Antisemitismus

»Es ist auch ein eigenes Problem«

Anton Hofreiter Foto: Stefan Kaminski

Herr Hofreiter, die Bundestagsfraktion der Grünen hat in dieser Woche ein Fachgespräch zum Thema Antisemitismus veranstaltet. Warum setzen Sie das auf Ihre politische Agenda?
Der Kampf gegen Antisemitismus ist ein zentrales Thema. Wir bemerken, dass die Verbreitung judenfeindlicher Einstellungen sehr groß ist, und auch die Zahl der antisemitisch motivierten Straftaten ist sehr hoch. Fast 1400 solcher Delikte wurden im Jahr 2015 verzeichnet, die Dunkelziffer ist wesentlich höher. Zudem ist es ja oft ein Problem, ob Behörden antisemitische Taten auch als solche erkennen.

Was meinen Sie konkret?
Ich denke an den Fall eines Brandanschlags auf die Synagoge in Wuppertal, der schlicht als Kritik an Israel gewertet wurde.

Ist der Antisemitismus nicht mehr an rechte Gruppen gebunden?
Der Großteil der Straftaten, über 90 Prozent, wird immer noch aus dem rechtsextremen Lager begangen. Aber diese Zahl darf nicht dazu führen, dass man woanders nicht mehr genau hinschaut. Wir müssen dafür sorgen, dass Antisemitismus nicht nur als Problem der anderen angesehen wird, sondern auch im eigenen Verein oder Bekanntenkreis, in dem man sich bewegt.

Also auch ein Problem der Grünen?
Ich glaube, das Engagement von Volker Beck und anderen zeigt, wie entschlossen wir Grünen gegen Antisemitismus kämpfen. Gerade deshalb dürfen wir auch nicht schweigen, wenn Antisemitismus auch aus der Linken und der linken Mitte kommt.

Sie denken dabei an Mitglieder wie Ulf Dunkel aus Cloppenburg, der sich den Kampf gegen das jüdische Beschneidungsritual auf die Fahnen geschrieben hat?
Ja, und die Grünen haben sofort darauf reagiert, und zwar mit einem Parteiausschlussverfahren. Das ist rechtlich schwierig, weil die Hürden für einen solchen Ausschluss hoch sind. Dunkel hat am Ende selbst einräumen müssen, dass er antisemitische Stereotype bedient hat, auch wenn wir ihn nicht ausschließen konnten.

Ist die sogenannte Israelkritik mittlerweile die häufigste Form von heutigem Antisemitismus, zumindest dem, wie er in der Linken und bei manchem Grünen zu finden ist?
Ich denke, es gibt vor allem zwei Einfallstore für Antisemitismus. Das eine ist der Nahostkonflikt, wo wir immer genau hinschauen müssen, was berechtigte Kritik an israelischer Regierungspolitik und was plump antisemitisches Ressentiment ist. Zum anderen sind es Verschwörungstheorien, was gerne mit »böse Rothschilds« umschrieben wird.

Sie meinen antisemitische Untertöne in der Globalisierungskritik?
Vor allem meine ich damit eine verkürzte Kapitalismuskritik, die oft ins Antisemitische abgleitet.

Mit dem Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Bundestag sprach Martin Krauß.

Essay

Fallstricke des Wokeismus

Gegenerzählungen zur westlichen Kolonialgeschichte bilden ein berechtigtes Korrektiv, aber was über Israel verbreitet wird, bedarf grundlegender Korrekturen

von Richard Blättel  22.06.2026

Kanada

Zwei Tote bei Anschlag im jüdischem Viertel von Montreal

Bei einem der Opfer soll es sich laut Medienberichten um Michael Moshe Mizrahi handeln, ein Mitglied der örtlichen jüdischen Gemeinde

 22.06.2026 Aktualisiert

Meinung

Wenn niemand sonst zu Israel steht

Unser Autor ist Schüler auf einem Gymnasium nahe Köln. Mit Entsetzen musste er feststellen, dass Antisemitismus und Israelhass in seiner Klasse weit verbreitet sind. Nun fragt er sich: Wie kann das sein?

von Jan Tersteegen  22.06.2026

Verhandlungen

USA lockern Sanktionen auf iranisches Öl

Nach »produktiven« Gesprächen mit dem Iran setzen die USA Teile ihrer Sanktionen gegen den Iran vorübergehend aus. Die Maßnahme könnte dem Iran Milliarden einbringen und die Energiemärkte beruhigen

 22.06.2026

Trauer

Orakel und Maestro

Über 18 Jahre lang herrschte Alan Greenspan als Zentralbankchef über die Zinspolitik der weltgrößten Wirtschaftsmacht. Mit 100 Jahren ist er nun gestorben

von Anna Ringle, Thomas Kaufner  22.06.2026

Debatte

Jüdischer Verein verlangt Schutz für das Tragen religiöser Symbole

Der Fall sorgte bundesweit für Aufsehen: Bei einem Prozess wegen Volksverhetzung in Flensburg musste eine Zuschauerin ihre Davidsternkette ablegen. Der Verein Jüdischer Hochschullehrender fordert nun Maßnahmen von der Justiz

 22.06.2026

Berlin

Mann mit Kippa beleidigt und bespuckt

Laut eines Medienberichts kam es am Samstag in Berlin-Charlottenburg zu einem antisemitischen Vorfall

 22.06.2026 Aktualisiert

Essay

Das Kopftuch, der Zwang und die Freiheit

Die radikalen Kräfte in der muslimischen Community bestimmen zunehmend den Kurs. Wenn dies ohne Gegenwehr von den moderaten Kräften hingenommen wird, ist irgendwann der Kipppunkt erreicht

von Daniel Neumann  22.06.2026

Berlin

Nova-Ausstellung: Interne Unterlagen zeigen Streit um Fördergeld

Die Finanzierung des Projekts war bis zuletzt umstritten. Eine angekündigte Kürzung der Landesförderung in Höhe von mehreren Hunderttausend Euro wurde zurückgenommen

 22.06.2026