Washington D.C.

FBI sieht iranisch gesteuertes Terrornetzwerk hinter Anschlagsserie in Europa

Das J. Edgar Hoover Building ist die Zentrale des FBI in Washington D.C.. Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Nach Einschätzung amerikanischer Ermittlungsbehörden steckt hinter einer Reihe von Angriffen auf jüdische, israelische und US-amerikanische Einrichtungen in Europa ein weit verzweigtes Netzwerk aus dem Umfeld proiranischer Milizen. Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht laut einem Bericht von »Bild« der irakische Staatsbürger Mohammad Baqer Saad Dawood al-Saadi, dem die US-Justiz eine führende Rolle bei der Planung und Koordinierung der Anschläge vorwirft.

Besondere Aufmerksamkeit erregte in Deutschland ein Brandanschlag auf ein israelisches Restaurant in München im April. Wenige Tage nach der Tat veröffentlichte eine bis dahin kaum bekannte Gruppierung namens Harakat Ashab al-Yamin al-Islamiya (HAYI) ein Bekennervideo. Nach Darstellung der US-Ermittler handelte es sich dabei jedoch nicht um eine unabhängige Organisation, sondern um eine Tarnstruktur, die mit irakischen Milizen und den iranischen Revolutionsgarden verbunden gewesen sein soll.

Die amerikanische Anklage zeichnet das Bild eines Netzwerks, das unmittelbar nach dem Beginn der militärischen Auseinandersetzungen zwischen den USA, Israel und Iran Ende Februar 2026 aktiv geworden sein soll. Bereits kurz nach Kriegsbeginn habe al-Saadi über soziale Medien zu Angriffen auf Unterstützer Israels und der Vereinigten Staaten aufgerufen.

FBI schleuste Informanten ein

In den folgenden Wochen wurden nach Angaben der Ermittler zahlreiche Anschläge und Anschlagsversuche in mehreren europäischen Staaten registriert. Betroffen waren unter anderem Synagogen, jüdische Schulen, Restaurants sowie Einrichtungen mit US-Bezug. Tatorte lagen demnach unter anderem in Belgien, Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden und Nordmazedonien.

US-Behörden gehen davon aus, dass die Gruppe auf bereits bestehende Strukturen in Europa zurückgreifen konnte. Auch dies geht aus dem »Bild«-Bericht hervor. Die Geschwindigkeit, mit der die Organisation nach ihrem Auftreten in mehreren Ländern aktiv wurde, deute darauf hin, dass ein vorbereitetes Unterstützernetzwerk vorhanden gewesen sei.

Ein wichtiger Teil der Ermittlungen basiert auf Gesprächen zwischen al-Saadi und einem Informanten des FBI. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll der Beschuldigte dabei offen über laufende Operationen gesprochen und erklärt haben, mehrere Teams in verschiedenen Ländern zu steuern.

Angriffe gegen Bezahlung

Laut Anklage interessierte sich al-Saadi zudem für die Möglichkeit, Anschläge in den Vereinigten Staaten durchführen zu lassen. In Gesprächen mit verdeckten Ermittlern soll er nach Personen gesucht haben, die gegen Bezahlung Synagogen und weitere jüdische Einrichtungen angreifen würden.

Lesen Sie auch

Die Ermittler werfen ihm vor, nicht nur Propaganda betrieben, sondern konkrete Anschläge organisiert, Täter angeworben und finanzielle Mittel bereitgestellt zu haben. Teilweise seien Zahlungen über Kryptowährungen erfolgt.

Nach Darstellung der US-Justiz war al-Saadi seit Jahren in das Netzwerk proiranischer Gruppierungen eingebunden. Er soll sowohl der irakischen Kataib Hisbollah als auch Strukturen der iranischen Revolutionsgarden nahestehen.

Psychologische Kriegsführung und strategische Planung

In den Ermittlungsunterlagen werden zudem Fotos und Videos erwähnt, die den Beschuldigten mit hochrangigen Milizenführern zeigen sollen. Dazu zählt auch der frühere Kommandeur der Al-Kuds-Brigaden, Qassem Soleimani, der 2020 bei einem US-Drohnenangriff im Irak getötet wurde.

Nach seiner Festnahme habe al-Saadi gegenüber Ermittlern erklärt, er sei Teil des sogenannten »Widerstands«, eines Bündnisses verschiedener vom Iran unterstützter Gruppen im Nahen Osten. Seine Aufgaben hätten Medienarbeit, psychologische Kriegsführung sowie strategische Planung umfasst.

Besonders schwer wiegen Vorwürfe, wonach al-Saadi einzelne Angriffe aus der Ferne überwacht haben soll. Auf beschlagnahmten Mobiltelefonen fanden Ermittler nach eigenen Angaben Videoaufnahmen von Live-Schaltungen während laufender Anschläge.

Maximierte Wirkung

Die US-Behörden vertreten die Auffassung, dass die Veröffentlichung von Bildern brennender Gebäude und anderer Tatorte Teil einer gezielten Strategie gewesen sei. Ziel sei es gewesen, Angst zu verbreiten und die öffentliche Wirkung der Anschläge zu maximieren.

Ende April wurde al-Saadi bei einer Auslandsreise festgenommen. Mitte Mai erfolgte seine Übergabe an das FBI. Bis zu einem Prozess bleibt er in einem Bundesgefängnis in New York in Untersuchungshaft. ja

NSDAP-Mitgliederkartei

Ein Land durchsucht den Datenschatz

Die Recherche nach der Nazivergangenheit der eigenen Vorfahren scheint neuerdings so einfach wie eine Google-Suche. Auch in manch jüdischer Familie wächst das Interesse. Doch tragen die Erkenntnisse wirklich zur Aufklärung bei?

von Mascha Malburg, Michael Thaidigsmann  15.06.2026 Aktualisiert

In eigener Sache

Jüdische Allgemeine depubliziert Texte von Stephan-Andreas Casdorff

Die Prüfung mit spezialisierter Software legt Nahe, dass zwei Kommentare des »Tagesspiegel«-Editor-at-Large in dieser Zeitung von einer KI geschrieben wurden

 15.06.2026

Nahost

Hisbollah: Waffenruhe gilt auch für Libanon

Die geplante 60-tägige Waffenruhe zwischen den USA und Iran gelte auch für den Libanon, behauptet die Terror-Miliz. Doch eine Bestätigung gibt es dafür nicht

 15.06.2026

Uganda

Entebbe-Entführung 1976: Debatten um Linksterror und Antisemitismus

Vor 50 Jahren entführten zwei Deutsche und zwei Palästinenser einen Airbus aus Israel nach Uganda. Dabei sollen sie Geiseln nach antisemitischen Kriterien voneinander getrennt haben. Die Tat befeuerte das Unbehagen vieler Linker mit Gewalt

von Nils Sandrisser  15.06.2026

Berlin

Streit um die Landesansprechperson für Antisemitismus

Recherchen des »Tagesspiegel« zufolge geht es bei der Suche nach einem Antisemitismusbeauftragten für die Berliner Hochschulen längst nicht mehr nur um die Belange der jüdischen Studierenden, sondern auch um Politik

 15.06.2026

Diplomatie

Macron will schnell Minen in Straße von Hormus räumen

Noch ist die Tinte nicht auf dem Abkommen zwischen den USA und Iran, doch Frankreichs Präsident signalisiert seine Bereitschaft »sehr schnell zu handeln«

 15.06.2026

Wirtschaft

Iran will Gebühren für Straße von Hormus verlangen

US-Präsident Donald Trump hat die Straße von Hormus für geöffnet erklärt. Aber Details eines US-Iran-Rahmenabkommens sind noch unklar. Im Iran fordern Stimmen Gebühren für die Durchfahrt der Meerenge

 15.06.2026

Meinung

Ein beschämender Deal

Israel und die USA haben den Iran zwar militärisch geschwächt. Dennoch haben sie keines ihrer Kriegsziele erreicht. Mit dem sich nun abzeichnenden Abkommen belohnt Präsident Donald Trump das mörderische Mullah-Regime

von Michael Roth  15.06.2026

Nahost

Die Stolpersteine beim Abkommen zwischen den USA und Iran

Die Umsetzung des Gaza-Abkommens steckt fest, Israel will seine Truppen aufgrund des Verhaltens der Terrororganisation Hisbollah nicht aus dem Libanon abziehen. Droht dem Rahmenabkommen zwischen den USA und dem Iran das gleiche Schicksal?

 15.06.2026