Nahost

Im Kern bedroht

Im Test: die neue iranische Langstrecken-Drohne »Karar« (Stürmer) Foto: dpa

Soll Israel Irans Atomanlagen zerstören? Das ist Jerusalems Seinsfrage. Doch wird nicht nur Israel vom Iran bedroht, auch die sunnitisch-islamische Welt, von Westeuropa und den USA ganz zu schweigen.

Richtig ist jedoch, dass Israel zuerst, vor allen anderen bedroht ist. Jenseits des Militärischen stellt sich für den jüdischen Staat auch eine jüdische Frage: Was sagen Tora und Talmud dazu? Nichts, lautet die direkte Antwort. Die indirekte: Sie sagen Widersprüchliches und geben deshalb keine Handlungsanleitung. Man kann Zitat gegen Zitat, Gedanken gegen Gedanken setzen.

Herausforderung Den militärischen Präventiv- beziehungsweise Vorab-Schlag rechtfertigt etwa das Buch der Richter, wo Gideon und seine Kämpfer den Feind überfallen. Auf die seleukidisch-hellenistische Herausforderung reagierten die Makkabäer mit militärischen Erstschlägen. Im Talmud wird geraten, einem Angreifer zuvorzukommen. Ergo: Israel kann den Iran vorab angreifen. Gemach! Der Prophet Jeremias (32,5) dazu: »Wenn ihr mit den Chaldäern Krieg führt, werdet ihr kein Glück haben.« Die Auslöschung Judäas durch Babylon ist aus alttestamentlicher Sicht Gottes gerechte Strafe für das Fehlverhalten seines Volkes.

Das weltliche Völkerrecht ist ebenso widersprüchlich, die »Moral« der UNO-Mehrheit darf man getrost vergessen, und im UN-Menschenrechtsrat sitzen zum Beispiel China, Russland, Kuba, Pakistan, Saudi-Arabien. Nach ethischen Handlungsanweisungen wird man vergeblich suchen. Man muss sich den eigenen Kopf zerbrechen.

In den meisten Köpfen gibt es dieses Bild: Greift Israel an, kommt es zu einem nahöstlichen Großkrieg. Der Iran, Syrien, die Hisbollah aus dem Süd-Libanon und die Hamas aus dem Gazastreifen würden mit einem Raketenhagel auf Israel reagieren, und auch das Neue Ägypten müsste mitziehen.

Atomarsenal Wer weiß, wie und wo Israel angreift, wenn es angreift? Um das Atomarsenal Irans zumindest zeitweise lahmzulegen, bedarf es keines militärischen Großschlages. Ein unblutiger Cyberkrieg oder andere gezielte Sabotageakte durch noch mehr Geheimdienstaktion als bisher sind, wie Kommandoaktionen, ebenfalls denkbar.

Einem stillen Atom-Aus Irans können keine Raketen folgen. Sollten sie folgen, wären die Konsequenzen aus der israelischen Reaktion nicht nur für den Iran, sondern auch für dessen Partner katastrophal: In Ägypten würde die Demokratie enden, bevor sie begann, der Gazastreifen noch mehr als bisher zu einem Elendsquartier, die Hisbollah im Libanon zuerst militärisch und dann politisch geschwächt und Syriens Opposition gestärkt werden, weil Assad plus Militär mit Israel beschäftigt wäre.

Einem militärischen Sturm aus dem Iran könnte einer im Iran folgen. Es entstünde nämlich den Volksgruppen, die seit Langem los von Teheran wollen, eine goldene Gelegenheit zum Guerillakrieg. Der Fortbestand des Iran als Staat ist nicht von außen, sondern von innen gefährdet.

Einem wie auch immer gearteten Erstschlag Israels könnte dennoch ein Atomschlag Irans folgen – wenn der Iran die
Bombe hat. Dann aber ist dies zu bedenken: Die Zerstörung und radioaktive Ausstrahlung träfen nicht »nur« Israel, sondern natürlich beziehungsweise geografisch zugleich die Palästinenser, allen voran die Hamas im Gazastreifen sowie die schiitische Hisbollah im Libanon und das verbündete Syrien. Die atomare Strahlung unterscheidet nicht zwischen Freund und Feind.

Iran Ein Nuklearschlag des Iran wäre auch deshalb töricht, weil Israel mehrfach nuklear reagieren kann. Selbst wenn Israels landgestützte Atombomber und -raketen ausfallen, stünden die atomar bestückten, aus Deutschland stammenden Unterseeboote zur Verfügung. Sie zu treffen, ist dem Iran derzeit unmöglich. Bei weiterer Eskalation muss der Iran außerdem mit US-Bomben rechnen, möglicherweise atomaren.

Wenn der Iran durch (s)eine Reaktionen die Gewalt in Nahost weiter schürt, gefährdet er sich selbst noch mehr. Gleiches gilt für seine Partner. Man vergesse nicht, dass es bereits eine »Islamische Bombe« gibt. Pakistan hat sie. Es ist unwahrscheinlich, dass das sunnitische Pakistan sie dem schiitischen Iran sozusagen ausleiht. Es würde nämlich damit seinem Todfeind Indien signalisieren, dass es die A-Bombe einsetzt, und indische Reaktionen auslösen. Selbst ein islamistisches Pakistan wird daher nicht für den Iran Selbstmord begehen.

Israel und die freie Welt können einen iranischen Atomschlag überleben, um den Preis des Massensterbens auf beiden Seiten. Eine iranische A-Bombe bedeutet letztlich iranischen Selbstmord. Das erkennt man in Teheran nicht. Um diese Groß-Apokalypse zu vermeiden, wäre ein chirurgischer Angriff Israels (oder anderer Akteure) das Kleinste aller Übel. »Pikuach Nefesch«, Rettung aus Lebensgefahr, ist ein religiöses Gebot. Wer diese Form der Lebensrettung verständlicherweise ablehnt, muss unverzüglich aufhören, iranisches Öl zu kaufen und überhaupt den iranischen Geldhahn abdrehen.

Der Autor ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr München.

Wolfgang Benz, Stefanie Schüler-Springorum und das deutsche Zentrum für Antisemitismusleugnung

Ein Kommentar von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

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