Detmold

Noch schweigt der Angeklagte

Auf der Anklagebank: der frühere Auschwitz-Wachmann Reinhold Hanning (M.) am zweiten Prozesstag in Detmold Foto: dpa

Ihre Mutter sah Erna de Vries, geborene Korn, zum letzten Mal in Auschwitz. Beide waren auf dem Weg in die Gaskammer, als de Vries zum Arbeitseinsatz im KZ Ravensbrück ausgewählt wurde. »Du wirst überleben«, waren die letzten Worte, die de Vries von ihrer Mutter hörte, der sie aus Solidarität und gegen deren Willen ins KZ gefolgt war, denn ihr Vater war kein Jude und sie damit in der Diktion der Nationalsozialisten eine »Halbjüdin«.

In der Zeit, in der Erna de Vries und ihre Mutter in Auschwitz auf den Tod warteten, war auch Reinhold Hanning im Lager. Er war Wachmann und von 1942 bis 1944 in Auschwitz eingesetzt. De Vries berichtet in ihrer Aussage vom Alltag im Lager: »Auschwitz, das war immer Brüllen und Schlagen«, sagt sie und beschreibt die »Berge von Leichen«, die sie dort jeden Tag sah, wenn sie an den Krematorien vorbeigehen musste.

gefangene Die Zeugin Irene Weiss schilderte vor Gericht, wie ahnungslos sie im Lager ankam: »Wir wussten noch immer nicht, wo wir waren. Wir fragten die anderen Gefangenen: ›Wann sehen wir unsere Familien?‹ Eine Frau zeigte auf den Schornstein und sagte: ›Siehst du den Rauch? Da ist deine Familie.‹«

Der aus Kanada angereiste Nebenkläger Max Eisen sah seinen Vater und seinen Onkel zuletzt bei einem Arbeitseinsatz, vom dem aus die beiden direkt in die Gaskammer geschickt wurden. Alles geschah plötzlich. »Ich konnte mich von ihnen verabschieden – zwei Sekunden lang.«

Der Zeuge und Nebenkläger Justin Sonder erhofft sich, dass in dem Prozess noch einmal dargelegt wird, was sich in Auschwitz abgespielt hat. Für den Überlebenden des Vernichtungslagers reicht der Prozess in die Gegenwart: »Wir leben in einer Zeit, in der von Rechts starke Angriffe auf den deutschen Staat kommen.« Die anstehenden Prozesse, sagte Sonder, hätten eine wichtige Bedeutung für die Gesellschaft: »Wir brauchen keine braune Richtung in Deutschland.«

verpflichtung Für Erna de Vries, die seit Jahren in Schulen von der Vernichtung der Juden berichtet, ist ihre Aussage im Prozess auch eine Verpflichtung ihrer Mutter gegenüber: »Sie sagte, dass ich später erzählen soll, was ich erlebt habe.« Auch der Zeuge Leon Schwarzbaum sagte: »Ich stehe hier für meine Eltern.«

Hannings Anwalt hat angekündigt, dass der ehemalige SS-Wachmann, der seine Beteiligung an Morden bestreitet, zu einem späteren Zeitpunkt im Prozess aussagen wird. Ob schriftlich oder mündlich, ließ er offen. In den ersten Prozesstagen schwieg er jedoch trotz der Aufforderung der Vorsitzenden Richterin Anke Grudda: »Es wäre schön, wenn Sie den Mut fassten, hier etwas zu sagen.«

Krieg gegen Iran

Medienbericht: Trump will Mullahs nur wenige Tage Zeit geben

Als der US-Präsident am Dienstag einseitig eine Verlängerung der Waffenruhe mit dem Iran verkündete, nannte er keine neue Frist. Unbegrenzt verlängern, will er sie US-Medien zufolge aber nicht

 22.04.2026

Nahost

Voller Vorurteile

Es ist geradezu atemraubend, mit welcher Inbrunst das Opfer-Täter-Verhältnis hierzulande verkehrt wird, wenn es um Israels Reaktion auf islamistische Terrororganisationen geht

von Jacques Schuster  22.04.2026

Michael Thaidigsmann

Haltlose Rüge aus Straßburg

Der Menschenrechtskommissar des Europarats wirft Deutschland »unangemessene Beschränkungen« propalästinensischer Proteste vor. Überzeugende Belege legt er jedoch nicht vor

von Michael Thaidigsmann  22.04.2026

Nahost

Trump verlängert Waffenruhe: Wie es jetzt weitergehen könnte

Welche Szenarien sind jetzt denkbar?

von Cindy Riechau, Arne Bänsch  22.04.2026

Nahost

Behörde: Iran beschießt Frachter in Straße von Hormus

Immer wieder kommt es in der Straße von Hormus zu Angriffen auf Schiffe. Die britische Behörde UKMTO meldet nun gleich zwei Vorfälle

 22.04.2026

New York

Wegen Haltung der Demokraten zu Israel: Alan Dershowitz wird Republikaner

Seine bisherige Partei sei zur »antiisraelischsten Partei in der amerikanischen Geschichte« geworden, schreibt der jüdische Jurist

 22.04.2026

New York/London

IAEA-Chef: Iran-Abkommen ohne Kontrolle wertlos

Rafael Grossi warnt vor der »Illusion eines Abkommens« oder um ein Versprechen, dessen Einhaltung niemand sicher feststellen könne

 22.04.2026

London

Beratungen über Wiederöffnung der Straße von Hormus beginnen

Diskutiert werden sollen auch Einsatzkräfte, Führungsstrukturen sowie die Verlegung von Einheiten in die Region

 22.04.2026

Europäische Union

Keine Mehrheit für Strafmaßnahmen gegen Israel

Vor allem Spanien und Irland hatten vor der Sitzung der Außenminister in Luxemburg Druck gemacht und die Aussetzung des Assoziierungsabkommens der EU mit Israel verlangt. Sie scheiterten erneut

von Michael Thaidigsmann  22.04.2026