Dokumentation

»Die Bundesregierung macht sich angreifbar für Relativierungen«

»Deutschland muss fest an Israels Seite stehen«: Josef Schuster appelliert an die Bundesregierung Foto: Marco Limberg

Dokumentation

»Die Bundesregierung macht sich angreifbar für Relativierungen«

Zentralratspräsident Schuster wendet sich in seiner Gemeindetags-Rede direkt an Bundeskanzler Scholz

 16.12.2023 20:21 Uhr

Kwod Harabanim,
sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
sehr geehrte Teilnehmer des Gemeindetages,

ich freue mich, Sie, lieber Herr Bundeskanzler, in den Reihen des Gemeindetages 2023 des Zentralrats der Juden in Deutschland begrüßen zu können. Ihr Kommen bedeutet den mehr als 1400 Mitgliedern der jüdischen Gemeinden, die Sie hier sehen, sehr viel. Wir wissen es zu schätzen, dass Sie in Zeiten stürmischsten politischen Fahrwassers zu uns kommen.

Es mag einerseits an Ihrer hanseatischen Ruhe liegen, anderseits haben Sie gerade in den vergangenen Wochen seit dem 7. Oktober mit aller Deutlichkeit klargemacht, dass Ihr Platz an der Seite der jüdischen Gemeinschaft ist und so empfinde ich auch Ihren Besuch heute vor allem als Zeichen dieser Solidarität.

Herr Bundeskanzler, Sie waren als erster westlicher Regierungschef nach dem 7. Oktober in Israel. Sie wollten sich ein Bild machen von dem Grauen und Schrecken; von den tiefen Wunden, die die Hamas in der Seele Israels und des jüdischen Volkes hinterlassen hat. Und ich spüre Ihre Ergriffenheit, ihren Ernst, wenn wir über diese Themen sprechen.

Am 9. November haben Sie mir in der Synagoge in der Brunnenstraße zugestimmt, als ich sagte, es ist etwas aus den Fugen geraten in diesem Land, wenn nach dem Horror des 7. Oktobers zahlreiche Menschen mit arabischem Migrationshintergrund auf die Straße gehen und diesen barbarischen Akt des Terrors feiern.

Sie haben Konsequenzen angekündigt und sind dabei sie umzusetzen – wir unterstützen Sie dabei bis zum Ende dieses Weges! An Universitäten und im Kunstbetrieb – an Orten, die sich meist selbst für äußerst zivilisiert halten – wird Judenhass so offen ausgelebt wie selten in diesem Land.

Die Schulen sind ein Ort der Unsicherheit und der Angst für jüdische Schüler geworden – das ist beschämend! Antworten darauf sehe ich noch keine. Ein möglicher Hebel wäre gewesen, das Leugnen des Existenzrecht Israels gesetzlich unter Strafe zu stellen, aber ich habe auf der Justizministerkonferenz miterleben müssen, dass es für diesen klaren Schritt keine Mehrheiten gibt. Stattdessen wird im Land des »Nie wieder ist jetzt« erstmal abgewartet. »Nie wieder« ist also doch zuweilen eher irgendwann.

Und das gilt leider auch für den Platz, den die Bundesregierung in den Vereinten Nationen einnimmt. Er ist nicht an der Seite Israels, sondern wabert zwischen den Stühlen. Er ist nicht bei den USA. Wenn aber aus Washington aus dieser Position der unverbrüchlichen Solidarität mit Israel auf der großen Bühne dann der Extremismus der Siedler im Westjordanland – wie ich finde, zu recht – kritisiert wird, dann ist Deutschland wieder ganz schnell dabei. Die Bundesregierung macht sich damit angreifbar für Relativierungen – bitte seien Sie sich dessen stets bewusst.

Israel und die Hamas sind keine gleichzusetzenden Konfliktparteien. Die Hamas ist eine barbarische Terrororganisation und Israel ist als einzige Demokratie im Nahen Osten ein Vorposten der westlichen Freiheit.

Deutschland muss fest an Israels Seite stehen. Das Land gleicht dem unseren in Herrschaftssystem und Gesellschaftsform so wie kein anderes in der Region. Wir glauben gemeinsam an die Freiheit des Einzelnen, die Liberalität der Gesellschaft und dass die Würde des Menschen über allem steht.

Viele der Menschen hier im Saal haben in den vergangenen Wochen die Kampagne des Zentralrats »Israel verteidigt uns« unterstützt, mit der wir Spenden für die Association for Israel’s Soldiers gesammelt haben. 150.000 Euro konnten wir am Ende überweisen - für Hygiene-Kits, die die Soldaten zu Beginn ihres Einsatzes erhalten. Wir dürfen nicht vergessen: Israel verteidigt unsere Art zu leben, Israel verteidigt auch unserer Freiheit, Israel verteidigt uns!

Herr Bundeskanzler, Sie haben bei der Gedenkstunde zum 9. November auch Martin Niemöller zitiert, der vor einer schrittweisen Zerstörung des Gemeinwesens gewarnt hat, sollte eine Gesellschaft in ein »wir« und ein »die da« abdriften. Ich stimme Ihnen uneingeschränkt zu, lieber Herr Bundeskanzler.

Wir Juden verwehren uns einer Aufteilung der Gesellschaft in abgeschlossene Gruppen, an deren Ende immer Spaltung steht. Das ist das Geschäft der anderen. Es gibt auch nicht die Juden und die Muslime, wie ich es leider auch von in diesem Land verantwortlichen Politikern manchmal lese.

Wir – die jüdische Gemeinschaft – treten ein für eine offene Gesellschaft. Wir treten gerade nach den verstörenden Bildern nach dem 7. Oktober gegen eine Pauschalisierung der Muslime in diesem Land ein.

Aber wir Juden, wir weichen auch nicht zurück. Wir geben nicht klein bei, im Gegenteil. Dieser Gemeindetag, der Sie heute empfängt, ist ein starkes Zeichen des jüdischen Zusammenhalts. Wir sind selbstbewusst. Wir wollen frei leben in Deutschland, unserem Land. Wir wollen »Zusammen leben« – so haben wir das Motto dieses Gemeindetags gewählt und so soll es in das Land hinausgetragen werden.

Wir werden jetzt erst recht, im Wissen und in der Demut der schrecklichen Bilder aus Israel, ein Fest der Jüdischkeit feiern. Wir lassen uns von dem Terror nicht das Leben bestimmen, aber wir blenden ihn auch nicht aus. Auch wenn unsere Herzen schwer sind, lassen wir es nicht zu, dass die Narrative der Terroristen gewinnen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Ukrainereise

Prien bei Gedenken in Babyn Jar: Erinnerung verpflichtet uns

Bundesfamilienministerin Prien ist in die Ukraine gereist. Am heutigen Dienstag sprach sie beim Gedenken an die ermordeten Juden in Babyn Jar. Sie betonte auch, Deutschland stehe weiter an der Seite der Ukraine

von Birgit Wilke  06.10.2026

Fokus

Aktionswochen gegen Antisemitismus gestartet - Zahlen zu Hochschulen

Die bundesweiten Aktionswochen gegen Antisemitismus nehmen dieses Jahr die Lage an den deutschen Universitäten in den Blick. Die Amadeu-Antonio-Stiftung nennt erhobene Vorfallszahlen - und stellt Forderungen

von Daniel Zander  06.10.2026

Sachsen-Anhalt

Bitterer Vorgeschmack

Die heutige Wahl des ersten AfD-Landtagspräsidenten zeigt, wie die rechtsextreme Partei im Dezember auch den Ministerpräsidenten stellen könnte

von Mascha Malburg  06.10.2026 Aktualisiert

Dialog

Zwischen Vatikan und Juden geht nach dem 7. Oktober kaum noch was

Seit Jahrhunderten ist das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und Juden turbulent. Nach einem Zwischenhoch unter Johannes Paul II. kühlte es wieder ab. Und seit dem Gazakrieg nähert es sich einem neuen Tiefpunkt

von Ludwig Ring-Eifel  06.10.2026

Berlin: das Rote Rathaus mit Fernsehturm im Hintergrund

Glosse

Ein Coach berät die Berliner Linke

Unser Autor ist Psychologe, Coach und Berater. Der Linkspartei und ihrer Regierenden Bürgermeisterin in spe, Elif Eralp, hilft er an dieser Stelle kostenlos

von Louis Lewitan  06.10.2026

Düsseldorf

Nach Angriff auf Juden: Polizei veröffentlicht Fahndungsfoto

Die Tatverdächtigen sollen einen Mann verprügelt haben, weil der ein T-Shirt mit »IDF«-Schriftzug getragen hatte

 06.10.2026

Sachsen-Anhalt

Tobias Rausch zum ersten AfD-Landtagspräsidenten gewählt

Er ist jetzt der protokollarisch ranghöchste Politiker in Sachsen-Anhalt. Nach ihrem Wahlsieg im September stellt die AfD mit Tobias Rausch den Landtagspräsidenten.

 06.10.2026

Essay

Der 7. Oktober und das Ungeheuer

Damals ist das Ungeheuer namens Judenhass neu ausgebrochen und wütet seitdem mit einem Furor, dem wir fassungslos gegenüberstehen. Sein Appetit ist ungebrochen, und es wird täglich gefüttert

von Esther Schapira  06.10.2026

Aufruf

Buchpreis-Trägerin Shida Bazyar warnt vor AfD

Shida Bazyar ist mit dem diesjährigen Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. In einem Vorab-Interview äußerte sie sich auch politisch

von Anita Hirschbeck  06.10.2026