Berlin

Verfassungsschutz: Immer mehr Extremisten in Deutschland

Verfassungsschutzchef Sinan Selen (l.) und Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (M.) auf dem Weg zur Vorstellung des Verfassungsschutzberichtes Foto: picture alliance / dts-Agentur

Der Verfassungsschutz sieht bundesweit mehr Menschen mit extremistischen Einstellungen, vor allem im rechten Spektrum. Sorgen bereitet den Sicherheitsbehörden zudem, dass die Zahl minderjähriger Rechtsextremisten und Salafisten zunimmt – oft als Folge einer Online-Radikalisierung. Wie aus dem Jahresbericht des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) weiter hervorgeht, rechnete der Inlandsgeheimdienst im vergangenen Jahr 58.700 Menschen dem rechtsextremistischen Personenpotenzial zu - 8.450 mehr als im Jahr zuvor.

Dieser Zuwachs hängt größtenteils mit dem Mitgliederzuwachs der AfD zusammen, die vom BfV aktuell als Verdachtsfall beobachtet wird. Die Partei hatte im Oktober erklärt, sie habe nunmehr 70.000 Mitglieder. Von diesen seien etwa 28.000 Rechtsextremisten, schätzt der Verfassungsschutz. In Bezug auf die Auflösung der Jungen Alternative und die Gründung einer neuen AfD-Nachwuchsorganisation sagt Verfassungsschutzpräsident Sinan Selen: »Wir sehen eine programmatische und personelle Kontinuität hin zur Generation Deutschland.«

Dobrindt: Mehr Erkenntnisse zu Anschlagsplanungen

Insgesamt hätten Mitteilungen und Erkenntnisse zu Anschlagsplanungen 2025 zugenommen, betont Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) – ebenso wie die Zahl der gewaltbereiten Extremisten sowohl im rechten als auch im linken Spektrum.

Dem linksextremistischen Spektrum ordnete das Bundesamt 2025 bundesweit 42.200 Menschen zu, nach rund 38.000 im Vorjahr. Die Szene gilt als schwer zu durchdringen. »Wir haben es hier mit hochkonspirativen Strukturen zu tun«, sagt Selen.

Lesen Sie auch

Spärliche Informationen trotz massiver Schäden

Wenig Erhellendes findet sich im Bericht etwa zu Täterinnen und Täter, die hinter verschiedenen Anschlägen auf die Stromversorgung und die Bahninfrastruktur vermutet werden. So heißt es dort: »Es lässt sich annehmen, dass sich hinter den ‚Vulkangruppen‘ ein Netzwerk verbirgt.« Dabei dürfte es sich um unterschiedliche Strukturen handeln, die den Namen »Vulkangruppe« als eine Art »Label« nutze. »Verbindungen zwischen den einzelnen Strukturen sind nicht auszuschließen.« Ideologisch ließen sich die Vulkangruppen dem gewaltorientierten anarchistischen Spektrum zuordnen.

Dass linksextremistische Gruppen aktuell Zulauf haben, sieht der Verfassungsschutz auch in einem Zusammenhang mit Entwicklungen im rechten Spektrum. So heißt es im Jahresbericht: »Aufgrund des von der Szene wahrgenommenen ‚Rechtsrucks‘ in der Gesellschaft ist davon auszugehen, dass der ‚militante Antifaschismus‘ seine wichtige Rolle behalten und es weiterhin zu einer Vielzahl von linksextremistisch motivierte Straf- und Gewalttaten in diesem Kontext kommen wird.«

Folgen von Krieg in der Ukraine und in Nahost

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat laut BfV nicht nur zu einer Zunahme von Spionage, Sabotage, Desinformation und Einflussoperationen durch Russland in Deutschland geführt, sondern auch den Linksextremismus befeuert – etwa wenn unter Berufung auf »antimilitaristische Gründe« Straftaten begangen würden.

Der Nahostkonflikt habe 2025 erneut »ein hohes Mobilisierungspotenzial im islamistischen Spektrum« erzeugt, stellt das Bundesamt fest. Insgesamt hätten sich Anhänger von Hamas und Hisbollah aber mit öffentlichkeitswirksamen Handlungen weitestgehend zurückgehalten. Islamisten verschiedener Couleur hätten teilweise an Demonstrationen teilgenommen, die andere Akteure - Linksextremisten und auslandsbezogenen Extremisten - organisierten.

Konflikte mit Ursprung in anderen Staaten

Zum auslandsbezogenen Extremismus zählt das BfV Organisationen, die überwiegend aus Konflikten in den jeweiligen Heimatländern hervorgegangen sind. Das reicht von der palästinensischen PFLP über die kurdische PKK bis hin zu Gruppierungen, die der türkisch-nationalistischen »Ülkücü«-Bewegung (Graue Wölfe) zugerechnet werden. Im Bericht heißt es: »Teile der unorganisierten «Ülkücü»-Bewegung schließen sich in rockerähnlichen Vereinigungen oder anderen, meist kurzlebigen Kleinststrukturen zusammen.« Häufig gebe es Verbindungen zu kriminellen Milieus.

Lesen Sie auch

Bei verschiedenen Sabotage-Aktivitäten der vergangenen vier Jahre deuteten die Hinweise nach Russland, teils gab es auch Beweise. Doch das BfV warnt vor vorschnellen Schlussfolgerungen im konkreten Einzelfall. In seinem Bericht schreibt das Bundesamt, die Vorgehensweise sei bewusst so angelegt, dass eine Unterscheidung von tatsächlich durch Russland gesteuerten Sabotageakten und sonstigen Vorfällen – etwa Unfällen oder Aktivitäten von Extremisten beziehungsweise Kriminellen – erschwert werde. Ziel sei es, »Verunsicherung hinsichtlich hybrider Aktionen Russlands zu schüren sowie von einer aufgeregten öffentlichen Debatte zu profitieren«.

Was tut der zuständige Minister?

Dobrindt hält ausreichend Personal für wichtig. Der Verfassungsschutz soll mehr Werkzeuge in die Hand bekommen, vor allem zur Aufklärung im digitalen Raum. Im Vorwort des Jahresberichts dankt er den 4.649 Mitarbeitern des BfV. Zum Vergleich: Im Jahr 2015 hatte das Amt 2.813 Mitarbeiter. In Anbetracht der aktuellen Situation sei er überzeugt, »dass wir weiter aufrüsten müssen« – sowohl im Bereich der Technik als auch, was die Befugnisse angeht, damit BfV und Bundesnachrichtendienst (BND) »zu echten Geheimdiensten werden«.

Meinung

Georg Restle, die Jüdische Allgemeine und der berüchtigte Scheck aus Jerusalem

Früher hätte man Journalisten wie Restle, die Juden unterstellen, sie seien nur Sprachrohr einer Regierung in Israel, die Eignung als Politik-Redakteure beim Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk abgesprochen. Zu Recht

von Michael Thaidigsmann  30.06.2026

Hamburg

Mutmaßlicher Block-Entführer: »Wir sind hier wie in einer Mossad-Operation«

Im Block-Prozess wird ein Zeuge aus Israel weiter per Video befragt. Der 42-Jährige steuerte bei der gewaltsamen Rückholung der Kinder einen der Wagen. Wie er heute auf die Ereignisse blickt.

von Stephanie Lettgen  30.06.2026

Proteste gegen Kushner-Projekt

Ein Land sieht pink: Albaniens Flamingo-Revolution ist nicht zu stoppen

Flamingos überall - und kein Ende in Sicht: EU-Beitrittskandidat Albanien ist fest im Griff einer Protestwelle. Fällt die Regierung unter der pinken Revolution?

von Markus Schönherr  30.06.2026

Doha

Darum ist der Streit um die Straße von Hormus noch immer nicht beigelegt

Jüngste Angriffe zwischen den USA und dem Iran schüren die Sorge vor einem Neubeginn des Kriegs. Beide wollen nach US-Angaben nun wieder reden. Warum es dabei erneut um die Meerenge gehen dürfte

von Lars Nicolaysen  30.06.2026

Streit

Verhandeln die USA und Iran am Dienstag?

US-Präsident Donald Trump behauptet, dass ein Treffen in Doha geplant sei. Doch die iranische Regierung äußert sich nur vage

 29.06.2026

Forschung

Historiker Gerber: Erinnerung an Holocaust verschwindet

Der Leipziger Historiker Jan Gerber wendet sich gegen ein kontinuierliches Verschwinden der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Schoa. Der Tod der letzten Zeitzeugen ist für ihn dabei nicht entscheidend

von Volker Hasenauer  29.06.2026

Aufruf

Jüdische Hochschullehrer fordern besseren Schutz gegen Antisemitismus

Hochschulen können ihre jüdischen Studierenden und Lehrenden nicht ausreichend gegen Antisemitismus schützen. Das NJH will das ändern und fordert unter anderem die Möglichkeit zur Exmatrikulation von Störern

 29.06.2026

Resümee

Felix Klein: Lebensqualität für Juden hat sich verschlechtert

Nach acht Jahren im Amt wechselt der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, im August den Job. Auf seine Amtszeit blickt der 58-Jährige mit gemischten Gefühlen zurück

von Corinna Buschow, Markus Geiler  29.06.2026

Nahost

So versuchen die USA und Iran vor dem Deal, Fakten zu schaffen

Am Dienstag sollen sich Vertreter beider Länder zu Verhandlungen treffen. Bis dahin versuchen beide Seiten, ihre Position zu stärken

 29.06.2026