Antisemitismus

EU-Abgeordnete kritisieren soziale Netzwerke scharf

Unter der Federführung der EU-Kommissarin Vera Jourová vereinbarte die Europäische Kommission 2016 einen Code of Conduct mit den Betreibern sozialer Netzwerke, in dem diese sich zur raschen Löschung illegaler Inhalte verpflichteten. Foto: EU 2017

Die Betreiber mehrerer sozialer Netzwerke kommen ihrer Pflicht nicht nach, antisemitische Hassbotschaften innerhalb der vorgesehenen Frist zu löschen. Zu diesem Schluss kommt eine Recherche des ARD-Politmagazins »Report München« in Zusammenarbeit mit der Wochenzeitung »Die Zeit«.

Die Plattformen hatten sich im Mai 2016 gegenüber der Europäischen Kommission dazu verpflichtet, illegale Inhalte innerhalb von 24 Stunden mehrheitlich aus dem Netz zu entfernen, wenn Nutzer diese bei ihnen anzeigen.

CODE OF CONDUCT Bei einem von Mitgliedern der Arbeitsgruppe Antisemitismus des Europäischen Parlaments sowie einem Abgeordneten des kanadischen Parlaments gestarteten Feldversuch wurden am Dienstag vergangener Woche insgesamt 125 antisemitische Inhalte auf den von den Plattformen Facebook, Twitter und YouTube dafür vorgesehenen Wegen gemeldet.

Die Links zu den Posts und Videos hatte zuvor die Nichtregierungsorganisation »The Online Hate Task Force« den Abgeordneten zur Verfügung gestellt. Sie waren zu diesem Zeitpunkt frei verfügbar auf den Plattformen einsehbar.

Vierundzwanzig Stunden nach der Meldung waren 122 dieser Einträge weiterhin online. Von 50 antisemitischen Inhalten auf Facebook, 41 auf Twitter und 34 auf YouTube löschte im Testzeitraum jede der Plattformen jeweils nur einen. Das ARD-Politmagazin »Report München begleitete den Versuch der Europaparlamentarier.

Entsprechend dem «EU Code of Conduct on Countering Illegal Hate Speech», den die Plattformen 2016 unterzeichnet hatten, müssen ordnungsgemäß gemeldete illegale Inhalte mehrheitlich nach 24 Stunden gelöscht werden. Dies war nach einer Auswertung von «The Online Hate Task Force» und der Überprüfung durch die Parlamentarier nicht der Fall.

HANDLUNGSBEDARF Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland nannte das Ergebnis der Recherche «nicht zufriedenstellend. Die Plattformen müssen hier konsequenter Vorgehen und ihrer unternehmerischen Verantwortung gerecht werden. Was im Netz beginnt, endet nicht selten auf der Straße», so Josef Schuster gegenüber dieser Zeitung.

Die deutsche Vizepräsidentin des Europaparlaments, die FDP-Politikerin Nicola Beer, sprach von einem «katastrophalen Ergebnis» und forderte Konsequenzen: «Hier muss ganz dringend gehandelt werden», sagte sie und kündigte an, das Ergebnis mit den Plattformen zu diskutieren.

Auch der schwedische Europaabgeordnete David Lega von der Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP) zeigte sich durch die Tatsache alarmiert, dass nach Ablauf des Versuchs über 97 Prozent der Inhalte noch frei zugänglich im Netz standen. «Das sind antisemitische Texte, Lügen und Bilder, die Juden in einer absolut schrecklichen Weise verunglimpfen.»

Der SPD-Europaabgeordnete Dietmar Köster, der ebenfalls an dem Versuch teilnahm, hält das Ergebnis für sehr bedenklich: «Wir haben fünf klare, eindeutige Fälle von Antisemitismus identifiziert. Diese Fälle haben wir Facebook gemeldet. Es gibt keine Reaktion darauf. Diese antisemitischen Äußerungen sind nicht gelöscht worden. Damit verstoßen diese Plattformen, Facebook vor allen Dingen, gegen ihre eigenen Grundsätze, aber auch vor allen Dingen gegen die gesetzlichen Verpflichtungen.» Die in den Netzwerken veröffentlichten Äußerungen stellten eine Bedrohung für Juden dar, so Köster.

Die EU-Direktorin der Organisation B’nai Brith International in Brüssel, Alina Bricman, kritisierte, dass auch sechs Jahre nach Inkrafttreten des Code of Conduct die Löschrate bei antisemitischen Inhalten so «miserabel» sei. «Das zeigt, wie wichtig es ist, dass die Plattformen einen klaren Standard für die Definition von Antisemitismus haben, am besten mit der IHRA-Arbeitsdefinition des Antisemitismus. Vor allem aber unterstreicht es die Notwendigkeit umfassenden Veränderungen, die gesetzlich vorgeschrieben werden», sagte Bricman.

«Die Tatsache, dass die Mehrheit der antisemitischen Kommentare als mit den Gemeinschaftsstandards vereinbar angesehen wird, zeigt, wie abgestumpft die Gesellschaft gegenüber Antisemitismus ist und wie in einer Zeit, in der Desinformation und Verschwörungen überhand nehmen, Antisemitismus als Mainstream und akzeptabler Diskurs angesehen wird», so die B’nai Brith-Direktorin weiter.

REAKTION Eine Sprecherin des Facebook-Mutterkonzerns Meta verwies auf Anfrage von «Report München» auf eine Studie der EU-Kommission aus dem Jahr 2021, der zufolge 81 Prozent der gemeldeten Inhalte bewertet und mehr als 60 Prozent gelöscht worden seien. Die Sprecherin erklärt außerdem: «Hassrede ist inakzeptabel und wir investieren umfangreich in Teams und Technologien, um solche Inhalte zu erkennen und zu entfernen, bevor sie von Menschen gesehen werden.»

Zu den konkreten antisemitischen Posts, die im Rahmen des Versuchs nicht innerhalb der Frist gelöscht wurden, äußerte sich die Sprecherin jedoch nicht. Nach der Anfrage von «Report München» bei Meta wurde noch eine beträchtliche Zahl der Posts und Videos gelöscht. Von Twitter und YouTube bzw. Google erhielten die Reporter keine Antworten auf ihre Anfrage. mth

Studie

Spaniens Migrationskrise wird online mit antisemitischen Verschwörungsmythen verknüpft

Innerhalb von zwei Tagen erreichten Beiträge, die Israel für den Flüchtlingssturm auf Ceuta verantwortlich machen, beinahe 60 Millionen Nutzer

 03.08.2026

Nahost

Trump kündigt neue Gespräche mit Iran an – Verhandlungen sollen heute beginnen

»Eine Vereinbarung steht unmittelbar bevor«, erklärt der amerikanische Präsident. Israel, das an dem zunächst geplanten Angriff auf den Iran mitwirken sollte, erfuhr von dessen Absage in sozialen Medien

 03.08.2026

Interview

»Putin ist in der Sackgasse«

Lettlands Ex-Präsident Egils Levits über Russlands Krieg, einen EU-Beitritt der Ukraine und Europas Handlungsfähigkeit

von Michael Thaidigsmann  02.08.2026

New York/Madrid

»Warum unterhält Spanien noch immer koloniale Enklaven in Afrika?«

Israels UNO-Botschafter Danny Danon: »Vielleicht sollte Spanien, bevor es uns weiter belehrt, der Welt etwas erklären.«

 02.08.2026

Kommentar

Sánchez’ alter, antisemitischer Trick

Wer trägt die Verantwortung für die jüngste Katastrophe in Ceuta? Ausnahmsweise wohl nicht »die Zionisten«

von Rafael Seligmann  02.08.2026

Auschwitz-Birkenau

Romani Rose: Gewalt gegen Sinti und Roma nimmt zu

Zum europäischen Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma warnt der Vorsitzende deren Dachorganisation, Mitglieder der Minderheit seien wieder mehr Anfeindung ausgesetzt

 02.08.2026

Berlin

Nach CSD-Anschlag: Union will Tempo machen für schärfere Gesetze

Der Terroranschlag am Rande des Christopher Street Days in der Hauptstadt löste eine Debatte darüber aus, ob bestehende Gesetze ausreichen. Eine Umfrage ergibt: Das Sicherheitsgefühl ist bei vielen Bürgern gesunken

 02.08.2026

Brandenburg

Gedenkführungen zu NS-Verbrechen gegen Sinti und Roma

Hunderttausende Sinti und Roma wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Zwei KZ-Gedenkstätten wollen heute mit Führungen an die Opfer erinnern

 02.08.2026

Washington D.C.

Trump: Angriffe auf Iran abgesagt - »Umrisse einer Einigung«

Das US-Militär stand Berichten zufolge kurz vor einer massiven Angriffswelle auf Ziele im Iran. Nun will der US-Präsident anscheinend darauf verzichten

 02.08.2026 Aktualisiert