Deutsche Einheit

Land der Fiktionen

Schland, oh Schland: Lena Meyer-Landrut steht für das liebenswerte Deutschland. Aber diese Republik hat auch Schattenseiten. Foto: imago / (M) Frank Albinus

Das Ereignis liegt schon zwanzig Jahre zurück. Oder sind es erst zwanzig Jahre? Die DDR ist zum Sammlerobjekt geworden, zum Museumsstück. Dennoch lebt sie, wie eine Phrase es nennt, in den »Herzen und Hirnen« fort. Eine teils verklärte, teils traumatische Erinnerung. Der Dichter einer Hymne für eine halbe Nation hatte zwar etwas von »Deutschland, einig Vaterland« geschrieben, aber es ganz anders gemeint. Wir sind aus einer virtuellen Realität längst in einer ziemlich wirklichen angekommen. Doch auch die alte Bundesrepublik gibt es nicht mehr, was noch nicht alle gemerkt haben. Soll man jetzt bereits Bilanz ziehen ? Wer hätte den Mut dazu?

Die Euphorie ist rasch verflogen, Sorgen, Besorgnisse sind geblieben oder gar gewachsen. Was die Juden betrifft, hat sich auch ihre Rolle verändert. Ein überaltertes Grüppchen in der DDR, dem Aussterben überantwortet. In der linksseits verachteten »Bunzrepeblik« eine gemischte Gesellschaft Überlebender, Aufwachsender und ins Judentum aus der Fremde Heimkommender. Man nahm Juden durch einen Tunnelblick wahr. Allseits beliebte Vorzeigefigur war der literarische Zuchtmeister der Nation, denn in ihrer überschwänglichen Liebe zur Belletristik durften die Deutschen sich unbeschädigt widergespiegelt finden. Ein seltsamer Philosemitismus grassierte, ist aber durch die Verwechselung von Zionismus und Judentum abgeklungen.

Klebestoff Hat sich nun die von Menschenfreunden eingeforderte »Normalität« im Umgang miteinander eingestellt ? Eine unsinnige Forderung. Zwischen jüdischen Deutschen und nichtjüdischen Deutschen war Antisemitismus der Normalzustand, hauptsächlich jedenfalls und nicht erst seit Wilhelm Zwo. Einen Klebestoff, den historischen Bruch zwischen 1933 und 1945 zu kitten, gibt es in keinem noch so gut sortierten Baumarkt zu kaufen.

Was die Vereinigung (oder Wiedervereinigung) immerhin gebracht hat, ist ein größeres Gewicht der Stimmen einer wachsenden jüdischen Gemeinschaft. Nicht zu vergessen: Ohne den Zusammenbruch der Sowjetunion wäre die Mehrung der Gemeinde kaum möglich gewesen. Die Zuwanderer haben dem »Altherrenklub« Auftrieb gebracht – und damit natürlich auch Probleme. Aber die existieren innerhalb aller Gemeinschaften, auch jener ohne verbindlichen Glauben und entsprechende Herkunft.

Was sich auch ergeben hat: Juden treten im Licht der Öffentlichkeit als Juden auf. Dani Levys Alles auf Zucker ist zwar kein Meisterwerk der Filmkunst, doch es zeigt ein neues Selbstverständnis: Man blüht nicht mehr im Verborgenen. Das ist ein Gewinn für alle Beteiligten. Gerade, weil die Juden die Opferrolle langsam hinter sich lassen, weicht auch jener Zustand der Unberührbarkeit, der weithin insgeheim gegolten hat. Und – es mag unangenehm klingen – die Vorurteile haben neue Ziele ge- funden. Kein Wort mehr von »Auschwitzkeule«, kein Wort von »Nun ist Auschwitz wieder möglich geworden«. Literatengeschwätz. Thilo Sarrazin, der Störenfried, hat – jenseits von der Frage nach Recht und Unrecht – klargemacht, was unter der zivilisatorischen Oberfläche brodelt: der Frem- denhass, die Ausländerfeindlichkeit.

Bart und Kopftuch Zehn Prozent unserer Mitbürger stammen von woanders her oder von anderen ab. Wen interessieren da noch die paar Juden? Die wiedererrichteten Synagogen geben keinen Grund zum Anstoß. Anders als die überall entstandenen oder entstehenden Moscheen, in denen Dinge vorgehen sollen, von denen sich unsere Schulweisheit Schlimmes träumen lässt. Außerdem tragen die wenigsten Juden einen Bart und ihre Frauen weder Kopftuch noch Burka, weswegen sie in der Öffentlichkeit nicht identifizierbar sind. Der Islam, weltweit vorhanden, ist an die Stelle jener Hitlerischen Fiktion vom global agierenden Judentum getreten. Und ich bin mir gar nicht so sicher, ob die Meinung der Medien über das Verhältnis von Israelis und Palästinensern von der »breiten Mehrheit« geteilt wird.

Gerade dieser Tage haben Politiker und Journalisten, überhaupt die Intellektuellen, lernen müssen, wo in Wirklichkeit die Gewichte liegen, wie Deutschland außerhalb des Feuilletons aussieht. Noch nach zwanzig Jahren nährt man sich immer wieder von Fiktionen, wie damals vom ewigen Bestand der Mauer, von der nie zu erreichenden deutschen Einheit. Der Wahrheit ins Auge sehen – dazu müssten viele Leute in diesem, unserem Lande erst einmal ihre eindimensionale Bilder produzierende Brille abnehmen.

Straße von Hormus

US-Marine soll jeden Minenleger versenken

Der amerikanische Präsident Donald Trump verschärft seinen Kurs gegen den Iran

 23.04.2026

Berlin

Bundesregierung sieht Chance bei Verhandlungen zwischen USA und Iran

Kehren die Washington und Teheran zurück an den Verhandlungstisch? Die Bundesregierung sieht in Verhandlungen eine Chance für den Frieden

 23.04.2026

Parteien

Streit um Israel: Linke auf der Sandbank?

Die Linke ringt weiter über ihre Haltung zu Israel und zum Nahostkonflikt. Der Parteivorstand will mit einem Leitantrag für den Parteitag in Postdam im Juni den Streit befrieden. Doch auch eine Personalie sorgt für Diskussionen

von Michael Thaidigsmann  23.04.2026

Zukünftige Führung

Schah-Sohn Reza Pahlavi wirbt in Berlin für härteren Kurs gegen Mullahs

Reza Pahlavi sieht keine Reformer in der iranischen Führung und wirbt für einen politischen Wandel. Vor seinem Auftritt wurde er mit Tomaten beworfen

 23.04.2026 Aktualisiert

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« kooperiert mit katholischer »Tagespost«

Ein Zeichen gegen Antisemitismus: »Die Tagespost« legt ihren Abonnenten die »Jüdische Allgemeine« kostenlos bei. Hinter der Aktion steckt unter anderem ein rundes Jubiläum

von Hannah Krewer  23.04.2026

Arlington (Virginia)

Pentagon warnt: Räumung von Minen in Straße von Hormus könnte ein halbes Jahr dauern

Der Streitkräfteausschusses im Repräsentantenhaus wird darüber informiert, dass Teheran mindestens 20 Minen in und um der wichtigen Meerenge platziert haben soll

 23.04.2026

China

Viraler Judenhass in China

Im Zuge des Iran-Kriegs nimmt der Antisemitismus im Diskurs der asiatischen Großmacht dramatisch zu. Eine Analyse

von Sven Benentreu  23.04.2026

Magdeburg

Landtag setzt mit Staatsvertrag Zeichen gegen Antisemitismus

Am 12. Dezember 2025 hatten das Land und die jüdischen Gemeinden Sachsen-Anhalt den geänderten Staatsvertrag unterzeichnet. Am Mittwochabend hat der Landtag den Vertrag beschlossen

 23.04.2026

Houston

Jüdisches Gemeindezentrum nach Drohungen geschlossen

Betroffen ist auch die Shlenker School, eine zur Gemeinde gehörende Gesamtschule. Das FBI und die Polizei ermitteln

 23.04.2026