Passau

Kein Schlussstrich

Zentralratspräsident Schuster spricht beim trinationalen Gedenken am Freitag. Foto: Screenshot: BR Live

Im 75. Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz haben Bayern, Österreich und Tschechien am heutigen Freitag erstmalig einen gemeinsamen Gedenkakt veranstaltet. Am Vormittag kamen Vertreter des Bayerischen Landtags mit Abgeordneten des Landtags von Oberösterreich und des tschechischen Parlaments im ostbayerischen Passau zusammen.

Unter den Gästen waren der tschechische Parlamentspräsident Radek Vondracek, der oberösterreichische Landtagspräsident Viktor Sigl, die bayerische Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) und der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster.

ZEITZEUGEN Nach einer Kranzniederlegung am Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus an der Passauer Innpromenade enthüllten die Delegierten im Beisein des Passauer Oberbürgermeisters Jürgen Dupper (SPD) und Studentenvertretern eine Gedenktafel zur »Erinnerung an das Erste trinationale Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus« am Audimax der Universität.

Bei der anschließenden Gedenkveranstaltung im Hörsaal erzählten die beiden Zeitzeuginnen Anna Hackl (geboren 1931) und Bohumila Havránková (geboren 1927) von ihren Erinnerungen. Hackl wuchs elf Kilometer entfernt vom Konzentrationslager Mauthausen in Österreich auf und versteckte mit ihrer Familie zwei geflüchtete sowjetische Kriegsgefangene. Die Tschechin Havránková wurde 1943 gemeinsam mit ihrer Schwester als sogenanntes Mischlingskind nach Theresienstadt deportiert.

In seiner Rede dankte Zentralratspräsident Schuster den Zeitzeuginnen für ihre Schilderungen. »Sie haben uns heute eindrücklich vor Augen geführt, was Menschen anderen Menschen Böses antun können, was Menschen aushalten können, und auch: wie mutig ein Mensch Gutes tun kann, selbst wenn das eigene Leben dadurch gefährdet ist. Ihre Lebensleistung erfüllt mich mit tiefem Respekt«, sagte Schuster.

SCHLUSSSTRICH Das Wissen über das Menschheitsverbrechen der Schoa müsse jeder Generation aufs Neue vermittelt werden, sagte der Zentralratspräsident. »Nur, wenn jede Generation wieder bereit ist, sich mit den Verbrechen der Nationalsozialisten auseinanderzusetzen, kann auch jede Generation wieder daraus lernen.« Er habe den Eindruck, dass heute immer mehr Menschen das Bedürfnis hätten, einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen. Diesem Verlangen müsse mit Entschlossenheit und Aufklärung insbesondere an den Schulen und Universitäten entgegnet werden, forderte Schuster.

»Nur, wenn jede Generation wieder bereit ist, sich mit den Verbrechen der Nationalsozialisten auseinanderzusetzen, kann auch jede Generation wieder daraus lernen«, sagte Josef Schuster.

»Wenn Schulen jedoch die Auseinandersetzung mit der Schoa vernachlässigen, machen sie quasi Platz für Politiker, die den Schlussstrich ziehen und lieber die ›ruhmreichen‹ Kapitel der deutschen Geschichte ins Rampenlicht stellen wollen«, sagte Schuster. Von den Rändern aus fingen die Rechtspopulisten an, die demokratischen Errungenschaften zu untergraben. »Dieses Einfallstor müssen wir wieder schließen«, sagte Schuster.

An die Politik appellierte der Zentralratspräsident, durch die Bereitstellung ausreichender finanzieller Ressourcen die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern sicherzustellen und die wichtige Arbeit der Gedenkstätten zu fördern. »Gerade die authentischen Orte, an denen die Opfer im Zentrum stehen, erfüllen eine unersetzbare Rolle, um bei jungen Menschen Empathie zu erzeugen«, so Schuster. »Sehr viele Gedenkstätten leisten hier vorbildliche Arbeit.«

erinnern Landtagspräsidentin Aigner kritisierte, dass »Jude« heute wieder zum Schimpfwort auf deutschen Schulhöfen und in Fußballstadien geworden sei. »Der Firnis der Zivilisation ist verletzlich. Deswegen ist Erinnern auch ein Gebot des Handelns. Demokraten dürfen sich nie ausruhen«, sagte die CSU-Politikern. »Wir übernehmen gemeinsam Verantwortung für unsere Werte, für das respektvolle Miteinander in unseren Ländern, für unsere Vision von der Zivilgesellschaft der Zukunft auf unserem Kontinent«, so Aigner.

Die Stadt Passau wurde bewusst als Ort für die historisch erste trinationale Gedenkveranstaltung ausgewählt. Während der NS-Zeit befanden sich hier drei Außenlager des Konzentrationslagers Mauthausen. Traditionell veranstalten der Bayerische Landtag und die Stiftung Bayerische Gedenkstätten jährlich den Gedenkakt für die Opfer des Nationalsozialismus. Ziel ist nicht nur die Aufarbeitung der Vergangenheit, sondern auch die Mahnung an die junge Generation, derartiges Unrecht nie wieder zuzulassen. jlo/ja

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