Redezeit

»Die Partei fürchtet sich«

»Das Erlebte entscheidet bei der Frage, ob jemand etwas Interessantes mitzuteilen hat«: Andrej Hermlin Foto: swingdanceorchestra.de

Herr Hermlin, gestatten Sie eine etwas uncharmante Frage: Ist es mit 45 Jahren nicht ein wenig früh, seine Memoiren zu schreiben?
Nun, wenn Sie bedenken, dass es mittlerweile etliche 17- und 18-Jährige gibt, die ihre Lebensgeschichte zu Papier bringen, liege ich mit meinem Buch ungefähr im Mittelfeld. Spaß beiseite, nicht das Alter, sondern das Erlebte entscheidet bei der Frage, ob jemand etwas Interessantes mitzuteilen hat. Es gibt zum Beispiel Menschen, die werden 90 Jahre alt und haben nicht so viel zu erzählen wie ein 30-Jähriger, der trotz seines vergleichsweise jungen Alters schon viel mitgemacht hat.

Was hat Sie bewogen, Ihre Autobiografie zu schreiben?
Der Gedanke war, dass meine Kinder – respektive die noch nicht vorhandenen Enkelkinder – vielleicht irgendwann einmal nachlesen möchten, wie ihr Vater oder eben Großvater seine doch sehr ungewöhnliche Kindheit und Jugend in der DDR erlebt hat.

Ihr Vater Stephan Hermlin war dort einer der namhaftesten Schriftsteller. Im Gegensatz zu anderen Kindern im »Arbeiter- und Bauernstaat« hatten Sie eine außerordentlich privilegierte Kindheit. War Ihnen das damals schon bewusst?
Ab einem gewissen Alter habe ich selbstverständlich mitbekommen, dass sich meine Kindheit von der meiner Mitschüler gravierend unterschied. In finanzieller Hinsicht – und auch in jeder sonstigen – waren wir zwar weder besser noch schlechter gestellt als andere Familien. Unser großes Privileg jedoch war die Möglichkeit, das Land in Richtung Westen verlassen zu dürfen. Das war eine außerordentliche Ausnahmeerscheinung. Vermutlich gab es nicht mehr als fünf bis zehn andere Kinder in der DDR, denen diese Begünstigung zuteil wurde.

Begegnete man Ihnen deswegen mit Neid oder Missgunst?
Ja, das kam durchaus vor. Es hat in der Schule zu einer gewissen Form der Isolation geführt, heute würde man dazu neudeutsch »Mobbing« sagen. Das war für mich sehr schmerzhaft und unangenehm.

Viele Söhne bedeutender Väter wie Walter Kohl, Lars Brandt oder Klaus Mann berichten in Büchern davon, dass es für sie schwierig war, im Schatten des übermächtigen Vaters aufzuwachsen. Können Sie das nachvollziehen?
Ich hatte nie den Eindruck, im Schatten meines Vaters zu leben – außer, wenn er von der Sonne angestrahlt wurde und ich zufällig neben ihm stand (lacht). Was Bücher wie jenes von Walter Kohl betrifft: Es ist für mich nicht ganz angenehm, diese Werke zu lesen.

Warum?
Es ist doch völlig klar, dass es Nachteile mit sich bringt, Sohn eines Regierungschefs zu sein. Sicherlich hadert ein Zehnjähriger dann mit seinem Schicksal, aber als Erwachsener sollte man das Ganze einzuordnen wissen und nicht mehr darunter leiden. In meinem Fall schon gar nicht, denn mein Vater und ich hatten ein ganz und gar herzliches Verhältnis.

War das Judentum bei Ihnen zu Hause ein Thema?
Mein Vater war kein religiöser Jude, deswegen spielte der Glaube bei uns keine Rolle. Aber im Rahmen der Erzählungen meines Vaters über seine Erlebnisse nach der Machtübernahme der Nazis kam das Judentum durchaus zur Sprache. Sinngemäß hat er des Öfteren gesagt, er sei als assimilierter Jude durch die Antisemiten stets daran erinnert worden, wer er sei. Auch ich wurde in der DDR daran erinnert …

… obwohl es in der DDR offiziell natürlich keinen Antisemitismus gab.
Wenn man Honecker und Co. damals alles geglaubt hätte, was es in der DDR angeblich nicht gab, hätte man sich in einem gänzlich anderen Land geglaubt. Natürlich existierte ein als Antizionismus und Unterstützung der PLO getarnter Widerwillen gegen Israel und die Juden! Und genauso wie in der Bundesrepublik fanden sich auch in der Bevölkerung, vom einfachen Handwerker bis zum hohen Funktionär, antisemitische Ressentiments.

Vergangene Woche gab es eine Aktuelle Stunde im Bundestag zum Thema Antisemitismus in der Linkspartei. Mit welchen Gefühlen verfolgen Sie als langjähriges Linke-Mitglied den Umstand, dass antisemitischen Positionen in Ihrer Partei weit verbreitet sind und von der Führung geduldet werden?
Ich glaube, dass es sich dabei nicht um neue Tendenzen handelt. Diese Dinge hat es in der Linken leider immer schon gegeben. Ich erinnere mich zum Beispiel mit Schrecken daran, wie mir ein nicht unbedeutender Funktionär der damaligen PDS und Mitglied der »Kommunistischen Plattform« Anfang der 90er-Jahre bei einer Podiumsdiskussion sagte: »Das Schlimmste, was den Juden in ihrer Geschichte widerfahren ist, ist die Staatsgründung Israels!« Aber: Diverse Studien belegen, dass rund 20 bis 30 Prozent der Deutschen antisemitische Einstellungen haben, wenn nicht gar noch mehr. Die Anhänger der Linkspartei unterscheiden sich in diesem Zusammenhang nicht vom Rest der Bevölkerung.

Teilen Sie den Eindruck, dass nicht wenige Linke-Politiker ihre antisemitischen Positionen als legitime Kritik an Israel zu verkaufen versuchen?
Ja, das ist die feige Spielart des linken Antisemitismus. Diese Leute geben nicht zu, dass sie antisemitisch sind - zum Teil auch deswegen, weil sie sich ihrerseits nicht dafür halten. Faktisch indes ist es absolut irrelevant, ob jemand sich selbst als Antisemit bezeichnet oder nicht, wenn er es objektiv ist. Zumindest kommt es mir verdächtig vor, dass Teile der Linken beim Thema Israel zu einer derart großen Emotion fähig sind, während sie bei Menschenrechtsvergehen im Gazastreifen durch die Hamas beharrlich schweigen.

Ist es für Sie als Linker nicht ein Problem, mit ebendiesen Menschen in einer Partei zu sein?
Noch einmal: Ich relativiere den Antisemitismus in der Linken keineswegs, glaube aber, dass er weder stärker noch schwächer vertreten ist als in anderen deutschen Parteien oder Milieus. Unabhängig davon zeigt sich, dass die Führung der Linken in dieser Frage bisher keineswegs überzeugend agiert hat.

Inwiefern?
Es sollte völlig klar sein, dass jemand bereits am nächsten Tag nicht mehr Mitglied der Partei sein darf, wenn er sich antisemitisch geäußert hat. Mein Eindruck ist, dass man Angst davor hat, sich in dieser Hinsicht kritisch zu hinterfragen, weil man sich vor den Antworten fürchtet. Die Parteiführung täte gut daran, sich auf ein Zitat von Lenin berufen.

Das da lautet?
Lenin hat sinngemäß gesagt: Dort, wo auch nur der Hauch der Pest des Antisemitismus existiert, kann kein Sozialismus sein. Ein Zitat, das öffentlich in der DDR nicht zitiert wurde, von meinem Vater persönlich dagegen umso häufiger.


Andrej Hermlin wurde 1965 als jüngstes Kind von Stephan Hermlin geboren. Er studierte an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin und gründete 1987 das heute 14-köpfige Swing Dance Orchestra. Als Komponist und Texter, Bandleader und -manager sowie Vater von drei Kindern lebt er in Berlin. Seine Autobiografie »My Way. Ein Leben zwischen den Welten« erscheint im Aufbau Verlag.

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