Interview

Josef Schuster: »Juden und Muslime sind keine Erzfeinde«

Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland Foto: picture alliance / Ipon

Josef Schuster ist Würzburger seit seinem zweiten Lebensjahr und beim Katholikentag vom 13. bis 17. Mai in der Stadt aktiv - etwa bei einer jüdisch-christlichen Gemeinschaftsfeier, an der auch der Würzburger Bischof Franz Jung teilnimmt. Im Interview spricht der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland über das Christentreffen, die Situation von Jüdinnen und Juden hierzulande nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem folgenden Gazakrieg, über Antisemitismus und den Islam. Für die Gäste des Katholikentags hat Schuster zwei Tipps.

Herr Schuster, was bedeutet es Ihnen als Würzburger, dass der Deutsche Katholikentag in diesem Jahr in Ihrer Stadt gefeiert wird?
Der Katholikentag ist für die Stadt ein ganz bedeutendes und besonderes Ereignis. Ich selbst lebe seit meinem zweiten Lebensjahr in der Stadt und bin hier verwurzelt. Ich sehe es auch als eine Würdigung der Stadt und der katholischen Kirche in Würzburg, dass der Katholikentag dieses Jahr hier stattfindet.

War Ihre Gemeinde beziehungsweise der Landesverband Israelitischer Kultusgemeinden in Bayern im Vorfeld an den Planungen beteiligt?
Ich wurde insbesondere bei der Planung der christlich-jüdischen Programmteile recht umfangreich eingebunden, ja.

Im Programm heißt es: »Der seit Jahrzehnten bestehende Dialog zwischen Menschen jüdischen und christlichen Glaubens bei Katholikentagen ist wichtiger denn je.« Wie sehen Sie das, gerade mit Blick auf die ganze Gesellschaft?
Der Satz drückt genau das aus, was heute Fakt ist. Wir hören insbesondere seit 2023 sehr laut antijüdische Ressentiments und Stimmen und erleben auch antijüdische Taten. Wer meint, das hängt alles einfach mit einer Politik des Staates Israel zusammen, hängt einem Irrglauben an. Das mag eine Rolle spielen, aber es ist ganz sicher nicht der eigentliche Grund. Es ist vielmehr ein Ventil nach dem Motto: Endlich kann man das sagen, was man schon lange gedacht hat, aber nicht aussprechen konnte oder wollte.

»Jüdinnen und Juden trauen sich nicht mehr, ein Schmuckstück mit Davidstern öffentlich zu tragen.«

Eine Veranstaltung in Würzburg trägt den Titel »Israelhass, Judenfeindschaft und Solidarität in Deutschland«. Dazu wird laut Programm auch Ron Dekel, Präsident der Jüdischen Studierendenunion Deutschland, erwartet. Er wurde jüngst in Berlin auf der Straße verbal angegangen, weil er eine Kippa trug.
Der Titel ist passend, es wäre aber noch passender, wenn eine solche Veranstaltung auch in Berlin stattfände. Man kann Gott sei Dank die dortige Situation nicht auf das ganze Bundesgebiet herunterbrechen, sie ist in Deutschland unterschiedlich. Gerade in Würzburg ist das Klima ein anderes, besseres, wie ich es mittelfristig auch für die gesamte Bundesrepublik erhoffe.

Bitte beschreiben Sie die aktuelle Lage von Jüdinnen und Juden in Deutschland.
Seit dem 7. Oktober 2023 hat sich das Klima in ganz Deutschland verändert. Viele versuchen, ihre jüdische Religion zu verbergen. Jüdinnen und Juden trauen sich nicht mehr, ein Schmuckstück mit Davidstern öffentlich zu tragen. Auch wird vermieden, eine Kippa zu tragen. Dies ist eine Situation, die insbesondere in Berlin nicht erst eine Entwicklung der letzten zwei Jahre ist.

Können Sie das näher erläutern?
Als ich 2015 frisch im Präsidentenamt war, habe ich genau das in einem Interview erwähnt, und meine Äußerungen wurden mit großem Entsetzen aufgenommen. Es war die Nachricht überhaupt, dass Juden sich nicht trauen, mit einer Kippa auf die Straße zu gehen. Wir sprechen wohlgemerkt vom Februar 2015. Die Situation hat sich allerdings seit dem 7. Oktober 2023 weiter ins Negative entwickelt. Und wenn sich Jüdinnen und Juden nicht mehr trauen, als solche erkennbar durch die Stadt zu gehen, dann ist das nicht tragbar.

Sehen Sie denn auch Solidarität?
Eine Solidarität von der Mehrheit der Gesellschaft ist aktuell nicht erkennbar. Gleichwohl gibt es Solidarität. Allerdings sind die Stimmen, die genau in die andere Richtung gehen, die lauteren Stimmen mit zum Teil aggressiven Unterstützern.

Was muss passieren, damit die leiseren Stimmen der Solidarität lauter werden?
Da sind wir genau genommen wieder beim Katholikentag gelandet. Sein Motto lautet »Hab Mut, steh auf«. Ich würde es gerne ergänzen: »... aber bleibe dann auch stehen und zeige Zivilcourage«. So ließe sich sehr viel bewegen.

In Würzburg beschäftigt sich eine mit Christen, Juden und Muslimen besetzte Veranstaltung mit dem Thema »Religion als Ressource für Verständigung«. Kann Religion eine solche Ressource sein in Zeiten von - auch durch Religion - hoch aufgeladenen Konflikten?
Es kann funktionieren, auch wenn es zurzeit schwierig ist. Ich warne generell davor, Feindbilder aufzubauen und die Angehörigen des Islams alle über einen Kamm zu scheren, sie von vornherein in die Ecke der Israelfeinde zu stellen. Das ist nicht so. Einen Trialog gerade auf religiöser Basis zwischen Christentum, Judentum und Islam halte ich für eine absolut sinnvolle Maßnahme. Wichtig ist es dabei natürlich, Stimmen des Islams zu hören, die moderat sind. Ich würde ein solches Podium nicht mit jemandem besetzen, der ausgewiesener Israelhasser oder Israelfeind ist.

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Kann ein solches Gespräch zwischen Vertreterinnen und Vertretern dreier Religionen denn eine Wirkung in die doch weitgehend säkulare Gesellschaft hinein haben?
Definitiv ja. Es wird immer das fatale Bild vermittelt, dass Juden und Muslime von vornherein Erzfeinde seien. Das sind sie bei weitem nicht. Ich habe muslimische Freunde, wir verstehen uns gut. Auf der anderen Seite ist es natürlich problematisch, dass es muslimische Moscheegemeinden gibt, die beispielsweise von dem türkisch-islamischen Moscheeverband Ditib gestützt und beeinflusst sind. Mit denen ist es kaum möglich, in einen konstruktiven Dialog zu kommen.

Welche Tipps geben Sie Besucherinnen und Besuchern des Katholikentags, die Interesse am jüdischen Würzburg haben?
Auf dem Katholikentag wird ein Stadtspaziergang angeboten, der durch das jüdische Würzburg führt. Und dann gibt es in den Räumen der Jüdischen Gemeinde das Museum »Shalom Europa«, das traditionelles jüdisches Leben im 21. Jahrhundert zeigt. Ich kann mir vorstellen, dass ein Besuch einiges Interessantes zu bieten hat.

Mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland sprach Leticia Witte.

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