Begegnung

Gemeinsam klingen

Die 67 Musiker der Hochschule für Musik aus Weimar und der Jerusalem Academy of Music and Dance tauschen ganz zaghaft Blicke aus, rücken Stühle für ihre Instrumententaschen, Jacken und Rucksäcke zurecht und suchen sich nach und nach im schlichten Fürstenhaus-Festsaal einen Platz.

Etwas müde wirken die 16- bis 30-Jährigen. Auch ein wenig aufgeregt. Denn die Musiker aus Deutschland und Israel treffen zum ersten Mal aufeinander. Geigenkästen klappern, Querflöten werden ausgepackt, und hier und da rascheln Notenblätter. Dann hebt die Dirigentin Karin Ben-Josef den Taktstock, und schon erklingt Musik – die Klaviersonate von Viktor Ullmann, die, vom israelischen Komponisten Michael Wolpe in eine Orchesterfassung gebracht, nun erstmals von einem jungen israelisch-deutschen Orchester gespielt wird.

Man merkt es den jungen Musikern fast nicht an, dass sie einen wahren Anreisemarathon hinter sich haben. Shaul Kofler aber bringt es auf den Punkt: »Wir waren fast 30 Stunden am Stück wach, dann ging es direkt in die erste Probe. Das war ein echter Schock!«, sagt der 22-jährige Cellist. Seine deutsche Kollegin Judith Krins verrät, dass diese erste gemeinsame musikalische Begegnung »nur noch Crashprobe« genannt wird. »Jeder prallt auf jeden, alles ist ungeordnet.«

Die 25-Jährige aus demChiemgau, die Violine spielt, weiß aus Erfahrung: »Damit die Musik ein Gesicht bekommt, braucht es Zeit.« Und die ist knapp bemessen während des Arbeitsaufenthaltes, der bis zum 22. August drei Konzerte in Weimar, Eisenach und Berlin umfasst.

Team Die Gruppe um die Dirigenten David Afkham und Karin Ben-Josef will den musikalischen Brückenschlag wagen: »Das Besondere ist, dass verschiedene Kulturen aufeinandertreffen beziehungsweise unterschiedliche Erfahrungen und Hintergründe mitschwingen.

Das ist unglaublich! Es ist nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich viel dabei, was wir finden und entdecken können.« Der 28-jährige Afkham hat vor zwei Jahren sein Musikstudium in Weimar abgeschlossen. Heute gilt er als Shooting-Star der jungen Dirigen-tenszene: Zürich, Salzburg, Amsterdam, Wien und Lissabon – der charmante junge Mann ist international gefragt.

Er hat persische Vorfahren, wuchs in Deutschland auf und hat sich nun dem neuen Projekt Young Philharmonic Orchestra Jerusalem – Weimar verschrieben. »Dann lernt man sich richtig kennen. Hören, zuhören und das dann weitergeben. Das ist es!«, sagt er respektvoll-vorsichtig: Am Freitag wird er das Orchester dirigieren.

Brahms’ Sinfonie Nr.1 steht unter anderem auf dem Programm, wenn Nike Wagners Kunstfest Weimar »pèlerinage« zum Konzert »Gedächtnis Buchenwald« lädt. Neben Brahms werden auch Kompositionen der jüdischen Komponisten Victor Ullmann und Carl Goldmark gespielt.

Star Das sind schwierige Stücke, wie Shaul findet, aber für den gebürtigen Madrider mit israelischem Vater ist es »ein Privileg«, in Deutschland zu spielen. Die Zusammenarbeit steht auch für die 24-jährige Hila Lifshitz im Vordergrund. »Wir wollen daraus lernen, verschiedene Musiker und ihren Stil kennenzulernen«, sagt die Geigerin aus Tel Aviv. Allerdings hofft sie auch ganz persönlich, dass alle Freunde werden.

Karin Ben-Josef, die junge israelische Nachwuchsdirigentin, die die Musiker charmant, aber fordernd bei der ersten Probe begleitet, hat sich ein Ziel gesetzt: »Sie würde gerne den warmen, deutschen Klang mit dem Orchester erarbeiten, den sie faszinierend findet und den man in Israel so nicht kennt«, beobachtet der Weimarer Projektleiter Elmar Fulda.

Er ist gespannt, wie sich das Zusammenspiel der Musiker und der unterschiedlichen Kulturen entwickeln wird. »Die deutschen und die israelischen Musiker kommen aus verschiedenen Musiziertraditionen. Israel ist ein Schmelztiegel, da gibt es ganz unterschiedliche Einflüsse. Dahinter steht meistens auch eine bestimmte Klangtradition.«

Der Auftakt der Proben, das steht für Karin Ben-Josef fest, ist gelungen: »Es funktioniert. Wir werden am gemeinsamen Klang arbeiten. Jeder Start ist schwierig. Brahms’ erste Sinfonie ist eines der schwierigsten Stücke, also haben wir eine Menge Arbeit vor uns.«

Aber sie habe schon im ersten Moment gesehen, dass alle zusammen spielen wollten. Das sei das Wichtigste, sagt Ben-Josef, die als Star der jungen Musikszene ihres Landes gilt. Gemeinsam mit David Afkham möchte sie das Orchester musikalisch formen: »Ich denke, das Projekt ist generell – ob geschichtlich oder musikalisch – bedeutend. Es ist wichtig für uns, in Buchenwald zu sein, ebenso wie es wichtig ist, in Yad Vashem zu sein.« Dort wird das junge Orchester Ende Dezember gastieren. »Mithilfe der Musik können sich spätere Generationen immer wieder die Hand reichen.«

Vorfreude Nun stehen junge Studenten nebeneinander gemeinsam am Pult – ein israelischer Musiker neben einem Deutschen – so ist das Konzept. Esther Niedmers findet die erste Probe »einfach nur spannend«. Die 24-jährige Oboistin aus Hamburg hat sogar schon eine engere Freundschaft geschlossen. »Ich bekomme demnächst Besuch von meinem israelischen ›Kollegen‹ in Hamburg.«

Sie hofft, dass sich die Bekanntschaften auch während der zweiten Arbeitsphase in Israel noch halten. Kontakt mit jungen Juden zu haben, sei etwas, das in Deutschland nicht so häufig vorkomme, sagt Esther. »Wir haben festgestellt, dass wir hier herzlich wenig Ahnung haben von den Sitten, Gebräuchen, der Religion.«

Deshalb ist die Vorfreude groß, wenn es im Dezember nach Israel geht. Die meisten der jungen Deutschen kennen das Land nicht. Aber »Musiker sind eine Weltfamilie«, sagt Christoph Stölzl, der Rektor der Hochschule für Musik in Weimar. Und bis zur Reise nach Tel Aviv, Jerusalem und Sde Boker ist er sich sicher: »Wir werden gute Gastgeber sein!«

Meinung

Wo ist der Geist von Sarajevo?

Auch in Deutschland rufen Vertreter der bosnischen Diaspora zunehmend nach harten Sanktionen gegen Israel und scheuen den Dialog mit den jüdischen Gemeinden hier. Das war schon einmal anders

von Marc Simon  24.07.2026

NRW

Davidstern von Pride Parade verbannt

Der 28-jährige Student Sören Habet sagt, weder die Polizei noch die Veranstalter hätten ihn mit einer Davidstern-Regenbogen-Fahne teilnehmen lassen

 24.07.2026

Umfrage

AfD liegt in Berlin erstmals vorn

Nur acht Wochen vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus wird erneut ein Stimmungswechsel registriert

von Imanuel Marcus  24.07.2026

Washington D.C.

USA knüpfen Atomabkommen mit Saudi-Arabien an Annäherung an Israel

So reagiert Präsident Donald Trump auf Kritik, Washington habe mit dem Vertrag Druckmittel gegenüber Riad aufgegeben

 24.07.2026

Neue Angriffe

Trump kündigt »militärische Bestrafung« Teherans an

Nach Medienberichten bereiten die USA zugleich eine Ausweitung ihrer Militärpräsenz in der Region vor

 24.07.2026

Diplomatie

Nauru eröffnet Botschaft in Jerusalem

Damit ist der Inselstaat das zehnte Land, das seine diplomatische Vertretung in Israels Hauptstadt ansiedelt. Auch Kolumbien will eine Botschaft in Jerusalem eröffnen

 24.07.2026

New York

Zwei Männer in Manhattan niedergestochen – Ermittler prüfen antisemitisches Motiv

Eines der Opfer ist nach Angaben der Polizei ein 50 Jahre alter Mann, der eine Kippa trug und kurz zuvor eine Synagoge verlassen hatte

 24.07.2026

Diplomatie

Malaysias Premier verteidigt Drohung, Israelis abzuschieben

Mehrere US-Abgeordnete haben Außenminister Marco Rubio aufgefordert, Malaysia wegen der jüngsten Äußerungen von Regierungschef Anwar Ibrahim Fördermittel zu streichen

 23.07.2026

Naher Osten

Trump: Atom-Deal nur bei saudischer Anerkennung Israels

Washington und Riad stehen kurz vor einem Atomabkommen zur zivilen Nutzung der Kernenergie. Doch jetzt hat Donald Trump eine neue Bedingung gestellt

 23.07.2026