Porträt

Philosoph des Cyberkriegs

Alex Karp bei Europas führender Digitalisierungsinitiative DIGITAL X vor einigen Jahren in Köln Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress

Alex Karp ist zappelig, er kann keine Sekunde lang ruhig auf seinem Stuhl sitzen. Er gestikuliert beim Sprechen wild mit den Armen, rutscht hin und her, und seine Füße sind ständig in Bewegung. Seine innere Rastlosigkeit ist unübersehbar, betont noch durch seine ungezähmte Haartracht.

Immer wieder beginnt er Sätze und beendet sie nicht. Dann stammelt er ein paar Sekunden und hebt erneut an, bevor ihm ein grandioses Statement entfährt, über das er sich dann freut. So etwas wie: »Ich denke nicht an Gewinnen oder Verlieren, ich glaube an Dominanz.« Oder: »Alles, was Sie an der Schule oder an der Universität gelernt haben, ist falsch.«

Er hat es satt, dass man auf die Überlegenheit des Westens nicht mehr stolz ist.

Wir sind in New York bei der Präsentation von Karps gerade erschienenem Buch The Technological Republic (Die technologische Republik). Ihm gegenüber sitzt Andrew Ross Sorkin, Wirtschaftsredakteur bei der »New York Times«, der sich redlich müht, aus dem Mann, der im Hauptberuf eine der erfolgreichsten und am schnellsten wachsenden Software-Firmen der Welt leitet, zusammenhängende Antworten herauszubekommen.

Keine Scheu vor Aufträgen von Regierung und Militär

Karps Firma ist der kontroverse Software-Gigant Palantir, im Jahr 2003 gemeinsam mit Peter Thiel gegründet. Kontrovers, weil Palantir sich, anders als andere Firmen aus dem Valley, von Anfang an nicht gescheut hat, große Aufträge von der Regierung und vom Militär anzunehmen. Seine Produkte entdecken per KI Anomalien in Datensätzen, eine Fähigkeit, die dazu genutzt werden kann, schnell Lücken in Lieferketten zu finden und zu beheben, in Kriegsgebieten zu berechnen, wo Bomben und feindliche Geschütze stationiert sind oder Polizei und Geheimdiensten dabei zu helfen, rasch und gezielt Tatverdächtige zu identifizieren.

Karp reitet derzeit auf einer Erfolgswelle. Im vergangenen Jahr wuchs seine Firma um 50 Prozent, der Börsenkurs stieg, nicht zuletzt dank seines ungebremsten Willens, in KI zu investieren, um 340 Prozent. Das Magazin »The Economist« ernannte ihn zum Unternehmer des Jahres.

Und doch ist Karp in der Technologiebranche ein Außenseiter. Das macht sich nicht nur daran fest, dass er, im Gegensatz zu seinen Kollegen im Valley, allen voran sein Freund Peter Thiel, nicht den Rechtsschwenk hin zu Trump vollzogen hat. Er hat im vergangenen Wahlkampf Kamala Harris unterstützt und bezeichnet sich bisweilen als »Neo-Marxisten«. In seinem Buch und bei öffentlichen Auftritten benennt er immer wieder die wachsende soziale Ungleichheit als das größte Problem unserer Zeit. Ohne soziale Gerechtigkeit, so der studierte Soziologe, könne es keine soziale Kohärenz und Stabilität geben.

Attacke auf Tech-Kollegen

In seinem Buch greift Karp sogar ganz direkt seine Kollegen an. Er wirft ihnen vor, ihr Kapital und ihre Intelligenz daran zu verschwenden, die seichten Bedürfnisse der konsumkapitalistischen Massen zu befriedigen. Milliarden und Abermilliarden flössen in die Entwicklung der neuesten Lebensmittel-Liefer-Apps, während man die Politik mit den Lösungen der wirklich großen Probleme der Zeit alleinlasse.

All das hat Karp freilich geschrieben, bevor seine Kollegen aus dem Silicon Valley geschlossen bei der Amtseinführung hinter Donald Trump standen und Elon Musk sich daranmachte, gemeinsam mit der Regierung vermeintlich große Probleme wie die Masseneinwanderung oder die Verschwendung von Regierungsmitteln zu lösen. Die »technologische Republik«, wie Karp sie in seinem Buch propagiert, ist offenbar schneller Wirklichkeit geworden, als sein Verlag das Buch drucken konnte.

Dabei weicht das, was im Moment in Washington vorgeht, ideologisch gar nicht so grundlegend von dem ab, was der vermeintliche Linke Karp in seinem Buch zu propagieren scheint. Ihm geht es vor allem darum, Amerika wieder zur unangefochtenen Weltmacht Nummer eins zu machen, mit »hard power« und »soft belief«, wie es im Titel heißt. Unter »hard power« versteht er vor allem das Militär, dessen Zukunft er in der Cyberkriegsführung sieht. Und da ist natürlich seine Firma als Partner des Pentagon ganz vorn mit dabei. Ganz unverblümt sieht Karp sich als der J. Robert Oppenheimer des 21. Jahrhunderts und die Aufrüstung mittels KI als das neue Manhattan Project.

In Frankfurt wollte er die Aura von Horkheimer und Ador­no einatmen.

Unter »soft belief« wiederum versteht Karp Glaubenssätze, in denen er sich ebenfalls nicht wesentlich von seinen Kollegen, die sich nun hinter Trump stellen, unterscheidet. So stört er sich mächtig an der neuen Linken und ihrem Werterelativismus. Er hat es satt, dass man sich im liberalen Mainstream und an amerikanischen Universitäten nicht mehr zu sagen traut, der Westen sei überlegen; dass man es nicht mehr wagt, diese Überlegenheit auszuspielen und vor allem gemeinsam darauf stolz zu sein, um die Nation zu einen. Karps Vision ist eine sich selbst gewisse USA, basierend auf westlichen Werten und westlichen Errungenschaften, die wieder selbstbewusst und nach Möglichkeit mit militärischen Mitteln sowie dem Zusammenwirken der finanzstarken Technologiebranche und der Regierung eine globale Hegemonie beansprucht.

Zwischen Hippie-Eltern und Imperialismus

Wie das mit seinem vorgeblichen Neo-Marxismus zusammenpassen soll, ist zunächst einmal verwunderlich. Den Sprung vom Sohn von 60er-Jahre-Hippie-Eltern aus New York zum feurigen Verteidiger des amerikanischen Imperiums nachzuvollziehen, bedarf schon einiger intellektueller Klimmzüge.

Nachdem Karp seinen Bachelor in Philosophie und seinen Dr. iur. an der liberalen Eliteuniversität Stanford abgeschlossen hatte, ging er Anfang der 90er-Jahre nach Frankfurt am Main, angezogen vom Ruf der Frankfurter Schule. Karp wollte die Aura von Horkheimer, Marcuse und Ador­no einatmen und bei Jürgen Habermas Seminare besuchen.

Schließlich landete Karp als Doktorand am Frankfurter Sigmund-Freud-Institut. Direktorin war seinerzeit dort noch Margarete Mitscherlich, die gemeinsam mit ihrem Mann in ihren bahnbrechenden Schriften der 60er-Jahre den Deutschen nachgewiesen hatte, dass sie sich mitnichten wirksam und nachhaltig mit der natio­nalsozialistischen Vergangenheit auseinandergesetzt hatten.

Tradition deutsch-jüdischer Intellektueller

Das Thema faszinierte Karp, dessen Vater Jude ist und der sich in der Tradition deutsch-jüdischer Intellektueller sah. So schrieb Karp auch seine Dissertation darüber, inwiefern in Deutschland Aggression im öffentlichen Diskurs als direktes Erbe des Nationalsozialismus weiterhin ihr Unwesen treibt. Dazu bemühte er Theodor Adorno, um die berüchtigte Rede Martin Walsers 1998 in der Frankfurter Paulskirche zu analysieren, in der Walser ein begeistertes Publikum davon freisprach, sich weiterhin mit der Moralkeule Auschwitz prügeln zu lassen. In seinem neuen Buch zitiert Karp ebenfalls dieses Ereignis.

In einer faszinierenden Exegese von Karps Dissertation arbeitete Moira Weigel heraus, dass Karp zwar mit Adorno den Mechanismus herausgearbeitet hatte, durch den Walsers Rede durch die Anwendung von Aggression Gemeinschaft geschaffen habe, eine Gemeinschaft, welche die Deutschen offenbar seit 1945 dringend vermissten. Allerdings fehle bei Karp jegliche moralische Bewertung des Vorgangs. Er bleibt in der Faszination hängen.

So kommt Weigel zu dem Schluss, dass Karp mithilfe der Werkzeuge der Frankfurter Schule dort angekommen sei, wo er heute intellektuell steht. An einem Ort nämlich, an dem er behauptet, die Anwendung von Aggression durch seine Software-Produkte stifte Gemeinschaft und Identität.

Es geht ihm vor allem darum, Amerika wieder zur Weltmacht Nummer eins zu machen.

Natürlich ist es auch durchaus möglich, wenn nicht gar wahrscheinlich, dass der gesamte Überbau, den Karp in seinem Buch konstruiert, seine Selbststilisierung als Unternehmer-Philosoph, eine durchschaubare Fassade ist. Vielleicht dient die ganze, mitunter wirre Rede davon, Sinn und Gemeinschaft zu stiften, auch nur der Rechtfertigung dessen, was Karp als Geschäftsmann treibt. Die großen Verteidigungs- und Regierungsaufträge dienen ja zunächst einmal seiner Profitmaximierung.

Und dass seine Produkte dabei problematischen Anwendungen wie der Steuerung von Waffen oder der Überwachung von Bürgern dienen, lässt sich auch nur schwer damit rechtfertigen, dass damit das amerikanische Volk wieder Sinn und Identifikation finde. Am Ende stehen Karps Aktivitäten auch für nichts anderes als die von Musk, Thiel oder Trump – »to make America great again«. Seine Bekenntnisse zu sozialer Gerechtigkeit und einem angeblichen Neo-Marxismus wirken für viele bestenfalls kosmetisch.

Kommentar

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