Meinung

Kennen Sie Sarah Halimi?

Philipp Peyman Engel Foto: Chris Hartung

Meinung

Kennen Sie Sarah Halimi?

In Frankreich wird ein antisemitisch motivierter Mord bloß als irgendeine Gewalttat dargestellt

von Philipp Peyman Engel  19.06.2017 18:12 Uhr

Haben Sie schon einmal den Namen Sarah Halimi gehört? Vermutlich nicht. Gerade eine Handvoll seriöser Zeitungen in Deutschland hat über den antisemitisch motivierten Mord an der 66-jährigen französischen Ärztin vor zwei Monaten in Paris berichtet. In Frankreich sah es – zumindest anfangs – nicht viel anders aus. Dabei gehört dieser Mord zu den verstörendsten Angriffen auf Juden in jüngster Zeit.

Getötet wurde sie von ihrem Nachbarn, einem 27-jährigen muslimischen Mann namens Kobili Traore. Er drang in ihre Wohnung ein, misshandelte sie und warf die Frau aus dem dritten Stock. In den Monaten zuvor hatte Traore seine Nachbarin wiederholt judenfeindlich beschimpft. Die Nähe der Familie des Täters zu Antisemiten und Islamisten ist im Pariser Stadtteil Belleville bekannt.

protest Nun hat die französische Staatsanwaltschaft Anklage gegen Kobili Traore erhoben. Doch in der Anklageschrift fehlt jeder Hinweis darauf, dass es sich offenkundig um ein antisemitisches Hassverbrechen gehandelt hat; laut Staatsanwaltschaft wurde der Mord infolge einer psychischen Störung begangen. Dagegen regt sich jetzt Protest: Mehr als ein Dutzend jüdischer Intellektueller in Frankreich fordert, das wahre Motiv beim Namen zu nennen. Der Forderung schlossen sich der jüdische Politiker Meyer Habib und die – ebenfalls jüdische – EU-Abgeordnete Frédérique Ries an.

Es ist richtig und notwendig, dass sich die jüdische Gemeinschaft so energisch für Aufklärung einsetzt. Aber wo bleibt der Aufschrei der Mehrheitsgesellschaft? Warum ist für den Fall kein Platz in den Zeitungen? Und nicht zuletzt: Wo bleibt das Signal der muslimischen Gemeinschaft, gegen den Judenhass in den eigenen Reihen aufzustehen? Das Schweigen der muslimischen Community ist kaum zu überhören.

Man könnte nun fragen, was friedliche Muslime mit dieser Tat zu tun haben. Die Antwort lautet: einiges, solange Täter wie Traore sich auch auf den Islam berufen. Wenn jüdische Terroristen im Namen des Judentums morden würden, die jüdische Gemeinschaft bezöge sofort deutlich Stellung dazu. Genau solch ein Zeichen wünscht man sich von den Muslimen. Gelegenheiten gab es dazu in jüngster Zeit – leider – mehr als genug.

Essay

Zynische Umdeutung der Geschichte

Der Holocaust ist zur moralischen Währung geworden – und wird nun gegen die Juden selbst verwendet

von Johannes C. Bockenheimer  26.01.2026

Interview

»Den Worten müssen Taten folgen«

Ron Prosor über das Holocaust-Gedenken am 27. Januar, die Bedrohung jüdischen Lebens, den Zustand des deutsch-israelischen Verhältnisses und seine Position als Botschafter in Berlin

von Detlef David Kauschke  26.01.2026

New York

Columbia University beruft Jennifer Mnookin zur neuen Präsidentin

Die jüdische Rechtswissenschaftlerin übernimmt, nachdem in den vergangenen zwei Jahren zwei Präsidenten zurückgetreten waren – wegen ihres unzureichenden Umgangs mit Antisemitismus auf dem Campus

 26.01.2026

Berlin

Holocaust-Überlebende: Verteidigen Sie die Demokratie

Zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz formuliert Eva Umlauf einen dringlichen Appell. Darin geht es auch um die AfD

 26.01.2026

Teheran

Iranische Proteste: 36.000 Menschen getötet

Das exiliranische Nachrichtenportal Iran International und amerikanische Medien berichten von extrem hohen Opferzahlen

 26.01.2026

Standpunkt

Wenn Recht Unrecht schützt

Das Völkerrecht ist als Konsequenz aus der Schoa entstanden. Es sollte die Würde jedes Menschen schützen. Doch mittlerweile schützt es allzu oft bloß die Diktatoren dieser Welt

von Michael Wolffsohn  25.01.2026

Berlin

Mutmaßlicher Hamas-Waffenschmuggler festgenommen

Bei seiner Ankunft aus Beirut ist ein Mann am Flughafen BER verhaftet worden. Er soll der Hamas angehören und Munition für Anschläge beschafft haben

 24.01.2026

Leipzig

Extremismusverdacht gegen sächsische Beamtin und BSW-Mitarbeiterin

Die Landesdirektion will die Vorwürfe im Fall ihrer hochrangigen Mitarbeiterin prüfen. »Gegebenenfalls werden weitere Schritte eingeleitet«, sagt ein Sprecher

 23.01.2026

Stuttgart

Holocaust-Überlebende kritisiert ARD-Spitze

Eva Umlauf bezeichnet den Umgang mit dem Film »Führer und Verführer« als »Skandal und Schande«. Programmdirektorin Christine Strobl reagiert

 23.01.2026 Aktualisiert