Meinung

Judenhass: Blinde Behörden

Natürlich herrscht ein Gefühl der Erleichterung darüber, dass die Welle des Antisemitismus, die im Sommer über deutsche und europäische Straßen schwappte, deutlich abgeebbt ist. Tatsächlich ist der Judenhass jedoch nur als Thema aus der Öffentlichkeit verschwunden, das Phänomen aber bleibt.

Die Bilanz der gesamten EU bei der Bekämpfung des Antisemitismus bleibt bislang äußerst dünn: Nirgends wird die Arbeit an diesem Problem koordiniert, nirgends wurden Haushaltsmittel für zivilgesellschaftliche Initiativen bereitgestellt, und zu Strafverfahren kommt es nur selten. In Deutschland etwa gibt es eigenwillige Interpretationen von Vorschriften: Zwar stehen Hisbollah und Hamas auf der EU-Terrorliste, aber wenn jemand aus Solidarität mit ihnen öffentlich ihre Fahnen schwenkt, ist das nicht strafbar.

schweigen An starken politischen Aussagen mangelt es nicht. Bundeskanzlerin Merkel sagte auf der Großkundgebung des Zentralrats der Juden deutlich, dass jeder Akt des Antisemitismus einen Angriff auf Freiheit und Menschenwürde darstellt. Aber vom Bundestag und vom EU-Parlament kommt, wenn es um konkrete Maßnahmen geht, nur dies: ohrenbetäubendes Schweigen.

Nirgends hat ein Parlament eine kohärente Strategie vorgelegt, um dem Hass auf Juden zu begegnen. Es müssen aber endlich detaillierte Statistiken über Antisemitismus angelegt werden. Berlin etwa teilte jüngst mit, es habe im ersten Halbjahr 2014 nur sieben antisemitische Vorfälle bei propalästinensischen Demonstrationen gegeben. Dem standen allein 133 Anzeigen gegenüber, die sich gewiss nicht alle auf diese sieben Fälle beziehen.

massnahmen Die Strafverfolgungsbehörden müssen geschult werden, damit sie Antisemitismus auch erkennen. Das gilt ebenfalls für Schulbehörden, die sofort eingreifen müssen. Lehrkräfte brauchen zudem das nötige Rüstzeug im Umgang mit radikalisierten Jugendlichen. Antisemitische Aussagen in Klassenzimmern dürfen nicht mit Hinweis auf eigene Diskriminierungserfahrungen verharmlost werden. Antisemitismus ist nicht tolerierbar.

Für dieses und mehr ist es erforderlich, dass auf EU-Ebene und in Deutschland ein Gremium mit der Koordinierung dieser Maßnahmen betraut wird – unterstützt zum Beispiel durch einen Kommissar zur Bekämpfung von Antisemitismus. Gewiss, derzeit drehen sich die Debatten in Europa um andere Konflikte im Nahen Osten. Aber bekanntlich ist es immer möglich, dass jemand Israel oder die Juden auch dafür verantwortlich machen möchte. Die Welle des Judenhasses, die im Sommer durch Europa ging, war ein Warnsignal, nicht länger die Zeichen der Feindseligkeit gegenüber Juden und Israel zu verdrängen.

Die Autorin ist Direktorin des American Jewish Committee Berlin.

Augsburg

Neue »Initiative Antisemitismuskritik & Theater« gegründet

Rund 60 Theaterschaffende haben in Augsburg ein neues Netzwerk gegen Judenfeindlichkeit ins Leben gerufen. Ihnen geht es etwa darum, antisemitismuskritische künstlerische Werke zu entwickeln. Und sie wollen expandieren

von Christopher Beschnitt  02.07.2026

Protest

Zehntausende Gegner des AfD-Bundesparteitags in Erfurt erwartet

Erfurt hofft auf ein gewaltfreies Wochenende: Zum AfD-Bundesparteitag in der Stadt werden zehntausende Demonstranten erwartet. Kirchen, Parteien und Bündnisse rufen zu friedlichem Protest auf. Die Polizei bereitet sich auf mögliche Störungen vor

von Matthias Thüsing  02.07.2026

Nahost

Iran besteht auf militärische Kontrolle der Straße von Hormus

Die iranische Armee verlangt, dass Schiffe nur die vom Iran festgelegte Route durch die Meerenge nutzt

 02.07.2026

Diplomatie

USA und Iran sollen Fortschritte bei indirekten Gesprächen gemacht haben

Die Spannungen zwischen den USA und dem Iran erschweren eine Lösung der komplexen Konfliktlage im Nahen Osten. Nach indirekt geführten Gesprächen in Doha melden die Vermittler Fortschritte

 02.07.2026

Meinung

Was Deutschland von Albanien lernen kann

Wer immer noch überrascht tut und nicht konsequenter gegen die Mullahs vorgeht, handelt nicht nur fahrlässig, sondern lädt ihre Killer geradezu ein

von Ralf Balke  02.07.2026

Analyse

Vorteil Putin?

Früh hieß es, Russland sei einer der Profiteure des Iran-Kriegs und die Ukraine ein Verlierer. Doch das greift zu kurz

von Alexander Friedman  02.07.2026

Hintergrund

Wenn Juden- und Israelfeindlichkeit Extremisten aller Couleur vereint

Der Verfassungsschutzbericht 2025 verdeutlicht einmal mehr: Antisemitismus und Antizionismus sind der Bindekitt zwischen ansonsten inkompatiblen extremistischen Strömungen

von Michael Thaidigsmann  01.07.2026

Meinung

Warum Hessens Vorstoß mit der Meinungsfreiheit vereinbar ist

Die Landesregierung will die Leugnung des Existenzrechts Israels unter Strafe stellen. Mit einer veränderten Begründung und anderen leichten Modifikationen wäre der umstrittene Entwurf grundgesetzkonform

von Fiete Kalscheuer  01.07.2026

Extremismus-Bericht

Auschwitz Komitee macht AfD für gestiegenen Rechtsextremismus verantwortlich

Die Zahl der Extremisten in Deutschland ist nach Einschätzung des Bundesamtes für Verfassungsschutz weiter gestiegen. Dafür macht das Komitee vor allem die AfD verantwortlich

 01.07.2026