Nach Einschätzung amerikanischer Ermittlungsbehörden steckt hinter einer Reihe von Angriffen auf jüdische, israelische und US-amerikanische Einrichtungen in Europa ein weit verzweigtes Netzwerk aus dem Umfeld proiranischer Milizen. Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht laut einem Bericht von »Bild« der irakische Staatsbürger Mohammad Baqer Saad Dawood al-Saadi, dem die US-Justiz eine führende Rolle bei der Planung und Koordinierung der Anschläge vorwirft.
Besondere Aufmerksamkeit erregte in Deutschland ein Brandanschlag auf ein israelisches Restaurant in München im April. Wenige Tage nach der Tat veröffentlichte eine bis dahin kaum bekannte Gruppierung namens Harakat Ashab al-Yamin al-Islamiya (HAYI) ein Bekennervideo. Nach Darstellung der US-Ermittler handelte es sich dabei jedoch nicht um eine unabhängige Organisation, sondern um eine Tarnstruktur, die mit irakischen Milizen und den iranischen Revolutionsgarden verbunden gewesen sein soll.
Die amerikanische Anklage zeichnet das Bild eines Netzwerks, das unmittelbar nach dem Beginn der militärischen Auseinandersetzungen zwischen den USA, Israel und Iran Ende Februar 2026 aktiv geworden sein soll. Bereits kurz nach Kriegsbeginn habe al-Saadi über soziale Medien zu Angriffen auf Unterstützer Israels und der Vereinigten Staaten aufgerufen.
FBI schleuste Informanten ein
In den folgenden Wochen wurden nach Angaben der Ermittler zahlreiche Anschläge und Anschlagsversuche in mehreren europäischen Staaten registriert. Betroffen waren unter anderem Synagogen, jüdische Schulen, Restaurants sowie Einrichtungen mit US-Bezug. Tatorte lagen demnach unter anderem in Belgien, Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden und Nordmazedonien.
US-Behörden gehen davon aus, dass die Gruppe auf bereits bestehende Strukturen in Europa zurückgreifen konnte. Auch dies geht aus dem »Bild«-Bericht hervor. Die Geschwindigkeit, mit der die Organisation nach ihrem Auftreten in mehreren Ländern aktiv wurde, deute darauf hin, dass ein vorbereitetes Unterstützernetzwerk vorhanden gewesen sei.
Ein wichtiger Teil der Ermittlungen basiert auf Gesprächen zwischen al-Saadi und einem Informanten des FBI. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll der Beschuldigte dabei offen über laufende Operationen gesprochen und erklärt haben, mehrere Teams in verschiedenen Ländern zu steuern.
Angriffe gegen Bezahlung
Laut Anklage interessierte sich al-Saadi zudem für die Möglichkeit, Anschläge in den Vereinigten Staaten durchführen zu lassen. In Gesprächen mit verdeckten Ermittlern soll er nach Personen gesucht haben, die gegen Bezahlung Synagogen und weitere jüdische Einrichtungen angreifen würden.
Die Ermittler werfen ihm vor, nicht nur Propaganda betrieben, sondern konkrete Anschläge organisiert, Täter angeworben und finanzielle Mittel bereitgestellt zu haben. Teilweise seien Zahlungen über Kryptowährungen erfolgt.
Nach Darstellung der US-Justiz war al-Saadi seit Jahren in das Netzwerk proiranischer Gruppierungen eingebunden. Er soll sowohl der irakischen Kataib Hisbollah als auch Strukturen der iranischen Revolutionsgarden nahestehen.
Psychologische Kriegsführung und strategische Planung
In den Ermittlungsunterlagen werden zudem Fotos und Videos erwähnt, die den Beschuldigten mit hochrangigen Milizenführern zeigen sollen. Dazu zählt auch der frühere Kommandeur der Al-Kuds-Brigaden, Qassem Soleimani, der 2020 bei einem US-Drohnenangriff im Irak getötet wurde.
Nach seiner Festnahme habe al-Saadi gegenüber Ermittlern erklärt, er sei Teil des sogenannten »Widerstands«, eines Bündnisses verschiedener vom Iran unterstützter Gruppen im Nahen Osten. Seine Aufgaben hätten Medienarbeit, psychologische Kriegsführung sowie strategische Planung umfasst.
Besonders schwer wiegen Vorwürfe, wonach al-Saadi einzelne Angriffe aus der Ferne überwacht haben soll. Auf beschlagnahmten Mobiltelefonen fanden Ermittler nach eigenen Angaben Videoaufnahmen von Live-Schaltungen während laufender Anschläge.
Maximierte Wirkung
Die US-Behörden vertreten die Auffassung, dass die Veröffentlichung von Bildern brennender Gebäude und anderer Tatorte Teil einer gezielten Strategie gewesen sei. Ziel sei es gewesen, Angst zu verbreiten und die öffentliche Wirkung der Anschläge zu maximieren.
Ende April wurde al-Saadi bei einer Auslandsreise festgenommen. Mitte Mai erfolgte seine Übergabe an das FBI. Bis zu einem Prozess bleibt er in einem Bundesgefängnis in New York in Untersuchungshaft. ja