Antizionismus

Gefährliche Nähe

Palästinensische Angreife in Gaza, Dezember 2017 Foto: imago/ZUMA Press

Seinen Aufenthalt in Berlin hatte sich Khaled Barakat sicher anders vorgestellt. Als er am 22. Juni in Berlin auf einer Veranstaltung über den von Donald Trump als »Jahrhundert-Deal« gelobten Nahostfriedensplan der US-Regierung auftreten wollte, teilte ihm die Polizei mit, dass er sich bis Ende Juli in Deutschland bei politischen Veranstaltungen weder aufhalten noch dort reden dürfe. Auch Videobotschaften wurden ihm untersagt.

Barakat ist nicht nur Autor, sondern auch Mitglied der Terrororganisation »Volksfront zur Befreiung Palästinas«, abgekürzt PFLP. Diese PFLP begeht immer wieder Morde in Israel. Einheiten von ihr beschießen Israel von Gaza aus. In Deutschland erlangte die PFLP vor allem durch die Entführung der Lufthansa-Maschine »Landshut« und dem Mord an deren Piloten Jürgen Schumann 1977 traurige Berühmtheit.

SOLIDARITÄT Das alles hinderte jedoch zahlreiche Gruppen nicht daran, sich mit dem Terroristen zu solidarisieren. Die »Rote Fahne«, das Organ der maoistischen Kleinstpartei MLPD, veröffentlichte eine Solidaritätserklärung, die »Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost« sah in einem Posting auf Facebook in dem Auftrittsverbot eine »Kriminalisierung von Palästina-Solidarität«, und das internationale Internetmagazin »Electronic Intifada« sprach von Rassismus, der sich gegen den palästinensischen Autor richte.

Dass Barakat nicht sofort von den Behörden wegen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung festgenommen und vor Gericht gestellt wurde, hat er einer besonderen Rechtslage in Deutschland zu verdanken: Zwar steht die PFLP in der Europäischen Union und den USA auf der Terrorliste, verboten ist sie allerdings nicht. Die Bundesregierung sieht dafür keinen Anlass, denn ihrer Ansicht nach tritt die PFLP in Deutschland nicht nennenswert in Erscheinung.

Auf Auftrittsverbote wird mit dem Vorwurf der
»Kriminalisierung« reagiert

Doch auch ohne Verbot wird Deutschland für palästinensische Terroristen als Reiseziel immer unattraktiver. Die Zeiten, in denen die PFLP-Terroristin und Flugzeugentführerin Leila Khaled – wie noch 2016 in Wuppertal – unbehelligt auf Festen auftreten konnte, sind vorbei. Als Khaleds PFLP-Genossin Rasmea Odeh im März dieses Jahres bei einer Veranstaltung in Berlin auftreten wollte, die unter anderem eine BDS-Gruppe organisiert hatte, wurde ihr das untersagt. Ihre Anhänger warteten in Kreuzberg vergebens auf ihr Erscheinen.

zusammenarbeit Seit 2017 über die Zusammenarbeit der MLPD mit PFLP-Sympathisanten im Rahmen der »Internationalistischen Liste« berichtet wurde und die BDS-Kampagne erst von verschiedenen Städten, Bundesländern und zuletzt vom Bundestag verurteilt wurde, ist hierzulande die Bereitschaft, der Werbung von Antisemiten und Terroristen freien Lauf zu lassen, deutlich zurückgegangen.

Doch ein PFLP-Verbot würde ein Vorgehen gegen die Terrorgruppe erleichtern, die in der Bundesrepublik durchaus Präsenz zeigt und politisch aktiv in Erscheinung tritt – auch wenn die Sicherheitsbehörden das mitunter relativieren.

Auf Anfrage der Jüdischen Allgemeinen teilt das in Berlin ansässige »Internationale Institut für Bildung, Sozial- und Antisemitismusforschung« (IIBSA), das diese Bewegung aufmerksam verfolgt, mit: »Besonders in Berlin wurden regelmäßig in den vergangenen Jahren auf antiisraelischen Protestkundgebungen und Demonstrationen – etwa dem Berliner Quds-Marsch – PFLP-Symboliken öffentlich zur Schau gestellt.«

Auch BDS-Vertreter seien bei Veranstaltungen, auf denen etwa des Gründungstags der PFLP gedacht wurde, aufgetreten, wie die Experten von IIBSA herausgefunden haben.

VERBOT Das kann Remko Leemhuis, der stellvertretende Direktor des American Jewish Committee (AJC) in Berlin, bestätigen: »Ja, die PFLP ist wiederholt in Erscheinung getreten. Dabei tauchen ihre Anhänger und Mitglieder immer wieder im Zusammenhang mit BDS-Veranstaltungen und anderen antiisraelischen Aktivitäten auf.«

Nach Informationen des AJC gab es auch Kontakte der PFLP zu der antisemitischen Politsekte »Jugendwiderstand«, die sich inzwischen selbst aufgelöst hat. Leemhuis fordert denn auch ein Verbot der PFLP: »Die PFLP ruft zur Zerstörung Israels und zum Mord an Juden auf und hat in der Vergangenheit regelmäßig Terroranschläge auf israelische Zivilisten verübt.«

visa Das gelte bis in die jüngste Zeit. »Gerade in Deutschland sollte das Verbot einer solchen Organisation eine Selbstverständlichkeit sein«, sagt Leemhuis. »Mindestens ebenso unverständlich ist, dass PFLP-Terroristen und Anhänger ungehindert nach Deutschland beziehungsweise in den Schengen-Raum einreisen können. Hier sind die deutschen Auslandsvertretungen und die europäischen Behörden gefragt, bei der Vergabe von Visa genauer hinzugucken.«

Dass sich zumindest aus Sicht der PFLP eine Nähe zu BDS nicht ausschließt, hat Khalida Jarrar, eine hohe Funktionärin der Terrororganisation, einmal in einem Interview bestätigt: »Die PFLP glaubt an alle Arten des Widerstands, und der Hauptwiderstand ist natürlich der populäre (Boykott von Waren, kultureller und akademischer Boykott, friedliche Demonstrationen gegen die Mauer und die Siedlungen).«

Nahost

Wie der Konflikt im Libanon den US-Deal mit Iran gefährdet

Der Gesprächsbeginn zwischen Washington und Teheran in der Schweiz lässt auf sich warten. Derweil spitzt sich die Lage zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon zu. Es gibt Tote auf beiden Seiten

von Hans Dahne, Christoph Meyer, Mathis Richtmann  19.06.2026

Meinung

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026

Berlin

Nouripour zu Iran-Rahmenabkommen: »Weg in Normalität für Regime«

Ist das Rahmenabkommen zwischen den USA und dem Iran ein Weg in den Frieden? Bundestagsvizepräsident Nouripour bezweifelt das. Die Übereinkunft gebe dem Iran vielmehr »eine andere Legitimität«

 19.06.2026

Bayreuth

Bayreuther Gedenkveranstaltung mit Michel Friedman soll nun doch stattfinden

Eine Gedenkveranstaltung zum Bayreuther Festspieljubiläum wird geplant, dann abgesagt. Michel Friedman und Charlotte Knobloch zeigen sich entsetzt – jetzt rudert das weltbekannte Opernfestival zurück

 19.06.2026

Washington D.C.

Republikaner kritisieren Trumps Iran-Abkommen ungewöhnlich scharf

»Die Geschichte zeigt, dass es eine außergewöhnlich schlechte Idee ist, Milliarden Dollar an theokratische Verrückte zu geben, die uns ermorden wollen«, sagt Senator Ted Cruz

 19.06.2026

Wahlkampf in Israel

Trump signalisiert Unterstützung für Netanjahu

»Ich werde mir ansehen müssen, wer kandidiert, aber ich mag Bibi sehr«, sagt der amerikanische Präsident

 19.06.2026

Genf

Absage aus Bern: Heute keine USA-Iran-Gespräche

Abkommen unterzeichnet, Treffen abgesagt: Die geplante Gesprächsrunde in der Schweiz findet heute doch nicht statt

 19.06.2026

Bayreuth

Scharfe Kritik nach abgesagter Gedenkveranstaltung

Eine Gedenkveranstaltung zum Festspieljubiläum wird geplant, dann abgesagt. Charlotte Knobloch ist entsetzt über die Bayreuther Festspiele

 19.06.2026

Essay

Zwischen Progressivität und Zerfaserung

Quo vadis, liberales Judentum? Ein Debattenbeitrag von Avitall Gerstetter

von Avitall Gerstetter  19.06.2026