Schalom Aleikum

»Mensch ist Mensch«

»Ich sage immer: Ausschlaggebend ist der Charakter, nicht die Religion«: Sefalet HizarÇi Foto: Falko Siewert und Jenny Posener

Schalom Aleikum

»Mensch ist Mensch«

Sefalet HizarÇi über den muslimisch-jüdischen Dialog, den Islam und ihr Leben in Deutschland

 22.12.2019 10:50 Uhr

Sefalet HizarÇi kam aus einem Dorf in Anatolien nach Berlin. Sie besuchte nie eine Schule und ist bis heute Analphabetin. Deutsch spricht sie gut, brachte sich die Sprache durch Gehör bei. Ihre drei Kinder haben ein Studium absolviert. Ein Interview.

Welche Rolle spielt für Sie Religion?
Ehrlich gesagt, habe ich nicht viel Ahnung von Religion. Ich bin Mohammedanerin und ich bete fünfmal am Tag, ich faste, wir ernähren uns halal, meine Kinder habe ich muslimisch erzogen. Aber das ist so, weil ich in meiner türkischen Heimat nichts anderes kannte. Meine Mutter war muslimisch, meine Großeltern waren muslimisch, so wurde ich es selbstverständlich auch. Religion ist für mich sehr familiär geprägt. Meine Eltern brachten uns die religiösen Rituale sehr spielerisch bei. Zu Ramadan fragte unser Vater, ob er unser Fastenbrechen abkaufen könnte und verteilte dafür Groschen. Das freute uns Kinder. Mit 15 Jahren entschied ich mich bewusster für den Islam und trug dann auch Kopftuch. Aber meine Tochter trägt es nicht mehr. Einen religiösen Zwang gab es in meiner Familie nie. Meine Religion habe ich nie als besser in Bezug auf andere wahrgenommen. Ich mache da keine Unterschiede. Ich sage immer: Mensch ist Mensch. Ausschlaggebend ist der Charakter, nicht die Religion.

Haben Sie Diskriminierung erfahren?
Es gibt immer wieder Situationen. Einmal saß ich in der U-Bahn. Da setzte sich mir eine Frau gegenüber. Sie lächelte mich zunächst an, dann fragte sie plötzlich: »Warum tragen Sie Kopftuch?« Ich fragte zurück: »Warum tragen Sie kein Kopftuch?« Sie sagte: »Weil ich Deutsche bin!« Ich antwortete: »Ich trage Kopftuch, weil ich Muslima bin.« Da war sie still. Ein anderes Mal beobachte ich, wie eine Frau in einem Bus eine türkische Frau anpöbelte, weil sie auf dem Behindertenplatz saß. Die Frau setzte sich um, aber die andere Frau pöbelte weiter. Als ich sie ansprach, meinte sie, der Platz stünde ihr zu, weil sie deutsch sei. Da wurde ich wütend: »Hören Sie mal«, sagte ich zu ihr, »wir leben nicht mehr in der Hitler-Zeit.« Mein Mann wurde im Beruf gemobbt. Er war der einzige Ausländer in seiner Abteilung und die Kollegen machten ihm immer wieder Probleme. Einmal packten sie ihm einen Schweineknochen in seine Aktentasche, ein anderes Mal wurde er bestohlen. Sie haben oft gestänkert oder seine Anweisungen nicht befolgt. Der Chef stand aber immer hinter ihm und hat ihm den Rücken gestärkt.

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Wie fühlte sich der Start in Deutschland an?
Ich zog nach der Heirat in der Türkei in die 1-Zimmer-Wohnung ohne Bad und Küche meines Mannes nach Kreuzberg. Erst nach vier Jahren konnten wir uns eine größere Wohnung leisten. Nach der Ankunft in Deutschland blieb ich die ersten zwei Wochen zu Hause, dann begann ich in einem amerikanischen Restaurant zu arbeiten. Die erste Stelle meines Mannes nach unserer Ankunft war in einem Großmarkt. Er ist sehr fleißig, hat sich immer weitergebildet. Er lernte Schlosser und Schweißer. Hat später Öltanks montiert und sie als LKW-Fahrer geführt. Er arbeitete Tag und Nacht und war 20 Jahre bei der AEG im Schichtdienst. Heute ist er 72 Jahre alt, eigentlich Rentner, aber er arbeitet immer noch als Gartenpfleger. Wir mussten das Studium unserer Kinder finanzieren und haben immer auf Sozialhilfe verzichtet. Aber auch ich habe immer gearbeitet, insgesamt 35 Jahre. Ich war fast die einzige berufstätige Frau in meinem Viertel. Ich habe in einer Fabrik jahrelang Konserven verpackt. Zuletzt war ich 13 Jahre Reinigungskraft in einem Kindergarten. Außerdem habe ich Deutsch gelernt, obwohl ich nicht schreiben und lesen konnte. Ich habe nie gedacht: »Ach, wieso soll ich Deutsch lernen?« Nein, für mich war das selbstverständlich. Ich lernte durch Gehör. Ich hatte durch meine Arbeit viel Kontakt zu Deutschen. Und ich lernte auch andere Sprachen, beispielsweise Griechisch durch den Kontakt mit unseren griechischen Nachbarn.

Was war schwer für Sie?
Ich stand 40 Jahre jeden Arbeitstag mit meinem Mann um 4.30 Uhr auf, machte ihm sein Frühstück und seine Stullen und Thermoskanne fertig, weckte später die Kinder, schickte sie in die Schule und ging dann selbst zur Arbeit, am Nachmittag kümmerte ich mich um sie, machte den Haushalt. Ich habe sehr, sehr viel gearbeitet. Aber ich bin heute auch stolz auf meine Leistung. Schwer war es für mich, Kindergartenplätze für meine Kinder und für die kleine Schwester meines Mannes, die wir im Alter von acht Jahren bei uns aufnahmen und aufzogen, nachdem meine Schwiegereltern verstorben waren, zu bekommen. Ich stellte mich vor, aber wir wurden nicht genommen. Ich habe meine Kinder teilweise mit zur Arbeit genommen. Als mein jüngster Sohn vier Jahre alt war, fiel ich durch eine verschleppte Meningitis für zwei Monate ins Koma, die Ärzte hatten mich schon aufgegeben, aber der liebe Gott rief mich zurück. Ich blieb noch zwei weitere Monate im Krankenhaus, bevor ich wieder nach Hause durfte. Seitdem leide ich unter Gleichgewichtsstörungen und bin stress­anfälliger geworden, bekomme leicht Kopfschmerzen.

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Wo bekamen Sie Unterstützung?
Sehr geholfen hat uns ein Bruder meines Mannes. Der »Onkel«, wie wir ihn nannten, lebte in Neukölln mit Frau und Tochter in einer großen Wohnung mit vier Zimmern und kümmerte sich um uns. Wir hatten damals kein Telefon, und wenn der Onkel länger als vier Tage nichts von uns gehört hatte, kam er mit dem Fahrrad zu uns nach Kreuzberg, um nach dem Rechten zu sehen. Später fand er für uns eine Wohnung in seiner Straße und wir besuchten uns täglich. Ich konnte meine Kinder immer zu ihm bringen, wenn ich arbeiten musste. Das war eine große Hilfe. Auch unsere Nachbarschaft hielt zusammen. Egal welche Nationalität. Zu unserem Freundeskreis gehörten unter anderem Griechen, Jugoslawen und Polen. Meine jüdische Nachbarin war fast jeden Tag bei uns zum Essen da. Sie hatte auch wie wir keine größere Familie mehr.

Wenn Sie heute noch einmal jung wären, welche Dinge würden Sie mit dem Wissen von heute anders machen?
Ich würde mehr lernen. Ich würde zur Schule gehen, ich hätte gerne studiert. Ich bin so lernfähig und intelligent, ich wäre gut darin gewesen. Ich wäre eine gute Lehrerin geworden, aber auch eine gute Schneiderin, ich bin geschickt in Handarbeit. Als Kind habe ich in meinem Heimatdorf Sei­denteppiche gewebt. Ein Traum von mir ist bis heute, ein kleines Café mit eigener Backstube zu eröffnen. Ich kann gut kochen und backen. Aber jetzt bin ich alt und wegen meiner Gleichgewichtsstörungen kann ich nicht mehr lange in der Küche stehen. Ich hätte auch gerne mehr Kinder gehabt. Ich habe mir immer Zwillinge gewünscht. Ich war immer sehr streng, sehr kontrolliert gewesen. Das würde ich heute lockerer sehen. Aber ich hatte oft Angst. Angst, dass die Kinder vom Weg abkommen, sich die Leute über uns lustig machen oder uns ablehnen.

Was geben Sie an ihre Kinder und Enkel weiter?
Sie sollen anständig bleiben. Ich sage ihnen, sie sollen ihr Geld halal verdienen. Lieber weniger, aber guten Herzens als andersherum. Alle meine drei Kinder haben studiert. Meine Tochter arbeitet als Lehrerin in Ulm, engagiert sich in der Gewerkschaft. Auch mein jüngster Sohn ist Lehrer und Antidiskriminierungsbeauftragter in Berlin. Mein ältester Sohn ist Rechtsanwalt geworden. Die Schwester meines Mannes, die bei uns aufwuchs, hat sich nach einer Ausbildung selbständig gemacht und betreibt heute zwei Friseurläden in Berlin. Und meine Kinder hören auf mich. Sie sagen nicht: »Ich bin alt genug!« Sie sagen: »Ja, Mama!«

Sefalet HizarÇi wurde 1942 in der Türkei geboren; 1969 wanderte ihr späterer Mann nach Deutschland aus; 1971 Heirat und gemeinsame Auswanderung nach Deutschland; 1974 Geburt ihrer Tochter; 1975 und 1983 Geburt ihrer beiden Söhne; erste Arbeitsstelle 1971 in einem Restaurant, später in einer Konservenfabrik und als Reinigungskraft; 1987 lag sie aufgrund einer Meningitis vier Monate im Krankenhaus, davon zwei Monate im Koma; 2003 in Frührente; heute lebt sie mit ihrem Mann in Berlin-Neukölln.

 

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