine Frau während der Rede mehrfach trösten.

Polin dankte der Biden-Administration für ihre Bemühungen um eine Waffenruhe und eine Freilassung der Geiseln. »Auf allen Seiten des tragischen Konflikts im Nahen Osten gibt es einen Überschuss an Leid. In einem Wettbewerb des Schmerzes gibt es keine Gewinner«, erklärte er. »In unserer jüdischen Tradition sagen wir: ›Jeder Mensch ist ein ganzes Universum.‹ Wir müssen all diese Universen retten.«

Lesen Sie auch

Humanitäre Frage

»Dies ist ein politischer Kongress, aber dass unser einziger Sohn und alle geschätzten Geiseln nach Hause kommen müssen, ist keine politische Frage. Es ist eine humanitäre Frage«, fügte Polin hinzu. Er und seine Frau erhielten viel Applaus.

Am 7. Oktober, vor 320 Tagen, als die Hamas-Terroristen beim Festival auftauchten, begaben sich Hersh Goldberg-Polin, sein guter Freund Aner Shapira und andere Besucher in ein Versteck. Die Angreifer entdeckten es jedoch und warfen Granaten hinein. Aner Shapira starb, nachdem es ihm gelungen war, mehrere Granaten vor deren Explosion wieder hinauszuwerfen.

Goldberg-Polin wurde schwer verletzt. Bei einer Explosion verlor er seinen linken Unterarm. Er schaffte es trotz des auch durch diese Verletzung verursachten Traumas, seinen Arm abzubinden. Auf einem Video ist zu sehen, wie ihn Terroristen auf die Ladefläche eines Pickup-Fahrzeuges luden. Teile seiner Armknochen hingen heraus.

Die kalifornische Finanzministerin Malia Cohen (l.) und die Vizegouverneurin des größten US-Bundesstaates, reagieren auf die Rede von Rachel Goldberg und Jon Polin.Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS
Gespaltene Partei

Was den israelisch-palästinensischen Konflikt und den aktuellen Krieg angeht, sind die Demokraten gespalten. Während vor allem weit links positionierte Mitglieder antiisraelische Positionen eingenommen haben – obwohl Israel keine Wahl hat, als sich gegen den palästinensischen Terror zu verteidigen –, sehen viele andere die Notwendigkeit der Unterstützung des jüdischen Staates durch die USA und sind solidarisch mit dem demokratischen jüdischen Staat.

Die Befürchtung der Organisatoren des Parteitags, der zufolge die Spaltung der Partei in dieser Frage durch einen Auftritt von Eltern einer Hamas-Geisel zu sehr zutage treten könnte, erwies sich als unbegründet. Selbst eine teilnehmende Delegierte, die ein Palästinensertuch trug, reagierte emotional auf die Rede von Rachel Goldberg und Jon Polin. Viele andere Demokraten trugen gelbe Bänder, als Zeichen der Solidarität mit den Geiseln.

Während des neunminütigen Auftritts wurden Fotos von Hersh Goldberg-Polin auf eine Großleinwand projiziert. Seine Mutter sagte ihren vielen Zuhörern, Hersh sei in Oakland (Kalifornien) geboren worden – wie Kamala Harris. Die Vizepräsidentin hat gute Chancen, ihren republikanischen Konkurrenten, den Anti-Demokraten Donald Trump, zu besiegen und erste Präsidentin der USA werden.

Ebenso wie die Familien anderer Geiseln haben Goldberg und Polin die Hoffnung noch nicht verloren. Im April und Juni wurden Videoaufnahmen von Hersh veröffentlicht, die ihn lebend zeigen. im

Berlin

Israelis selbst schuld an Empathielosigkeit? SPD-Politiker in der Kritik

Der Sozialdemokrat Lars Castellucci machte am Samstag mit einem X-Post zum versuchten Anschlag auf ein Flugzeug mit israelischen Passagieren von sich reden. Viele sehen darin eine Täter-Opfer-Umkehrung

 05.10.2026

Berlin

Auswärtiges Amt kritisiert Menschenrechtsbeauftragten

In einer Reaktion auf einen X-Post von Bundesbildungsministerin Prien im Zusammenhang mit dem Flydubai-Flug nennt Lars Castellucci Israels Regierung rechtsradikal. Außenminister Wadephul reagiert

 05.10.2026

Der Verfassungsrechtler Steffen Augsberg, Hessens Justizminister Christian Heinz (CDU), der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker und Zentralratspräsident Josef Schuster (v.l.)

Gutachten

Hessischer Gesetzentwurf zur Leugnung des Existenzrechts Israels verfassungskonform

Hessens Justizminister Christian Heinz: »Wir brauchen dringend eine gesetzliche Regelung.« Zentralratspräsident Josef Schuster: Die Politik steht in der Pflicht, dem Antisemitismus in seinem neuen Gewand Einhalt zu gebieten

 05.10.2026

7. Oktober

Rotes Rathaus zeigt Ausstellung zum Hamas-Überfall auf Israel

Der Überfall der Terrororganisation Hamas hat überall in Israel Spuren hinterlassen. Eine neue Berliner Ausstellung beleuchtet die Erfahrungen von Sportlern und Fans rund um den 7. Oktober 2023

 05.10.2026

Recht

Gute Absicht, falsche Umsetzung

Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats der Juden, kritisiert den hessischen Vorschlag für eine Strafbarmachung der Leugnung des Existenzrechts Israels. Er hat aber einen Alternativvorschlag

 05.10.2026

Der Verfassungsrechtler Steffen Augsberg, Hessens Justizminister Christian Heinz (CDU), der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker und Zentralratspräsident Josef Schuster (v.l.)

Initiative

Hessen dringt auf Strafen für Leugnung des Existenzrechts Israels

Die hessische Landesregierung dringt darauf, dass ihr Vorschlag zur Strafbarkeit israelfeindlicher Äußerungen umgesetzt wird. Die Bundesregierung bleibt aber skeptisch. Auch der Zentralrat der Juden ist nicht restlos überzeugt

 05.10.2026

Josef Schuster

Berlin

Zentralrat: Linke muss Mitglieder bei Antisemitismus ausschließen

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, äußert klare Erwartungen an die Linkspartei in Bezug auf den innerparteilichen Kampf gegen Judenhass

 05.10.2026

Magdeburg

BSW: Wählen den AfD-Kandidaten zum Landtagspräsidenten

Am Dienstag kommt der neu gewählte Landtag von Sachsen-Anhalt erstmals zusammen. Die AfD hat die Zusage des BSW für die nötigen Stimmen

 05.10.2026

Berlin

Parteien in der Hauptstadt bereiten sich auf drittes Vorgespräch vor

Nach der Abgeordnetenhauswahl setzen Linke, Grüne und SPD auf ein drittes Vorgespräch. Details bleiben geheim – und keiner weiß, wo das Ganze hinführt

 05.10.2026