SPD

»Mich interessiert Israel«

Wer hat zukünftig den Hut auf? Raed Saleh (r.) möchte Nachfolger von Klaus Wowereit werden. Foto: dpa

Herr Saleh, Sie sind der erste Politiker mit palästinensischen Wurzeln, der sich in Deutschland um ein Spitzenamt bewirbt. Wollen Sie laut ausrufen: »Ich bin Migrant, und das ist auch gut so«?
Berlin hat sich in den vergangenen Jahren positiv entwickelt, nicht nur ökonomisch, sondern auch gesellschaftlich: Berlin steht für eine Vielfalt an Religionen, Kulturen und Lebensweisen. Es spielt heute keine Rolle mehr, welchen Glauben man hat, wo man herkommt oder wen man liebt. Dieses Anderssein ist in Berlin Normalität. Deshalb spielt mein Migrationshintergrund weniger eine Rolle als mein Weg aus einfachen, aber geordneten Verhältnissen.

In bestimmten Bezirken, etwa in Neukölln, spricht man von einer Parallelgesellschaft, in der die Scharia die deutschen Gesetze verdrängt. Was will ein Regierender Bürgermeister Saleh dagegen unternehmen?
Es sind nie ganze Bezirke betroffen oder gesamte Viertel, sondern immer nur Teile davon. Aber kleinste Gruppen können ganzen Vierteln Probleme machen. Daher ist es wichtig, dass wir in Berlin Gesetze einhalten und keine Parallelgesellschaften außerhalb unserer Wertegemeinschaft dulden. Es geht darum, dass wir die Liberalität, die Berlins Markenzeichen ist, schützen. Dazu gehört, dass wir Extremismus jeder Art bekämpfen: Rechtsextremismus, Linksextremismus, aber auch radikalen Islamismus. So habe ich beispielsweise deutlich gemacht, dass wir in Berlin keine Scharia-Polizei dulden würden. Das würden wir mit allen rechtlich möglichen Mitteln bekämpfen.

Sich in solchen Bezirken als Jude zu erkennen zu geben, etwa, indem man eine Kippa trägt, gilt als gefährlich.
Wichtig ist, dass wir Antisemitismus nicht als Rand- oder Gruppenphänomen betrachten. Es ist immer wieder schockierend, zu sehen, dass Antisemitismus in breiten Teilen der Gesellschaft vertreten ist und bis in die Mitte der bürgerlichen Gesellschaft hineinreicht. Gleichzeitig ist Berlin stolz darauf, dass wir heute wieder die Heimat der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands sind, dass jüdische Cafés und Restaurants entstehen und dass jüdisches Leben wieder präsenter wird. Gegen Gewalt und Bedrohungen hilft letztlich nur eine konsequente Strafverfolgung. Deshalb muss die Politik sich wieder hinter die Polizei stellen. Aber wir müssen auch früher ansetzen: Ich bin zum Beispiel mit Jugendlichen – viele mit Migrationshintergrund – nach Auschwitz gefahren. Sie haben dort unsere Geschichte als ihre deutsche Geschichte angenommen, und sie haben gesehen, dass sie unter den Nazis auch zur Opfergruppe gehört hätten. Das setzt wirklich sehr bewegende Denkprozesse in Gang. Die Botschaft, die wir vermitteln, ist: Es gibt keinen Platz für Antisemitismus in Berlin.

Sie sind im Westjordanland geboren. Was empfinden Sie persönlich, wenn palästinensische Jugendliche gegen die israelische Politik demonstrieren – und dabei antijüdische Hetze betreiben?
Wir haben in diesem Sommer aus den Demonstrationen heraus antisemitische Parolen gehört, die inakzeptabel waren. Interessanterweise habe ich gerade von jüdischen Berlinern viel Zustimmung erfahren, als ich dafür klare Worte gefunden habe. Dabei war der Grundsatz für mich ganz selbstverständlich: Das Demonstrationsrecht ist ein hohes Gut, aber nichts rechtfertigt Judenhass.

Jerusalem ist keine offizielle Partnerstadt Berlins, aber es gibt sehr gute Kontakte. Wollen Sie die Beziehungen zur israelischen Hauptstadt weiter pflegen?
Ja, selbstverständlich. Aber auch Tel Aviv interessiert mich. Was sich da gerade an kultureller und wirtschaftlicher Zusammenarbeit ergibt, ist sehr spannend. Es gibt große Potenziale für die Zusammenarbeit, die ich gerne heben möchte.

Sie sind seit 1995 Mitglied der SPD. Haben Sie Verständnis dafür, dass Mitglieder des Arbeitskreises Jüdischer Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten immer mehr Probleme mit israelfeindlichen Äußerungen führender SPD-Politiker haben?
Ich bin eng in Kontakt mit dem Arbeitskreis Jüdischer Sozialdemokraten in der Berliner SPD und kenne daher die Sorgen sehr wohl. Insgesamt bin ich der festen Überzeugung, dass die SPD auch in Zukunft gegen Antisemitismus und für eine gute internationale Zusammenarbeit steht, so wie es unsere 150-jährige Geschichte insgesamt gezeigt hat.

Mit dem Berliner SPD-Politiker sprach Martin Krauß.

Der SPD-Politiker wurde 1977 in Sebastia geboren, das heute zu den Palästinensischen Autonomiegebieten gehört. Schon als Kind kam er mit seiner Familie nach Deutschland und wuchs in Berlin-Spandau auf. Seit 2011 ist er Vorsitzender der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Derzeit kandidiert er parteiintern gegen Michael Müller und Jan Stöß für das Amt des Regierenden Bürgermeisters.

Auszeichnung

Großer Kunstpreis Berlin geht 2026 an Meredith Monk

Die sechs Sektionen der Akademie der Künste wechseln sich bei der Vergabe des Großen Kunstpreises Berlin ab. In diesem Jahr ist die Sparte Musik dran. Sie ehrt eine US-amerikanische Sängerin und Komponistin

 21.01.2026

Berlin

Taglit für alle

Junge Führungskräfte sollen Israel entdecken – unabhängig von Religion und Herkunft. Der frühere israelische Staatspräsident Reuven Rivlin wirbt in Berlin für das Projekt »The Way Shalom«

 21.01.2026

Nairobi

Wadephul betont zu Trumps »Friedensrat« Bedeutung der UN

Die Welt schaut auf Davos und neue Pläne von US-Präsident Trump zur Konfliktlösung. Der deutsche Außenminister äußert sich weit entfernt in Kenia - und sieht Fragen offen

 21.01.2026

Judenhass

Bayern plant Exmatrikulation von Störern an Unis

Wer dauerhaft den Hochschulbetrieb in Bayern stört, soll künftig leichter herausgeworfen werden dürfen

 21.01.2026

Berlin

Wegner empfängt Kulturdelegation aus Tel Aviv

Im Zentrum des Treffens standen laut Staatskanzlei die weitere Vertiefung der kulturellen Beziehungen

 21.01.2026

Meinung

Friedensrat für Gaza oder Kriegsrat gegen Israel?

In Zukunft sollen ausgerechnet die Hamas-Unterstützerstaaten Katar und die Türkei im Friedensrat über den Gazastreifen mitbestimmen dürfen. Für Israel sollte das eine Warnung sein, sich unabhängiger von den USA zu machen

von Daniel Neumann  21.01.2026

Washington D.C.

Trump: Dann werden wir den Iran von der Landkarte tilgen

Der US-Präsident kündigt im Fall eines iranischen Anschlages gegen ihn eine harte Reaktion an. Dies gelte auch für den Fall, dass das Regime erneut gewaltsam gegen Demonstranten vorgehe

 21.01.2026

Gespräch

»Ich fühle mich alleingelassen«

Sonja Bohl-Dencker über die Ermordung ihrer Tochter durch die Hamas, den Umgang Deutschlands mit dem 7. Oktober und ihren Wunsch, dass Carolin nicht vergessen wird

von Mirko Freitag  20.01.2026

Athen

Griechenland setzt auf militärisches Know-how aus Israel

Drohnen-Schwärme, Cyberangriffe, neue Raketen: Wie die Griechen mit israelischer Technologie ihre Sicherheit aufrüsten wollen – und warum der Blick Richtung Türkei geht

 20.01.2026