Wegen des Verdachts der Fortführung der verbotenen rechtsextremen Vereinigung »Artgemeinschaft« durchsucht die Polizei Objekte in fünf Bundesländern. Grundlage sei ein Verfahren gegen insgesamt 15 Beschuldigte, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft in Halle der Deutschen Presse-Agentur. Ihnen werde vorgeworfen, die »Artgemeinschaft« zu unterstützen. Zuvor hatten der »Spiegel« und die »Volksstimme« berichtet.
Nach Angaben der Sprecherin laufen die Durchsuchungen in Sachsen-Anhalt, Berlin, Brandenburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen seit dem Morgen. Unter anderem seien Kräfte der Landeskriminalämter im Einsatz. In NRW durchsuchte die Polizei Objekte in Lippstadt sowie an zwei weiteren Orten im Kreis Lippe und im Kreis Höxter, wie die dpa aus Sicherheitskreisen erfuhr. In Brandenburg betrafen die Durchsuchungen nach dpa-Informationen jeweils ein Objekt in Potsdam und in Zossen südlich von Berlin.
Kampflied der Hitlerjugend gesungen
Wie die »Taz« und die »Volksstimme« berichten, waren unter den durchsuchten Objekten auch Immobilien von Simon Lansmann und Sebastian Koch. Beide sind Kandidaten der AfD bei der anstehenden Landtagswahl. Auf Lansmanns Anwesen in Ipse bei Gardelegen in Sachsen-Anhalt sollen sich am Abend des 20. Juni frühere Mitglieder der »Artgemeinschaft« zu einer Sonnenwendfeier getroffen haben.
Eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Halle bestätigte der »Taz«, dass der zentrale Verdachtspunkt für die Durchführung der Maßnahme die Zusammenkunft am 20. Juni in Ipse war. Die AfD Sachsen-Anhalt und ihr Spitzenkandidat Ulrich Siegmund schwiegen zunächst zu den Durchsuchungen bei ihren Parteikollegen und ließen eine »Taz«-Anfrage unbeantwortet.
Nach einem Bericht des »Spiegel« soll bei dem Treffen ein bekränzter Holzpfahl aufgestellt worden sein, Männer hätten mit Tierhörnern hantiert und ein Kampflied der Hitlerjugend gesungen.
Auch die Partnerin von Gastgeber Simon Lansmann, der aktuell AfD-Stadtrat ist, habe laut »Spiegel« früher auf einer Mitgliederliste der Artgemeinschaft gestanden. Lansmann ließ dem Magazin über seinen Anwalt ausrichten, es sei kein illegales Treffen gewesen, von der Artgemeinschaft oder nationalsozialistischem Liedgut distanziere er sich.
Die »Artgemeinschaft - Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung«, so der vollständige Name, wurde 2023 vom Bundesinnenministerium verboten. Die damalige Innenministerin Nancy Faeser (SPD) bezeichnete sie als »sektenartige, zutiefst rassistische und antisemitische Vereinigung«. Die Gruppierung klagte gegen das Verbot, das aber im April vom Bundesverwaltungsgericht bestätigt wurde.
Der Verein »Die Artgemeinschaft - Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung« hatte zuletzt schätzungsweise rund 150 Mitglieder, war laut Bundeszentrale für politische Bildung bundesweit mit vielen rechtsextremen und neurechten Gruppierungen vernetzt und unterhielt gute Kontakte zur gewaltbereiten Neonazi-Szene. Die Gruppe feierte vor allem im geschlossenen Rahmen germanisch-heidnische Feste und veranstaltete sogenannte Gemeinschaftstage mit bis zu 250 Teilnehmern.
»Härte und Hass gegen Feinde«
Wie Andrea Röpke und Andreas Speit in ihrem 2019 erschienenen Buch »Völkische Landnahme« festhalten, betrachtete sich die Artgemeinschaft als völkischer Kampfverband, in dem Rassismus und Germanenkult zur Religion erhoben würden. Das »Sittengesetz« der Organisation gebiete »Zuneigung und Liebe gegenüber Verwandten, Freunden und Gefährten«, »Wachsamkeit und Vorsicht gegenüber Fremden« sowie »Härte und Hass gegen Feinde«.
Die damalige Innenministerin Nancy Faeser (SPD) bezeichnete die »Artgmeinschaft« als »sektenartige, zutiefst rassistische und antisemitische Vereinigung«.
Gegründet wurde die Artgemeinschaft 1951 von Alt-Nazi Wilhelm Kusserow (1901-1985), der bereits in den 1920er-Jahren das sogenannte deutschgläubige neugermanische Heidentum propagierte. Neben der Artgemeinschaft gibt es zahlreiche weitere Initiativen, Vereine und Organisationen, die im gesamten Bundesgebiet am äußersten rechten Rand aktiv sind, teils Jugendlager organisieren oder als Ökolandwirte tätig sind.
Als Gruppensymbol nutzte die Artgemeinschaft der Bundeszentrale für politische Bildung zufolge die sogenannte »Irminsul«, auch Weltenbaum genannt. Das Gegensymbol zum christlichen Kreuz wurde im Nationalsozialismus von Ahnenforschern der SS genutzt. Ein weiteres Symbol der Artgemeinschaft war ein Adler, der einen christlichen Fisch greift.
Hakenkreuzfahnen und Kochschürzen
Mit der Betreuung der vereinseigenen Cloud war laut Angaben des Bundesverwaltungsgerichts »eine Person aus dem Umkreis des NSU-Komplexes« betraut. Bei Mitgliedern seien zudem neben historischen Gegenständen aus der Zeit des Nationalsozialismus unter anderem groß dimensionierte Hakenkreuzfahnen sowie eine Vielzahl von Alltagsgegenständen mit Hakenkreuzen wie Kochschürzen oder Teelichthalter aufgefunden worden. dpa/KNA/ja