Geschichte

Mit gemischten Gefühlen

Titelseite der Ausgabe vom 17. November 1989 Foto: Marco Limberg

Die Öffnung der Berliner Mauer am Abend des 9. November vor 25 Jahren kam in der »Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung« vom 10. November 1989 nicht vor. Das Blatt war bereits in Druck gegangen, bevor SED-Politbüromitglied Günter Schabowski auf einer inzwischen historischen Pressekonferenz am späten Nachmittag die Aufhebung der Reisebeschränkungen für DDR-Bürger verkündet und damit den Sturm auf die Grenzen zwischen Ost- und West-Berlin ausgelöst hatte.

Aufmacher war stattdessen der 9. November 1938. »Die Befürchtungen vor einem gegenwärtig kontinuierlich und international anwachsenden Antisemitismus und vor israelfeindlichen Ressentiments überlappen immer stärker die Erinnerungen an die Menschheitsverbrechen der Vergangenheit«, musste Benny Peiser schon damals im Leitartikel konstatieren.

skepsis In der Ausgabe eine Woche später dominierte dann die neue Entwicklung Berichterstattung und Kommentare – mit deutlich skeptischen Untertönen. Heinz Galinski zog in seinem Leitartikel Parallelen zwischen dem 9. November 1989 und demselben Kalendertag 51 Jahre zuvor: »Wäre es damals möglich gewesen, dass die Bevölkerung, wie jetzt in der DDR, mit Zivilcourage und politischer Reife auf die brennenden Synagogen reagiert hätte, wäre damals anstelle von Schweigen Protest getreten, so hätte diesem Land und diesem Kontinent viel Leiden erspart werden können«, kommentierte der Vorsitzende des Zentralrats.

Nicht nur im Rückblick sah Galinski Grund zur Sorge. Die Forderung nach Freiheit und Demokratie in der DDR »findet selbstverständlich unsere volle Unterstützung«, schrieb er weiter. »Aber der ... Prozess der Pluralisierung einer totalitären Gesellschaft setzt ... auch Energien frei, deren Nährboden nichts mit Demokratie zu tun hat ... Die Schändung des Jüdischen Friedhofs im Ostteil Berlins ist nur eins der Symptome dieser äußerst bedenklichen Entwicklung.«

misstrauen
Bedenken, ja Misstrauen prägte auch in Israel die Wahrnehmung des Mauerfalls, wie Wolf Silberbach ebenfalls auf Seite 1 berichtete. Vor allem die Aussicht auf eine Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten bereitete vielen israelischen Beobachtern Magenschmerzen. Ministerpräsident Jitzchak Schamir wurde mit einer Äußerung aus einem amerikanischen Fernsehinterview zitiert: »Es gibt da bestimmte Gefühle. Für uns ist es ein äußerst schwerwiegendes Problem«, so der Likud-Politiker.

Für Israels auflagenstärkste Zeitung Yedioth Ahronoth verursachte die Perspektive eines neuen großen Deutschlands »Schauer, nicht nur bei Juden, über die in ihrem Leben der Holocaust hereingebrochen ist«. Die Jerusalem Post dagegen forderte, »nicht einfach rückwärts zu blicken auf das Deutschland Bismarcks ... und Hitlers, sondern nach vorne zum Deutschland in einem integrierten Europa«. Doch mit diesem Optimismus stand das Blatt im jüdischen Staat ziemlich allein.

Forderungen Repräsentativer für die Meinung seiner Landsleute war wohl der Schriftsteller und Schoa-Überlebende Aharon Appelfeld, der öffentlich seine Angst davor bekannte, dass in der Mitte Europas wieder »ein furchtbarer Riese« entstehen könnte.

Schimon Peres wurde in der »Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung« auf Seite 2 mit Forderungen an die DDR zitiert. Dieser »deutsche Staat«, so der stellvertretende Ministerpräsident in der damals regierenden Großen Koalition aus Likud und Arbeitspartei, stehe nicht nur wegen der Schoa »dem jüdischen Volk gegenüber noch tief in der Schuld.« Ost-Berlin müsse auch endlich seine »antiisraelische Nahostpolitik« ändern.

Ähnlich hatte sich auch der Verband der Jüdischen Gemeinden in der DDR in einem Forderungskatalog geäußert, über den die »Allgemeine Jüdische Wochenzeitung« ebenfalls auf ihrer ersten Seite berichtete. An die Regierung appellierte der Verband, »diplomatische Beziehungen zu Israel anzustreben«. Kritisiert wurde die ungenügende Aufarbeitung der Schoa im Schulunterricht, die bei jungen DDR-Bürgern zu einem »erschreckenden Defizit an zeitgeschichtlichem Wissen und Gewissen« führe. Partei und Staat müssten auch, so der Appell, die »antizionistische Kampagne der frühen 50er-Jahre kritisch aufarbeiten, in deren Verlauf zahlreiche Juden in der DDR Diskriminierung und Verfolgung ausgesetzt gewesen waren«.

Neuigkeit Für die meisten Leser war wahrscheinlich die bloße Tatsache, dass es einen Verband der Jüdischen Gemeinden in der DDR gab, schon eine Neuigkeit. Von den gerade einmal 500 in Gemeinden organisierten Juden im anderen deutschen Staat wusste man im Westen bis dahin wenig bis nichts. Die offizielle Vertretung der DDR-Juden unter ihrem Präsidenten Siegmund Rotstein pflegte traditionell äußerste Zurückhaltung und Staatstreue, ja war, wie Helmut Eschwege auf Seite 3 schrieb, »weit mehr als jede andere Religionsgemeinschaft mit der SED-Führung liiert«. Junge Juden in der DDR dagegen, berichtete der Dresdner Historiker und DDR-Dissident, schlossen sich »den sich neu bildenden Protestgruppen an, sowohl der Sozialdemokratischen Partei als auch dem ›Neuen Forum‹«.

Auf der Seite derer, die eine andere Politik forderten, stand auch der wohl bekannteste jüdische DDR-Bürger, der Schriftsteller Stefan Heym, dessen umjubelten Redeauftritt bei einer Großkundgebung Hunderttausender Bürger auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz die Zeitung im Kulturteil auf Seite 7 vermeldete.

Ängste Welche Befürchtungen, ja Ängste der nationale Rausch, den die Maueröffnung in Deutschland auslöste, bei Juden in der Bundesrepublik weckte, konnte man eine Woche später in der Ausgabe vom 24. November 1989 lesen. Auf der Seite »Das kritische Forum« machte sich der Hamburger Maler Arie Goral, ein Urgestein der intellektuellen jüdischen Szene in der Bundesrepublik, Sorgen um die historische Erinnerung: »Seit diesem 9. November vernehme ich aus allen Medien, dass dieser 9. November in die Geschichte eingehe ... als ein Tag der Freude, der Brüderlichkeit, der Menschlichkeit und der deutschen Einheit. ... Als deutscher Jude sinne ich darüber nach, ob die Erinnerung an den 9. November 1938 ... auch allen Deutschen ein Tag der Besinnung wurde – und bleiben wird? Für die Juden in Deutschland und in aller Welt wurde, war und bleibt der 9. November der Mahntag an die Schoa, an das große und unvorstellbare Unheil, an den Untergang der deutsch-jüdischen Kultur, an die Vernichtung des größten Teils des europäischen Judentums. Er ist und bleibt ein Trauertag für uns.«

Wo Goral eher nachdenklich formulierte, klang aus den Sätzen von Claus-Henning Bachmann Bitterkeit. Illustriert mit einem historischen Foto marschierender Nazitruppen, kommentierte der Regisseur und Autor, dessen Vater 1943 in Auschwitz ermordet worden war, die Forderungen nach einer Öffnung des Brandenburger Tors: »Ich habe nicht Angst vor der Öffnung des Tors, wohl aber vor der ›Aura‹ dieser Öffnung. In ihr marschiert die geschichtlich falsche, weil nach dem Zusammenbruch des deutschen Reiches 1945 gar nicht mehr mögliche ›Wieder‹-Vereinigung im Geiste mit, der alte großdeutsche Machttraum, ... ein Albtraum nicht nur für die Überlebenden der Schoa.«

Es ist anders gekommen. In der jüdischen Geschichte haben die Schwarzseher in der Regel Recht behalten. In diesem Fall zum Glück wohl nicht.

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