Nürnberg

»Nie wieder darf Hass die Oberhand gewinnen«

Hermann Goering im Zeugenstand Foto: picture-alliance / akg-images

Kongressabgeordnete aus Washington D.C., Touristen aus China und Geschichtsinteressierte aus Franken: Das Interesse an den Nürnberger Prozessen - den wohl noch immer berühmtesten Gerichtsverfahren der Welt - gegen die Hauptkriegsverbrecher des Zweiten Weltkriegs ist 80 Jahre nach dem Start des historischen Justizereignisses ungebrochen.

Rund 150.000 Menschen aus aller Welt haben im vergangenen Jahr das Memorium Nürnberger Prozesse besucht - eine Dauerausstellung im Nürnberger Justizpalast, die sich minutiös mit den Ereignissen nach Ende des Zweiten Weltkriegs beschäftigt.

Das Justizereignis historischen Ausmaßes, das letztlich in zwölf Todesurteilen mündete, ist untrennbar mit dem Namen der Stadt verbunden, in denen Adolf Hitler seine Reichsparteitage abhalten ließ und wo der mit abgeurteilte Julius Streicher einst mit seinem Hetzblatt »Der Stürmer« sein Unwesen trieb.

Zehn Todesurteile

Im Saal 600 - bis vor wenigen Jahren noch immer als Gerichtssaal für Strafprozesse genutzt, tagte monatelang das Tribunal, im benachbarten Zellengefängnis saßen die Häftlinge ein - darunter Nazi-Prominenz wie Reichsluftfahrtminister Hermann Göring oder Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß.

In der Turnhalle des Gefängnisses vollstreckte der US-Henker John Woods am 16. Oktober 1946 - knapp ein Jahr nach Beginn der Verhandlung - zehn Todesurteile. Göring entzog sich dem Strang kurz vorher durch einen Suizid mit Hilfe einer Giftkapsel. Martin Bormann war in Abwesenheit verurteilt worden, hatte sich aber schon vorher umgebracht, wie sich erst viel später herausstellte.

»Die Prozesse, die den Namen unserer Stadt tragen, haben für unsere Nachkriegsgeschichte wie für das internationale Völkerrecht herausragende Bedeutung«, sagt Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König (CSU) heute. Die Prozesse, die wie ein Magnet die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich zogen, sind für die Stadt Nürnberg Vermächtnis.

Unrühmliche Geschichte

Heute wird in der größten Stadt Frankens jedes Jahr ein Menschenrechtspreis verliehen, ein internationales Menschenrechts-Filmfestival steigt in der Stadt. Und die Kommune gehört der internationalen Städte-Koalition gegen Rassismus an.

80 Jahre vorher galt Nürnberg als Inbegriff für den Terror, aber auch für den Größenwahn der Nazis. Die Reste des Reichsparteitagsgeländes und der nie fertig gewordenen Kongresshalle zeugen noch heute von der unrühmlichen Geschichte.

Der Nürnberger Justizpalast stand schon vor der Machtergreifung der Nazis. Für die Amerikaner, die unter den vier Besatzungsmächten bei der Frage des Umgangs mit den Kriegsverbrechern eine gewisse Vormachtstellung einnahmen, war Nürnberg ideal. Die Stadt lag innerhalb ihrer Besatzungszone, die Gefangenen konnten aus der benachbarten Untersuchungshaftanstalt direkt in den Gerichtssaal geführt werden.

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Brandt als Berichterstatter

Und Nürnberg hatte jede Menge Symbolcharakter. Schon damals hatte das Weiße Haus die Außenwirkung stets im Blick - schließlich waren die Prozesse auch ein riesiges Medienereignis. 300 Reporter aus aller Welt reisten in das vom Krieg zerstörte Nürnberg, darunter im Auftrag skandinavischer Zeitungen der spätere Bundeskanzler Willy Brandt.

Allein im Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher saßen 22 Männer auf der Anklagebank. Die Namensliste liest sich wie das Who is Who von Hitlers Vasallen - von Reichsmarschall Göring über Hitler-Stellvertreter Heß bis zu NS-Außenminister Joachim von Ribbentrop. Als das Gericht zum Auftakt Filmdokumente über die Nazi-Gräuel zeigen ließ, wandten sich die Verantwortlichen, die allesamt auf »nicht schuldig« plädiert hatten, ab.

Am Ende standen neben den zwölf Todesurteilen auch sieben langjährige, teils lebenslange Haftstrafen, die sie in Berlin-Spandau absaßen. Rudolf Heß war jahrelang der einzige und letzte Häftling - er erhängte sich im Alter von 93 Jahren im Jahr 1987.

Vorbild für internationale Tribunale

Nürnberg, unmittelbar nach dem Krieg - das sollte in die Justizgeschichte eingehen. Erstmals überhaupt wurden Politiker für ihre Machenschaften persönlich strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen. Die Nürnberger Prinzipien, auf denen der Internationale Militärgerichtshof (IMG) aufgebaut war, wurden wenig später von den Vereinten Nationen geadelt. Auf ihnen fußten seitdem alle internationalen Strafgerichtshöfe.

Der Vorsitzende Richter Robert H. Jackson, ehemals Richter am Supreme Court der USA in Washington, hatte schon damals diese Vision: »Denn wir dürfen niemals vergessen, dass nach dem gleichen Maß, mit dem wir die Angeklagten heute messen, auch wir morgen von der Geschichte gemessen werden«, sagte er zum Auftakt des Prozesses. »Diesen Angeklagten einen vergifteten Becher reichen, bedeutet, ihn an unsere eigenen Lippen zu bringen. Wir müssen an unsere Aufgabe mit so viel innerer Überlegenheit und geistiger Unbestechlichkeit herantreten, dass dieser Prozess einmal der Nachwelt als Erfüllung menschlichen Sehnens nach Gerechtigkeit erscheinen möge.«

Wo auch immer heute noch in internationalen Tribunalen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt werden - die Rechtsgrundlagen gehen auf Nürnberg zurück. Bei Nicht-Juristen dürften die zahlreichen Verfilmungen des Nürnberger Geschehens - unter anderem mit Spencer Tracy in der Rolle eines Richters - in Erinnerung geblieben sein. Maximilian Schell heimste für seine Rolle in dem Streifen »Urteil von Nürnberg« sogar einen Oscar ein.

Noch heute sind es vor allem Ausländer, die in den Justizpalast strömen - die Bevölkerung in Deutschland nahm und nimmt von den Prozessen weniger Notiz. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) mahnt trotzdem: »Erinnerung braucht Orte - und Verantwortung endet nicht mit der Zeit!« In einer Zeit, in der Antisemitismus wachse und Demokratie unter Druck gerate, seien solche Orte wichtiger denn je. »Nie wieder darf Hass die Oberhand gewinnen«, sagt Söder.

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