Auschwitz-Prozess

»Er hat seine Strafe«

Reinhold Hanning Foto: dpa

Einen entscheidenden Satz sprach die Richterin Anke Grudda in ihrer Urteilsbegründung: »Eine angemessene Strafe gibt es nicht.« Grudda führte aus, warum das Landgericht Detmold den früheren Auschwitz-Wachmann Reinhold Hanning zu fünf Jahren Haft verurteilt hat – wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen.

»Er hat die Strafe bekommen, die er verdient«, kommentierte Ronald S. Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses. Und Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, sagte: »Die jahrzehntelangen Versäumnisse der deutschen Justiz kann das Urteil gegen Reinhold Hanning nicht wiedergutmachen. Dennoch ist es zu begrüßen, dass Hanning zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde.«

Nebenkläger Schuster würdigte auch die Auschwitz-Überlebenden, die als Nebenkläger und Zeugen den Prozess unterstützt hatten. »Sie haben große Strapazen auf sich genommen.« Es sei sehr wichtig, dass die Verbrechen in einer Form später Gerechtigkeit geahndet würden. »Kein Täter soll daher sagen können: Für mich ist es vorbei.«

Leon Schwarzbaum, ein Auschwitz-Überlebender aus Berlin, hatte vor dem Urteilsspruch einen Brief an Reinhold Hanning geschrieben, den er später vor Journalisten verlas: »Sie haben vor Gericht das unglaubwürdige Bild eines Unbeteiligten gezeichnet und Ihre Chance vertan.«

Nach dem Urteil sagte Schwarzbaum: »Verzeihen, das könnten nur die Toten. Und die Toten vergeben nicht.« Erna de Vries, die mit 19 Jahren nach Auschwitz kam, sagte, die fünf Jahre Haft entsprächen zwar nicht der Schuld, »aber er hat seine Strafe«. Hedy Bohm, die aus Toronto angereist war, erklärte: »Ich danke der Richterin für das Urteil. Jetzt können meine ermordeten Eltern in Frieden ruhen.«

Urteil Zufrieden mit dem Urteil sind auch die Anwälte, die die Nebenkläger vertreten haben. Einer von ihnen, Cornelius Nestler aus Köln, sagte, es sei das erste Mal, dass ein deutsches Gericht klargestellt habe, dass in der Mordfabrik Auschwitz »jeder, der dort eine Funktion hatte, für alle Morde mitverantwortlich war«.

Ob das Urteil rechtskräftig ist, steht noch nicht fest. Die Verteidiger Hannings, die Freispruch gefordert hatten, überlegen noch, ob sie ihrem Mandanten raten sollen, es anzufechten.

Hintergrund

Wenn Juden- und Israelfeindlichkeit Extremisten aller Couleur vereint

Der Verfassungsschutzbericht 2025 verdeutlicht einmal mehr: Antisemitismus und Antizionismus sind der Bindekitt zwischen ansonsten inkompatiblen extremistischen Strömungen

von Michael Thaidigsmann  01.07.2026

Meinung

Warum Hessens Vorstoß mit der Meinungsfreiheit vereinbar ist

Die Landesregierung will die Leugnung des Existenzrechts Israels unter Strafe stellen. Mit einer veränderten Begründung und anderen leichten Modifikationen wäre der umstrittene Entwurf grundgesetzkonform

von Fiete Kalscheuer  01.07.2026

Extremismus-Bericht

Auschwitz Komitee macht AfD für gestiegenen Rechtsextremismus verantwortlich

Die Zahl der Extremisten in Deutschland ist nach Einschätzung des Bundesamtes für Verfassungsschutz weiter gestiegen. Dafür macht das Komitee vor allem die AfD verantwortlich

 01.07.2026

Kommentar

»Eigentlich habe ich noch nie mit einem Juden gesprochen«

Als Antisemitismusbeauftragter jüdisch zu sein ist kein Manko. Im Gegenteil: Es braucht an deutschen Universitäten mehr jüdische Beauftragte

von Guy Katz  30.06.2026

Interview

»Es fehlte am fußballerischen Können, nicht am Glück«

Sportreporter-Legende Marcel Reif über das WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft, Jürgen Klopp und die Zukunft von Julian Nagelsmann als Bundestrainer

von Michael Thaidigsmann  30.06.2026

Meinung

Maccabiah ist gelebte Selbstbehauptung

Gerade jetzt ist es für jüdische Sportler wichtig, in Israel Kraft zu tanken. Es geht nicht nur um Sport, sondern auch um Selbstbehauptung und ein tieferes Verständnis für das Land

von Alon Meyer  30.06.2026

Berufung

Hamburg hat wieder eine Beauftragte gegen Antisemitismus

Nach Monaten der Vakanz ist das Amt wieder besetzt: Anna von Villiez wird Hamburgs neue Beauftragte gegen Antisemitismus. Ein Rechtsstreit hatte die Auswahl verzögert

von Michael Althaus  30.06.2026

Kommentar

Für Islamisten existiert kein Kindeswohl

In glühender Hitze wurden Kinder von Islamisten gefesselt durch Berlin geführt. Dass so etwas mitten in der Hauptstadt geschehen kann, ist die Folge einer fehlgeleiteten Migrationspolitik

 30.06.2026

Aufruf

Jüdische Hochschullehrer fordern besseren Schutz gegen Antisemitismus

Hochschulen können ihre jüdischen Studierenden und Lehrenden nicht ausreichend gegen Antisemitismus schützen. Das NJH will das ändern und fordert unter anderem die Möglichkeit zur Exmatrikulation von Störern

 30.06.2026