Meinung

Reformprogramm der Bundesregierung: Auf schmalem Grat

Günter Jek Foto: Gregor Zielke

Seit vergangener Woche ist es da, das Programm der Bundesregierung für Aufschwung und Beschäftigung. Es verspricht, was in Wahlkämpfen gern gehört wird: Wachstum, Jobs, Entlastung für Familien, eine stabile Rente für alle, die brav eingezahlt haben.

Aufmerksame Leser entdecken andere Facetten: den Sozialstaat, der nicht zu teuer sein darf und sich willig kontrollieren lässt. Sozialverbände und Gewerkschaften mahnten in einer gemeinsamen Erklärung, dass dieser Sozialstaat kein lästiger Kostenfaktor, sondern die Lebensversicherung unserer Demokratie ist. Er hält eine Gesellschaft zusammen, die sich sonst entlang von Einkommen, Herkunft und Wohnort spalten ließe.

Vertrauen aufbauen – oder Vertrauen verspielen: Im Regierungsprogramm steht beides nebeneinander.

Wer Erfahrung mit staatlich organisierter Ausgrenzung hat, weiß sehr genau, was es bedeutet, wenn die öffentliche Hand Vertrauen aufbaut – oder Vertrauen verspielt. Im Regierungsprogramm steht beides nebeneinander.

Ja, die Alterssicherung soll gestärkt, mittlere Einkommen entlastet, bezahlbares Wohnen ausgebaut werden. Doch Behörden werden zusammengekürzt, und eine digitale Steuererklärung wird als große Befreiung gefeiert. Menschen, die unsere Beratungsstellen aufsuchen, dürften darin kaum eine Verbesserung ihres Alltags erkennen.

Besonders deutlich wird die neue Härte bei der Bekämpfung des Sozialleistungsmissbrauchs. Eine schöne neue Datenwelt soll Leistungsausschlüsse und zusätzliche Hürden beim Zugang zu Leistungen bringen. Das kann man als Modernisierung verkaufen – oder als Einstieg in einen Sozialstaat, der seine Berechtigten als Verdächtige behandelt.

Lesen Sie auch

Dieses Reformprogramm balanciert entlang einer sehr dünnen Linie. Es verteilt kleine Wohltaten und große Kontrollrechte. Es spricht von Teilhabe und schärft gleichzeitig die Instrumente des Ausschlusses.

Dies sollte ein ernstes Warnsignal sein. Ein Sozialstaat, der Sicherheit verspricht und Misstrauen praktiziert, ist ein Signal für jene Kräfte, die von Angst und Spaltung leben. Er liefert den politischen Rändern die gefährliche Bestätigung, dass auch die politische Mitte bereit ist, unsere Gesellschaft in leistungsstärkere und leistungsschwächere Menschen zu teilen.

Der Autor ist Leiter des Berliner Büros der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden (ZWST).

Meinung

Das Wiener Lueger-Denkmal muss weg!

Die Performance des jüdischen Künstlers Alon Ishay hat eine neue Debatte über den Umgang der österreichischen Hauptstadt mit ihrer antisemitischen Geschichte angestoßen

von Tobias Kühn  08.07.2026

Sicherheit

Der NATO-Gipfel darf nicht zum Kniefall vor dem national-islamistischen Autokraten Erdoğan werden

Ein Kommentar von Ali Ertan Toprak

von Ali Ertan Toprak  08.07.2026

Kommentar

250 Gründe, die USA zu lieben

Am 4. Juli 1776 wurden die Vereinigten Staaten gegründet. Eine etwas andere Liebeserklärung

von Imanuel Marcus  04.07.2026

Interview

»Es fehlte am fußballerischen Können, nicht am Glück«

Sportreporter-Legende Marcel Reif über das WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft, Jürgen Klopp und die Zukunft von Julian Nagelsmann als Bundestrainer

von Michael Thaidigsmann  02.07.2026 Aktualisiert

Meinung

Was Deutschland von Albanien lernen kann

Wer immer noch überrascht tut und nicht konsequenter gegen die Mullahs vorgeht, handelt nicht nur fahrlässig, sondern lädt ihre Killer geradezu ein

von Ralf Balke  02.07.2026

Meinung

Warum Hessens Vorstoß mit der Meinungsfreiheit vereinbar ist

Die Landesregierung will die Leugnung des Existenzrechts Israels unter Strafe stellen. Mit einer veränderten Begründung und anderen leichten Modifikationen wäre der umstrittene Entwurf grundgesetzkonform

von Fiete Kalscheuer  01.07.2026

Künstliche Intelligenz

Ich schreibe, also bin ich

Noch nie war es so einfach, Gedanken mit KI in Worte zu fassen. Doch was bedeutet das für unser Denken, unseren Journalismus und eine der grundlegendsten menschlichen Fähigkeiten?

von Nicole Dreyfus  01.07.2026

Meinung

Maccabiah ist gelebte Selbstbehauptung

Gerade jetzt ist es für jüdische Sportler wichtig, in Israel Kraft zu tanken. Es geht nicht nur um Sport, sondern auch um Selbstbehauptung und ein tieferes Verständnis für das Land

von Alon Meyer  30.06.2026

Kommentar

Für Islamisten existiert kein Kindeswohl

In glühender Hitze wurden Kinder von Islamisten gefesselt durch Berlin geführt. Dass so etwas mitten in der Hauptstadt geschehen kann, ist die Folge einer fehlgeleiteten Migrationspolitik

 30.06.2026