Ein vertrauter Anblick, dieser Weltsaal. Schon sein Name markiert einen Anspruch, ein Ambitionsniveau für den aufregenden, immer herausfordernden, manchmal überfordernden Dienst in diesem Amt: die ganze Welt im Blick zu haben. Das ist Ihr Job!
Ich bin Ihnen, Herr Wadephul, sehr dankbar für die Einladung. Sie ist Ausdruck unserer freundschaftlichen Zusammenarbeit, und sie gibt mir Gelegenheit, diesem ehrwürdigen Haus zum Geburtstag zu gratulieren und den Beschäftigten meinen Dank und meinen Respekt auszudrücken. Also: großen Dank und herzlichen Glückwunsch zum 75.!
Die Geschichte des Auswärtigen Amtes ist ihre Geschichte, die Geschichte der Menschen, die unser Land in der Welt vertreten und die in 75 Jahren – durch ihre Arbeit und ebenso sehr durch ihre Persönlichkeit, ihre Menschlichkeit, ihre Integrität – Vertrauen in unser Land haben wachsen lassen. Dieses neue Vertrauen nach der totalen politischen und moralischen Zerrüttung Nazi-Deutschlands war und ist Grundlage für die Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik.
Ich selbst habe – als Minister hier im Hause, aber ebenso im Kanzleramt, im Deutschen Bundestag und jetzt seit fast zehn Jahren als Bundespräsident – ganze Generationen von Diplomatinnen und Diplomaten, von Beschäftigten aller Laufbahnen, kennen und schätzen gelernt. Nicht wenige zählen zu meinen engsten Wegbegleitern und Freunden.
Liebe Beschäftigte, ich weiß, dass für Sie alle der Auswärtige Dienst mehr ist als ein Job. Der Auswärtige Dienst ist eine Lebensentscheidung, ein Lebensmodell, für Sie und Ihre Familien, oft ein schönes und aufregendes, oft kein einfaches – in jedem Fall eines, das überragend wichtig ist und bleibt für unser Land.
Die Geschichte des Auswärtigen Amtes ist von Ihnen, von Menschen gemacht – und auch die Zukunft des Auswärtigen Amts wird von Menschen geschrieben. Künstliche Intelligenz mag nützlich sein – in der Bewältigung von Sprechzetteln etwa, ihrer Vielzahl, manche sagen Überzahl, zu der natürlich auch die Anforderungen des Bundespräsidenten beitragen – ich bekenne meine Mitschuld.
Aber gerade in dieser Gegenwart, in diesem atemlosen, hochgefährlichen Moment, inmitten von politischer und technologischer Dauer-Disruption, braucht es Sie, braucht es kluge Diplomatinnen und Diplomaten, mit Urteilsvermögen, Kommunikationsfähigkeit und Integrität. Und wenn auch manche die Diplomatie aktuell für schwach und unwichtig halten: In dieser Zeit von Krisen und Konflikten brauchen wir mehr Diplomatie, nicht weniger!
Wie schön, dass bei dieser Geburtstagsfeier die nächste Generation von Diplomatinnen und Diplomaten eine Hauptrolle spielt. Liebe Anwärterinnen und Anwärter: Ich habe allergrößten Respekt vor Ihrer Berufsentscheidung. Ich freue mich, dass Sie gerade in dieser Weltlage, in diesem weiß Gott nicht einfachen Moment, sagen: Ja zur Arbeit für unser Land, Ja zum Auswärtigen Dienst!
Bei mir selbst – wenn Sie einen kurzen historischen Ausflug gestatten – liegt meine Entscheidung für ein sehr politisches Leben gut fünfunddreißig Jahre zurück. Bis 1989 habe ich mir den Verbleib in der Wissenschaft gut vorstellen können. Im Herbst 1989 war ich gerade im Schlusskapitel meiner Promotion, als die Mauer fiel. Eine Zeit voller Möglichkeiten, voller Zuversicht lag vor uns. Die deutsche Glücksgeschichte nach dem Krieg – Neuanfang, Wirtschaftswunder, Aussöhnung, europäische Integration, schließlich Wiedervereinigung – alles das schien damals, in den frühen 1990er Jahren, geradezu linear in die Welt und in die Zukunft auszustrahlen: mehr Frieden, mehr Freiheit, mehr Demokratie. Wir, ich selbst, vielleicht auch einige der älteren Kolleginnen und Kollegen hier im Saal, wollten Teil dieser Entwicklung sein. Wir wollten ohne Naivität und mit viel Energie mitbauen an dieser Welt, die von Tag zu Tag ein Stückchen besser werden und die dabei ein Stückchen mitnehmen sollte von der Erfahrung des deutschen Glücksfalls.
Der Kontrast zu heute könnte kaum größer sein. Zuversicht ist ein äußerst knappes Gut geworden, erst recht hier in der Mitte Europas. Die Welt um uns scheint jeden Tag ein Stück gefährlicher, brutaler, mindestens irrationaler. Und in demselben Maße, in dem die internationale Ordnung, für die wir einstehen, Tag um Tag zerfällt, so scheinen wir, Deutschland, Tag um Tag weiter an den Rand der globalen Geschicke gedrängt. Zugespitzt formuliert: Je größer unser Entsetzen über den Lauf der Weltpolitik, umso größer unser Unvermögen, daran etwas zu ändern. Braucht es den Auswärtigen Dienst auch in Zukunft noch?
steht als Leitfrage über der Diskussion im zweiten Teil dieser Veranstaltung. Eine mutige, eine ehrliche Frage für eine Jubiläumsfeier, aber eine, schon weil sie gestellt wird, die besorgt.
Ivan Krastev hat kürzlich die Beobachtung angestellt, dass Deutschlands heutige Schwierigkeiten paradoxerweise nicht Folge des Scheiterns, sondern des Erfolgs der Politik unserer Nachkriegsgeschichte seien. Gerade weil die Lehren des Zweiten Weltkrieges für immer eingebrannt, gerade weil Krieg in Europa undenkbar geworden schien – gerade deshalb tun wir Deutsche uns schwer, wenn rohe Machtpolitik zurückkehrt, wenn Völkerrecht missachtet wird und bei vielen die historische Erinnerung offenbar nicht mal mehr bis Irak, Libyen, oder Afghanistan zurückreicht.
Kurzum: Deutsche Außenpolitik steht vor einer fundamentalen Neuorientierung. Die Welt in unseren Köpfen muss neu kartographiert werden.
Im Moment dieser historischen Herausforderung leisten Sie, liebe Beschäftigte hier im Saal und die vielen an den Auslandsvertretungen, Ihren Dienst für unser Land. Die Umstände sind natürlich völlig andere als 1951 oder im Kalten Krieg, aber die strategische Herausforderung ist möglicherweise nicht kleiner als für jene, die damals, vor 75 Jahren, den Weg in eine neue, friedliche, vertrauensbildende Außenpolitik der Bundesrepublik beschritten.
Warum spreche ich von einer so fundamentalen Veränderung? Vier Konstanten haben die Jahrzehnte zunächst westdeutscher Außenpolitik seit Wiedergründung des Amtes geprägt: erstens, die deutsche Teilung und ihre Überwindung; zweitens, die Westbindung; drittens, die europäische Integration; und, viertens, das Verhältnis und der Dialog mit dem Osten unseres Kontinents.
Ein nüchterner Blick auf die Lage von 2026 ergibt, dass drei dieser vier Konstanten, zumindest auf absehbare Zeit, hinweggefegt sind – was die eine verbleibende Konstante, nämlich die Einheit Europas, umso bedeutsamer macht.
Lassen Sie mich das strategische Bild kurz umreißen: Die lange Zeit offen gebliebene deutsche Frage – die uns in beiden Deutschlands über Jahrzehnte beschäftigt hat – ist seit 1990 völkerrechtlich abschließend beantwortet, und sie hat dieses Amt überdies um großartige Kolleginnen und Kollegen aus dem Osten Deutschlands bereichert. Freilich: Die innere Einheit unseres Landes bleibt eine große gesellschaftliche Aufgabe, aber sie ist – zum Glück – keine Aufgabe mehr für die auswärtige Politik.
Die Grundkonstanten West und Ost, das Verhältnis zu Washington und zu Moskau, hat alle Bundesregierungen der vergangenen Jahrzehnte umgetrieben, aber ist in besonderer Weise mit zwei Namen, zwei Kanzlern verbunden: mit Konrad Adenauer und seiner klaren Verortung der jungen Bundesrepublik im westlichen Bündnis, und Willy Brandt mit der damals eingeleiteten sogenannten neuen Ostpolitik. Beide dieser Konstanten erfahren in unserer Gegenwart einen beispiellosen Bruch.
Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine hat mit allen Prinzipien der europäischen Sicherheitsordnung fundamental gebrochen. Das Bemühen, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs mit Russland ein gemeinsames Haus Europa
zu entwerfen, hat dieses Amt und Generationen von Politikern, auch mich, über Jahrzehnte beschäftigt. Gerade weil doch wir Deutsche selbst erfahren hatten, dass die Politik der kleinen Schritte, die Politik von Dialog und Stärke, von Deterrence und Détente Erfolg haben kann – von den Anfängen der KSZE vor über 50 Jahren bis zum Glück der Wiedervereinigung und der Osterweiterung Europas –, gerade deshalb haben wir lange – heute wissen wir: zu lange – an diesem Bemühen festgehalten. Die russischen Panzer vor Kyjiw haben all dies Bemühen in Schutt und Asche gelegt und einen furchtbaren Krieg über die Ukraine gebracht. Und ich glaube, auch nach dem Krieg wird es mit diesem Russland nicht um Frieden gehen, sondern um die Kalkulierbarkeit des Konflikts. Kurz gesagt: Europa muss heute seine Sicherheit gegen Russland, nicht mit Russland organisieren.
Der Bruch im transatlantischen Verhältnis seit Beginn der zweiten Amtszeit von Präsident Trump ist nicht weniger tiefgreifend. Ich spreche daher von einem doppelten Epochenbruch
in unserer Zeit – nicht, weil das, was in Moskau und Washington geschieht, das gleiche oder vergleichbar wäre. Sondern weil beides für unsere Außenpolitik von strategisch umstürzender Bedeutung ist.
So wie ich glaube, dass es im Verhältnis zu Russland kein Zurück vor den 24. Februar 2022 geben wird, so glaube ich, dass es im transatlantischen Verhältnis kein Zurück vor den 20. Januar 2025 geben wird. Zu tief ist die Zäsur und das verlorene Vertrauen in die amerikanische Großmachtpolitik – nicht nur bei den Bündnispartnern, sondern weltweit. Auch eine zukünftige US-Regierung wird nicht länger einfach anknüpfen können an die Rolle des »freundlichen Hegemons« und Garanten einer liberalen internationalen Ordnung, einer, der auch uns die Demokratie gebracht hat.
Deutschland hat im Falle Russlands schmerzhaft erfahren, wie uns übergroße Abhängigkeiten verwundbar machen. Wir mussten uns, praktisch über Nacht, unter hohen Kosten aus Energiebeziehungen mit Russland lösen, die wir – damals setzend auf beidseitige Rationalität und gültige Verträge – über Jahrzehnte, seit dem ersten Erdgas-Röhren-Geschäft 1970, eingegangen und vertieft hatten.
Auch im transatlantischen Verhältnis müssen wir uns aus Abhängigkeiten lösen, die uns verwundbar machen. Das betrifft zuvörderst Sicherheit und Technologie. Europäische Souveränität in Verteidigung und Technologie zu erreichen, ist keine Aufgabe für heute Nachmittag, sondern ein Generationenprojekt. Nur darf die Größe der Aufgabe nicht länger Grund für Verzögerung sein, weder bei uns noch unseren europäischen Partnern.
Die deutsche Bundeswehr muss das Rückgrat der konventionellen Verteidigung in Europa werden. Dafür haben die Bundesregierungen seit dem 24. Februar 2022 notwendige Entscheidungen getroffen, und dafür braucht unsere Bundeswehr nicht nur von der Politik, sondern von der gesamten Gesellschaft volle Rückendeckung. Das bedeutet: ausreichende Finanzmittel, moderne Ausrüstung, mehr Personal. Wenn die Freiwilligkeit nicht ausreicht, dann brauchen wir eine Rückkehr zur Wehrpflicht. Ich finde am besten in der Form einer sozialen Pflichtzeit für alle, die die einen bei der Bundeswehr, andere in sozialen Einrichtungen leisten.
Im technologischen Bereich ist die Abhängigkeit von den USA noch größer, umso weniger dürfen wir uns mit ihr abfinden. Wir wissen doch, dass der Vorsprung nicht nur außenpolitische Macht bedeutet, sondern auch die Macht, über digitale Plattformen und soziale Medien Einfluss auf unsere Innenpolitik zu nehmen. Dass die amerikanische Regierung dazu entschlossen ist, dass sie das liberale vereinte Europa schwächen will, hat sie uns in München vor einem Jahr offen ins Gesicht gesagt. Vielleicht könnte die aktuell ausgetragene Auseinandersetzung zwischen Anthropic und dem Pentagon ein Weckruf, womöglich gar eine Chance für Europa sein. Der Technologiestandort Europa hat Talente, hat Märkte, hat Möglichkeiten, aber eben auch ethische Standards. Und auf diese Quadriga sollten wir bauen.
Zurück zu den Grundkonstanten unserer Außenpolitik. Ich habe Adenauer und die Westbindung erwähnt. Was bedeutet Westbindung heute? Das ist eine der schwierigen Fragen unserer Zeit, auf die dieses Haus Antworten geben muss.
Seit 75 Jahren hatten wir enge Partnerschaft, aber immer wieder auch Differenzen mit den Amerikanern. Auch große Differenzen wie die über den Irakkrieg. Aber immer konnten wir sagen: Es gibt ein gemeinsames Fundament, auf das wir uns berufen, auf dem wir unsere Gegensätze austragen, auf das wir zurückkehren. Heute gilt das nicht. Der Westen bleibt, darauf beharre ich, ein wertvolles normatives Ideal. Aber der Westen als politische Realität existiert derzeit nicht.
Deswegen heißt außenpolitischer Realismus in dieser Zeit: Täuschen wir uns nicht selbst! Das meinte Mark Carney in Davos, als er Václav Havels Schild im Schaufenster
zitierte.
Realismus heißt: Ja, wir müssen pragmatisch sein im Umgang mit dieser US-Administration und uns auf unsere Kerninteressen fokussieren. Aber Realismus heißt auch: Verbiegen wir uns nicht selbst! Die aktuelle amerikanische Regierung hat ein anderes Weltbild als wir – eines, das keine Rücksicht nimmt auf etablierte Regeln, auf Partnerschaft und gewachsenes Vertrauen. Das können wir nicht ändern. Damit müssen wir umgehen. Aber wir haben keinen Grund, uns diesem Weltbild anzunähern.
Die Großmächte mögen in einer Welt ohne Regeln überleben – kurzfristig vielleicht sogar profitieren. Für uns gilt das nicht. Und für die überwältigende Mehrzahl der Staaten gilt das auch nicht. Das sollte doch die Brücke sein, die wir jetzt brauchen! Das verbindet uns mit so vielen anderen, gerade den aufstrebenden Mittelmächten rund um die Welt.
Seit Beginn meiner Amtszeit als Bundespräsident habe ich den Kontakt zu diesen Mittelmächten gesucht. Staaten, die nicht jeden Tag in den Schlagzeilen stehen, aber uns strategisch viel zu bieten haben – und ich bin ganz sicher: wir ihnen auch.
Dank der großartigen Unterstützung und Zusammenarbeit mit Ihnen im Auswärtigen Amt und an den Botschaften konnte ich viele, viele Male im ASEAN-Raum unterwegs sein, bei den Golf-Staaten und der Türkei, in Kenia, Südafrika, Chile und Brasilien. Erst vergangene Woche war ich erneut in Mexiko und einigen seiner Nachbarn, um unsere Partnerschaft mit einer Weltregion zu stärken, die eben nicht nur der Hinterhof einer Großmacht ist.
Alle diese Mittelmächte suchen den Kontakt zu uns, denn auch sie wollen, genau wie wir, Abhängigkeiten reduzieren und Partnerschaften verbreitern. Diese Staaten teilen gewiss nicht alle unsere Ansichten und Interessen – aber sie teilen mit uns ein ganz zentrales Ziel: Die Welt von morgen soll mehr sein als ein Zweikampf zwischen den USA und China. Aber gerade deshalb schauen diese Länder auch genau hin, welchen Beitrag wir leisten zur Stabilisierung internationaler Regeln, zu einer Ordnung, die allen dient und nicht nur wenigen.
Deshalb bin ich überzeugt: Unsere Außenpolitik muss pragmatisch und schlagkräftig sein und wo sie es nicht ist werden. Aber das bedeutet nicht, das Völkerrecht links liegen zu lassen. Unsere Außenpolitik wird nicht überzeugender dadurch, dass wir Völkerrechtsbruch nicht Völkerrechtsbruch nennen. Damit mussten wir uns schon im Gaza-Krieg auseinandersetzen, damit müssen wir auch im Iran-Krieg umgehen. Denn dieser Krieg ist nach meinem Dafürhalten völkerrechtswidrig – es gibt wenig Zweifel daran. Dass jedenfalls die Begründung mit einem unmittelbar bevorstehenden Angriff auf die USA nicht trägt – das scheint ja auch in Teilen der amerikanischen Dienste gegenwärtig zu sein. Dieser Krieg ist zudem ein politisch verhängnisvoller Fehler, und – das frustriert mich am meisten – ein wirklich vermeidbarer, unnötiger Krieg, wenn sein Ziel denn war, den Iran auf dem Weg zur Atombombe zu stoppen. Das Nuklearabkommen hatte uns schon so viel weiter gebracht. Wir waren nie so weit entfernt von einer atomaren Bewaffnung des Iran wie nach Abschluss des Abkommens am 14. Juli 2015, an dem viele in diesem Haus mit großem Einsatz und jahrelang mitgewirkt hatten. Es war damals der amerikanische Außenminister, der bei der Unterzeichnung gesagt hat: Unterschätzen wir nicht die historische Bedeutung dieses Moments: Mit diesem Abkommen verhindern wir einen Krieg, den wir Amerikaner gegen Iran hätten führen müssen.
Im zweiten Jahr seiner ersten Amtszeit kündigte Präsident Trump das Abkommen auf, in seiner zweiten Amtszeit wird der Krieg geführt.
Liebe Beschäftigte, liebe Gäste, das Völkerrecht ist kein alter Handschuh, den wir abstreifen sollten, wenn andere es tun. Im Gegenteil: Es ist überlebenswichtig für alle, die sich nicht zu den Großmächten zählen können.
Auch wenn es von einigen missachtet oder gebrochen wird: Völkerrecht als Ordnungsrahmen, Regelbuch und Legitimationsquelle hat nichts an Bedeutung verloren – für Deutschland nicht und ebenso wenig für Europa. In einer Welt ohne Recht und Regeln wäre dieses Europa verloren. Denn die Europäische Union ist selbst auf Recht und Regeln gebaut. Sie würde in sich zusammenfallen, wenn wir das Weltbild der rohen Macht zu unserem eigenen machten.
So schließt sich der Kreis der vier historischen Konstanten, mit dem ich begonnen habe. Drei von ihnen sind hinweggefegt, umso dringender bleibt diese eine: die europäische Einheit. Ein geschlossenes und starkes Europa, das nicht länger nur ein Auftrag unserer Vergangenheit ist, sondern der geopolitische Imperativ dieser Zeit.
Die Kommissionspräsidentin hat den Angehörigen des Europäischen Auswärtigen Dienstes kürzlich ins Stammbuch geschrieben: Europa soll eine Großmacht sein. Ein großes Wort! Mir geht es nicht darum, ob das realistisch ist. Mir geht es vielmehr um die Frage: Was für eine Macht will Europa sein?
Europa kann nicht machtvoll sein, wenn wir uns dem Zeitgeist der Rücksichtslosigkeit anpassen. Wir können das nur, indem wir diesem Zeitgeist entgegenstehen! Wir müssen militärisch stärker werden, sehr viel stärker. Aber das allein wird nicht reichen. Wir müssen stärken, was uns stark gemacht hat. Das vereinte Europa hat Wohlstand, Frieden, Freiheit und kulturelle Strahlkraft, weil wir Rücksicht nehmen. Weil Rücksichtnahme in Europa zur DNA gehört: Rücksicht aufeinander, auf gegenläufige Interessen und deren Ausgleich, auf Recht und Regeln, auf Geschichte und nationale Prägungen. Erhalten wir diesen europäischen Reflex. Und wer soll das tun, wenn nicht Sie hier in diesem Hause!
Ich bin gerade 70 geworden und kann berichten: Das Alter hat wenige, aber durchaus einige Vorzüge. Zum Beispiel, dass man etwas gelassener wird im Angesicht kurzatmiger politischer und medialer Konjunkturen. Allein in der Zeitspanne seit 1998, in denen ich Außenpolitik begleiten und später mitgestalten durfte, hat die Kommentierung unserer Außenpolitik erstaunliche Pendelausschläge erlebt. Ich erinnere mich an Zeiten, da galt Diplomatie mit schwierigen Ländern als unanständig. An Zeiten, da galt alles Militärische als verdächtig oder fehlgeleitet. Zeiten, in denen jede Schraube am Radpanzer im Rüstungsexportbericht ausdrücklich begründet werden musste und trotzdem auf erbarmungslose Kritik stieß. 2014, als ich in Wales das Zwei-Prozent-Ziel der NATO unterstützte, war die öffentliche Zustimmung im Heimatland überschaubar. Deutschland wollte Friedensmacht sein, ohne militärische Stärke, aber mit kluger Diplomatie die Welt prägen.
Heute ist das Pendel in die andere Richtung ausgeschlagen: Hinweise aufs Völkerrecht seien naiv, Diplomatie wirkungslos, auswärtige Kulturpolitik verzichtbar, einzig auf militärische Stärke komme es an. Ich reibe mir manchmal die Augen, wenn ich Medienkommentare lese, die klassische Diplomatie als lahmen Arm einer mutigen, auf militärische Stärke gegründeten Außen- und Sicherheitspolitik abtun.
Es ist Zeit, dass wir eine erwachsene Haltung zum Verhältnis von militärischer Stärke und außenpolitischer Klugheit entwickeln. Eine, wie sie in anderen Ländern selbstverständlich ist: dass nämlich das eine, die militärische Stärke, ohne das andere, die außenpolitische Klugheit, nicht auskommt.
Liebe Angehörige des Auswärtigen Dienstes, umso mehr will ich Sie heute ermutigen: Verlieren Sie den Kompass nicht! Sie wissen, dass deutsche Außenpolitik immer vier Pfeiler brauchen wird: militärische Stärke, um ernst genommen zu werden; kluge Diplomatie, um Lösungen zu entwerfen und Allianzen zu schmieden; auch Soft Power – Kultur, Wirtschaft, Wissenschaft - als Anziehungskraft für die Welt da draußen; und: internationale Ordnung als Rahmen und Richtung.
Ich bitte Sie: Verlieren Sie diesen Kompass nicht, wenn heute die politische Weltkarte neu vermessen wird. Seien Sie ein Auswärtiger Dienst ohne Überheblichkeit, aber mit Selbstbewusstsein! Sie haben so viel Grund dafür, so viele Vorbilder in 75 Jahren Amtsgeschichte: Die Ersten, die dieses Amt mit seiner schweren, auch personellen Hypothek auf einen neuen demokratischen Weg brachten; auch die ersten Frauen, wie Ellinor von Puttkamer, die es geschafft haben, ein durch und durch männlich geprägtes System zu durchbrechen; die Zeugen der Weltgeschichte, wie diejenigen 1989, die unter dem Balkon in Prag, von dem Genscher sprach, wochenlang tausende Deutsche aus der DDR auf dem Botschaftsgelände versorgten; oder ihre Kollegen aus West und Ost, die einen Sommer später in langen Verhandlungsnächten das Glück der Deutschen Einheit im Zwei-plus-Vier-Vertrag verfestigten; die Krisenbewältiger, an Kriegs- und Konfliktposten rund um die Welt, von den Konvois in Bosnien in den 1990ern bis zu den traumatischen Momenten am Kabuler Flughafen, und leider auch ganz aktuell wieder, in der Ukraine und im Mittleren Osten; und natürlich immer wieder die vielen Tüchtigen, wie jene 2020, die zu Beginn der Corona-Pandemie eine Viertelmillion Deutsche aus aller Welt nach Hause holten, aber dafür wochenlang selbst kaum nach Hause kamen.
Ich danke Ihnen und allen, die den Auswärtigen Dienst mit so viel Herzblut und Hingabe verrichten.
Liebe Beschäftigte, wie die Welt von morgen aussieht, weiß niemand – auch ich nicht. Ich weiß nur: Es gibt kein Zurück in die 1990er Jahre, aber ebenso wenig ins 19. Jahrhundert. Deutschland wird nicht Kern des welthistorischen Geschehens sein, aber wir werden auch nicht unabwendbar an den Rand gedrängt. Es gibt schlicht keine historischen Blaupausen für den geopolitischen Moment, an dem wir stehen. Welch aufregender Moment, um Teil des Auswärtigen Dienstes zu sein. Ein Dienst, der sich so oft neu erfunden hat, der kann und wird es wieder tun. Stellen Sie es gut an! Und vertrauen Sie auf Ihren Kompass!