»Mach dir schon mal Sorgen. Erklärung folgt«: So lautet in einem jüdischen Witz das Telegramm einer Frau an ihren Mann. Betrachtet man das »Sorgenbarometer« des Ipsos-Unternehmens für Markt- und Sozialforschung, scheint diese Form des Zweckpessimismus derzeit außerordentlich populär: »Stimmungstief in Deutschland erreicht neuen Tiefpunkt«, heißt es auf der Website zur neuesten Umfrage. 87 Prozent der Befragten waren im Monat Juni der Ansicht, unser Land entwickele sich in die falsche Richtung.
Aktuelle Sorgen kreisen auch um eine zentrale Frage, die sich viele Menschen stellen: Wird meine Rente zum Leben reichen? Daran hat die Ankündigung der Regierungskoalition in der vergangenen Woche, für eine grundlegende Reform die Empfehlungen der Rentenkommission komplett umsetzen zu wollen, offenbar überhaupt nichts geändert. Nur elf Prozent der Deutschen sprechen laut dem aktuellen »Themenbarometer« von Ipsos von Verbesserungen beim Punkt »Sicherung der Renten«, rund zwei Drittel bewerten die Entwicklung unter der schwarz-roten Bundesregierung als rückläufig.
Die Empfehlungen der Rentenkommission haben Hand und Fuß
Aber haben die Befragten die Empfehlungen der Rentenkommission (korrekt: der Alterssicherungskommission des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales) überhaupt gelesen? Das scheint nicht der Fall zu sein. Denn ganz gleich, wie man prinzipiell zu Kanzler Friedrich Merz (CDU) und seiner Regierung steht und ob man sich (zu Recht) über die angekündigte Einführung einer Krankschreibungspflicht für Arbeitnehmer ab dem ersten Tag aufregt – die Empfehlungen der Rentenkommission haben Hand und Fuß.
Und sollte es eine schwarz-rote Koalition in Berlin (mit einem Jahrzehnt Verspätung, aber besser jetzt als nie) tatsächlich schaffen, die Rente an die Bedingungen des demografischen Wandels anzupassen und damit auch für kommende Generationen zu sichern, wäre das ein Grund zur Zuversicht – und zwar nicht nur für die Zukunft der Alterssicherung, sondern der Demokratie an sich.
Von der Einführung einer gesetzlichen Kapitalrente, wie sie die Rentenkommission fordert, würden Menschen in meinem Alter kaum profitieren, aber sie könnte Perspektiven für die jüngere Generation schaffen, die jetzt erst damit anfängt, in die Rentenkasse einzuzahlen. Dass ich persönlich nicht viel von Beiträgen für eine zusätzliche Säule der Rentenversicherung hätte, spielt für mich keine Rolle – die hebräische Wendung »LeDor-vaDor« (»Von einer Generation zur nächsten«) aus den Psalmen verstehe ich als Auftrag.
Ich bin gern bereit, länger zu arbeiten. Rente erst mit 67,5 Jahren? Kein Problem.
Es ist unmöglich, junge Menschen davon zu überzeugen, dass die Demokratie die beste aller möglichen Regierungsformen ist, wenn gleichzeitig der Eindruck entsteht, dass eine alternde Gesellschaft nur für die heutigen Rentenempfänger sorgt, nicht aber für diejenigen, auf deren Schultern die Finanzierung der Altersvorsorge steht. Das wäre Wasser auf die Mühlen der Populisten, die von dem derzeit vorherrschenden Pessimismus am meisten profitieren und das Wertesystem unserer Demokratie untergraben – mit drohenden Folgen nicht zuletzt für die jüdische Gemeinschaft unseres Landes.
Also bin ich gern bereit, länger zu arbeiten, zumal es sich laut den Empfehlungen der Rentenkommission nur um wenige Monate meines Erwerbslebens handeln würde. Rente erst mit 67,5 Jahren statt mit 67? Kein Problem. Vorgezogene Rente mit Abschlägen erst mit 64 statt mit 63 Jahren möglich? Finde ich auch in Ordnung.
Meine Generation hat nicht genügend Kinder in die Welt gesetzt
Schließlich ist es meine Generation, die nicht genügend Kinder in die Welt gesetzt hat, um das derzeit bestehende Rentensystem funktionsfähig zu halten. Die Generation meines Sohnes wird, damit auch meine Enkel noch mit einer nennenswerten Rente rechnen können, wahrscheinlich bis 70 arbeiten müssen. Welches Recht hätte ich also, mich über eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit zu beschweren?
Das bedeutet nicht, dass ich mir keine Sorgen mache. Im Gegenteil: Ich befürchte, dass es zahlreiche Bemühungen geben wird, die Empfehlungen der Rentenkommission zu verwässern.
Ich hoffe sehr, es kommt dazu, dass Selbstständige, Beamte, Abgeordnete und Vorstände von Aktiengesellschaften tatsächlich in die staatliche Rentenversicherung mit einbezogen werden. Ich hoffe, dass es in Zukunft mehr Betriebsrenten gibt – gerade im Osten. Und dass Politikerinnen und Politiker uns nicht länger in falscher Sicherheit wiegen.
Koppelung des Rentenalters an die Lebenserwartung
Doch ausgerechnet jetzt kritisiert Manuela Schwesig, die SPD-Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, die Koppelung des Rentenalters an die Lebenserwartung. Im September wird in ihrem Bundesland gewählt; die AfD liegt in Umfragen vorn. Wer aber glaubt, man könne Populisten und Rechtsextremisten in Schach halten, indem man Illusionen schürt, könnte sehr bald in einem anderen Deutschland aufwachen.
Lassen wir uns also nicht von der Sorge regieren. Wie wäre es mit etwas Zweckoptimismus? Die Rente ist sicher! Aber nicht im Sinne des CDU-Politikers Norbert Blüm, der das 1986 im Wahlkampf behauptete. Sondern nur, wenn wir dafür bezahlen und sie sicher machen – und damit unser Leben in einer demokratischen Gesellschaft.
Die Autorin, Jahrgang 1969, ist Redakteurin der Jüdischen Allgemeinen.