Sachsen-Anhalt

Mehrere Siegmund-Vertraute haben Nazi-Vergangenheit und damit kein Problem

Ulrich Siegmund (AfD) Foto: picture alliance/dpa

Neue Recherchen der Tageszeitung »Die Welt« zeigen, dass vier Personen aus dem nächsten politische Umkreis des sachsen-anhaltinischen AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund aktiv in der 2009 verbotenen Neonazi-Organisation »Heimattreuer Deutsche Jugend« (HDJ) waren und sich von dieser Vergangenheit teils bis heute nicht distanzieren. Laut »Welt« bewerteten sie den Nationalsozialismus damals positiv; Siegmund selbst spricht von »hervorragenden Leuten«.

Der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) verbot die Neonazi-Organisation im Jahr 2009 aufgrund einer »Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus«. In der Verbotsverfügung hieß es laut »Welt«, der Verein sehe sich »in der Tradition der Hitlerjugend«. Das Bundesverwaltungsgericht wies eine Klage der HDJ gegen das Vereinsverbot im Jahr 2010 ab. »Die HDJ ist der Blut-und-Boden-Ideologie und der Rassenlehre der Nationalsozialisten verhaftet«, teilte das Gericht damals mit.

Harr war Leiter der »Abteilung Beschaffung« der HDJ

Eine der betreffenden Personen ist Patrick Harr. Der 44-Jährige ist Pressesprecher der AfD in Sachsen-Anhalt und Fraktionsgeschäftsführer im Landtag. Er werde dem Bericht zufolge als Leiter der Staatskanzlei gehandelt, sollte die AfD nach der Wahl die Regierung stellen. 2002 war Harr laut »Welt« Leiter der »Abteilung Beschaffung« der HDJ. Harr räumte vor einem Jahr gegenüber der »Berliner Zeitung« seine Mitgliedschaft ein, er sei aber »ungefähr 2003« aus der HDJ ausgetreten, in seiner Funktion sei es lediglich darum gegangen, Zelte oder Geschirr für Jugendcamps zu besorgen.

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Siegmund ließ sich damals zitieren, er werde sich nicht distanzieren, nur weil jemand »vor Ewigkeiten mal bei einem Zeltlager war«. Auch jetzt verteidigte Siegmund gegenüber der »Welt«: »Das sind hervorragende Leute. Die haben eine blütenreine Weste«, sagte er. »Was vor 20 oder 25 Jahren war, interessiert mich nicht.« Harr selbst sagte der Zeitung auf die Frage, wie er heute auf seine früheren Aktivitäten in der Heimattreuen Deutschen Jugend blicke: »Ich bin damit im Reinen.«

Laurens Nothdurft, Justiziar der AfD-Fraktion in Sachsen-Anhalt und Mitglied im Landesschiedsgericht der Partei, war laut »Welt« über viele Jahre eine Schlüsselfigur der HDJ. 1999 sei für drei Jahre zum zweiten Bundesführer der neonazistischen Jugendorganisation gewählt, wie aus einem damaligen Sitzungsprotokoll hervorgehe. Der brandenburgische Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2002 bezeichnete Nothdurft zudem als »NPD-Aktivist«. Dem MDR sagte Nothdurft diese Woche: »Ich habe mir nichts vorzuwerfen.« Er trete für »bürgerliche Inhalte« ein.

»Ich habe mir nichts vorzuwerfen.« Laurens Nothdurft, AfD-Politiker und früherer HDJ-Funktionär

Dem »Welt«-Bericht zufolge wurde Nothdurft 2005 für drei weitere Jahre als zweiter Bundesführer wiedergewählt – bis zum Jahr 2008, damals war er 27. Trotz des geltenden Unvereinbarkeitsbeschlusses zur HDJ machte er Karriere in der AfD. 2018 arbeitete er für die Landtagsfraktion in Baden-Württemberg, dann für die in Bayern. 2024 kandidierte er erfolgreich für die AfD als Ortsbürgermeister von Roßlau in Sachsen-Anhalt. In seiner Funktion als Rechtsanwalt vertrat Nothdurft Siegmund 2024 vor dem Landesverfassungsgericht, als dieser gegen einen Ordnungsruf klagte.

Nach Recherchen der »taz« nahmen mehrere von Nothdurfts Kindern an Treffen der völkischen Gruppierung Jungadler teil, bei der Behörden prüfen, ob es sich um eine Nachfolgeorganisation der HDJ handeln könnte. Der »taz« teilte Nothdurft über einen Anwalt mit, er distanziere sich von nationalsozialistischem Gedankengut.

Auch Nothdurfts Bruder Felix W. war der »Welt« zufolge, von 1999 bis 2004, Mitglied in der HDJ. Er ist Referent für Bundes- und Europaangelegenheiten, Medien und Kultur in Siegmunds AfD-Fraktion.

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Ebenfalls in der HDJ aktiv gewesen sein soll Eric Kaden, seit 2022 Referent für Bildung, Kultur und Wissenschaft der AfD-Landtagsfraktion in Sachsen-Anhalt. In einem internen Behördendokument aus dem Jahr 2008 werde der damals 32-Jährige als »Inhaber« eines zentralen »HDJ-Postfachs« bezeichnet, so die »Welt«. Kadens Biografie eines SS-Manns lasse »jede kritische Distanz zum Dritten Reich vermissen«, schrieb der Verfassungsschutz in Mecklenburg-Vorpommern im Januar 2009. »Der Rassenkampf und nationalrevolutionäres Gedankengut werden als vorbildhaft beschrieben.«

Nothdurft, W. und Kaden ließen Anfragen der »Welt« unbeantwortet.

Bereits vor zwei Wochen veröffentlichte »Der Spiegel« eine Recherche zu den Hintergründen des Kreises um Siegmund. Nothdurft werde dem Bericht zufolge als künftiger Staatssekretär im Justizministerium gehandelt. Auch gegenüber dem Hamburger Magazin wiegelte Siegmund ab: Harr sei ein »sehr enger Vertrauter«, Nothdurft ein »hervorragender Jurist«. Was vor 20, 30 Jahren gewesen sei, interessiere ihn nicht: »Ich blicke nach vorne.« Er kenne keine Verfehlungen der Männer, die Berichterstattung darüber sei ihm »reichlich egal«. ja

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