Neuerscheinung

Der völkische Antikapitalist

Wenn ein Politiker fordert, den »gegenwärtigen Finanzkapitalismus« zu überwinden, da man sonst »diesen wunderbaren Planeten gegen die Wand« fahren würde oder ankündigt, die »Errungenschaften von 150 Jahren Arbeiterbewegung gegen die zerstörerischen Kräfte des Raubtierkapitalismus verteidigen« zu wollen, würden viele wohl nicht an die AfD denken. Tatsächlich stammen beide und viele andere ähnliche Zitate von Björn Höcke. Den ersten Satz sagte der Thüringer Landeschef der Rechtsaußen-Partei im Dezember 2014, den zweiten im November 2017. In seinem 2018 erschienenen Buch fordert Höcke seine Partei sogar dazu auf, eine »kapitalismusüberwindende Position« einzunehmen.

Björn Höckes Antikapitalismus ist in der Berichterstattung über die AfD ein bislang selten beachtetes Phänomen. Im Buch »Höcke – Ein Rechtsextremist auf dem Weg zur Macht – Die AfD und ihr gefährlichster Vordenker«, das am 15. September im Herder-Verlag erschienen ist, wird er daher einer ausführlichen Analyse unterzogen. Es ist ein Antikapitalismus, der als regressiv, völkisch und strukturell antisemitisch beschrieben werden muss und daher an den Antikapitalismus der »Konservativen Revolution« sowie der Nationalsozialisten erinnert. An dieser Stelle findet sich eine stark gekürzte Version des entsprechenden Buchkapitels.

Trennung zwischen »gutem« und »schlechtem« Kapital

Sieht man sich Höckes Definition von Kapitalismus an, wird deutlich, dass er nicht das Wirtschaftssystem als solches angreift. Ihm geht es auch nicht um Ausbeutung und Entfremdung, für die linke Theoretiker den Kapitalismus verantwortlich machen. Er betont, die Linken hätten den Sozialstaat »extremisiert«, man werde daran »Abstriche machen müssen«. Und er nimmt in seiner antikapitalistischen Rhetorik stets eine moralische Trennung zwischen »gutem« und »schlechtem« Kapital vor, zwischen der Produktions- und der Finanzsphäre. Diese unlogische Trennung richtet sich im Gegensatz zur Marxschen Theorie nicht grundsätzlich gegen die Eigentumsverhältnisse, sondern lediglich gegen das »Finanzkapital«. Die Trennung ist in Höckes Kapitalismusanalyse zentral – und anschlussfähig für Antisemitismus.

Die Trennung zwischen gutem, »schaf­fen­den« Kapital – der ein­hei­mi­schen Real­wirt­schaft – und dem schlech­ten, »raf­fen­den« Kapital – dem globalen Finanz­sek­tor und Bör­sen­han­del, tauchte bereits Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts im völkisch-nationalistischen Milieu auf und wurde im Nationalsozialismus zu einem wichtigen ideologischen Baustein. Ersteres galt als »ehrliche, deutsche Arbeit«, zweiteres als »jüdisch«, »parasitär« und »zerstörerisch«. 

»Unser Geldsystem ist todkrank und der Finanzkapitalismus, der uns in seinen Klauen hält, ist völlig entartet.«

björn höcke im august 2019

Höcke spricht nicht wörtlich von »schaffendem« und »raffendem« Kapital, trennt aber ebenfalls moralisch zwischen Real- und Finanzkapital. »Der Kasinokapitalismus ist nicht Marktwirtschaft«, schreibt er etwa im März 2016. Er verwendet in diesem Zusammenhang auch andere Begriffe, die von den Nationalsozialisten geprägt worden waren – und er konstruiert eine populistische Gegenüberstellung. »Unser Geldsystem ist todkrank und der Finanzkapitalismus, der uns in seinen Klauen hält, ist völlig entartet«, sagt er im August 2019. »Wir stehen nicht an der Seite der Reichen und Gierigen, wir stehen an der Seite der Fleißigen und Sparsamen!« Im September 2020 spricht Höcke von einem »Geldmachtkomplex« und »globalen Eliten«, die »Gleichschaltung« wollten, »ohne Kulturen und Nationen«.

Höckes Trennung zwischen Marktwirtschaft und Kapitalismus wird auch deutlich, wenn er in seinem Buch über den US-Präsidenten Donald Trump schreibt, dieser sei »als Immobilienunternehmer viel bodenständiger und konservativer als die internationalen Finanzhaie, die dem modernen Kasinokapitalismus verfallen sind«. Ein »ungebändigter Kapitalismus« zerstöre »neben dem sozialen Zusammenhalt langfristig auch die Völker und Nationen«. Und wieder: Hier der ehrliche und patriotische Unternehmer, da die transnationale Elite, entmenschlicht als räuberische Wesen. 

Höcke versteht das Volk als homogene Einheit

Passend dazu behauptet Höcke im November 2017 in einer Rede in Leipzig, die »internationalen Eliten« führten »gegen die Völker einen stummen, erbarmungslosen Krieg«. Die »Agenda des globalen Großkapitals« sei es, »gewachsene solidaritätsstiftende Gemeinschaften zu zerstören«. Die nicht konkret benannte Gegenseite erscheint als sittenlos, verräterisch und unmoralisch. Im Mai 2019 wird Höcke deutlicher, wenn er mit Bezug auf den jüdisch-ungarischen Finanzinvestor von einem »völkerauflösenden und als pervers zu bezeichnenden Geist eines George Soros« spricht. Das Volk als homogene Einheit, deren »Zerstörung« beklagt wird, erinnert an NS-Propaganda – hier natürlich mit konkreter Benennung der vermeintlich Verantwortlichen. »Der Jude« sei »ein Dämon der Völkerzersetzung, das Symbol der dauernden Zerstörung der Völker«, heißt es etwa in einer Rede von Adolf Hitler aus dem Mai 1923. 

Während sich in der marxistischen Theorie Arbeiter und Kapitalisten gegenüberstehen, bestehen die Antagonisten im völkischen Antikapitalismus aus der ehrlichen deutschen Arbeiterklasse sowie der deutschen Wirtschaft auf der einen Seite und der »Hochfinanz« auf der anderen. Unterschiede zwischen Arbeitern und Unternehmern werden von völkischen Antikapitalisten nivelliert. Das passt dazu, was der Völkische Beobachter 1925 formulierte: »Deutscher Geist und arische Schöpferkraft einerseits und internationaler Finanzkapitalismus und jüdische Händler und Raffgier andererseits«. Und es passt zum Lob deutscher Arbeiter und deutscher Unternehmer durch Björn Höcke. Der deutsche Facharbeiter »will schaffen, er sieht die Arbeit, und er denkt selber mit«, sagt er bei einer Rede am 1. Mai 2017 in Erfurt. Gleichzeitig lobt er die »verantwortungsbewussten deutschen Unternehmer«, etwa »Leute wie Trigema-Chef Wolfgang Grupp«. Über ihn sagt Höcke in der Rede: »Er lebt die persönliche Verantwortung des Unternehmers, er lebt Gemeinschaftssinn. Damit stellt er sich gegen die amerikanische Hire-and-Fire- und Make-Money-Mentalität. Dieser Unternehmer ist ein aufrechter Kämpfer gegen den Ausverkauf deutscher Ideen und Werte an die neoliberalen Wanderheuschrecken.« 

Das Bild der »Krake« wurde in antisemitischen Karikaturen im Nationalsozialismus als entmenschlichendes Symbol für Juden verwendet.

Diese Metapher der Heuschrecken verwendet Höcke mehrfach. Am 1. Mai 2018 spricht er von »internationalen Großinvestoren«, die als »Anteilseigner an den deutschen Industrieunternehmen« an die Stelle von »deutschen Großbanken und deutschen Versicherungen« getreten seien; »die wir als Heuschrecken bezeichnen und die nur kurzfristigen Gewinnerzielungsabsichten dienen«. Insbesondere die »New Yorker Investmentbanker witterten Milliardengewinne, wenn sie diese Deutschland-AG erstürmen könnten und das gelang ihnen«. 

Die Bildsprache ist eindeutig: Ausländische Heuschrecken kommen, fressen alles kahl und ziehen weiter. Die »Heuschrecke« steht also für ein bedrohliches Gegenprinzip zu vermeintlich organisch gewachsenen Traditionsunternehmen, die in dieser Sichtweise mit Gemeinschaft und Sozialverträglichkeit verbunden werden. Zumindest strukturell erinnert dies an die entmenschlichende und antisemitische Bildsprache der Nationalsozialisten. Diese stellten Juden als Abscheu und Angst auslösende Ungeziefer dar, die Deutschland vernichten wollten – also ebenfalls als entmenschlichte, fremde Macht, die zerstörerisch und ausbeuterisch agiert.  

Eine ungreifbare Macht, die angeblich »alle Völker« unterdrückt

In Höckes Kapitalismusanalysen klingen immer wieder solche Verschwörungsmythen und antisemitische Codes an. Im Januar 2019 spricht er von einem »internationalen Geldmachtkomplex mit seiner krakenartigen Machtstruktur«, der die europäischen Eliten »zu antinationalen Globalisten umgeformt« habe. Das Bild der »Krake« als kontrollierende Macht wurde in antisemitischen Karikaturen vor und während des Nationalsozialismus als entmenschlichendes Symbol für Juden verwendet, denen eine unsichtbare und manipulierende Übermacht unterstellt wurde. 

In anderen Reden wird Höcke noch deutlicher. Die neoliberalen Gedankenmodelle der »Globalisten« seien »das perfekte ideologische Vehikel, mit dem eine kleine Geldmachtelite ihre Interessen auf Kosten aller Völker der Welt durchzusetzen trachtet«, sagt er im November 2017. Es handle sich »lediglich um die Interessen einer winzigen Minderheit, letztlich der wenigen Hundert Letzteigentümer der miteinander verflochtenen internationalen Konzerne«. Auch die »korrumpierten politischen Klassen« zählten dazu. Ein Patriot, der das erkannt habe, habe »seinen wahren politischen Gegner erkannt«. 

Höcke personalisiert die neoliberale Ökonomie zu einem monolithischen, böswilligen »Projekt« einer kleinen Elite, die die Welt lenke. Und er polarisiert zwischen »Patrioten« und dem »wahren Gegner« – einer fremden und ungreifbaren Macht, die angeblich »alle Völker« unterdrückt. Der Antisemitismus nach Auschwitz äußert sich häufig in solchen verschlüsselten Codes. 

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Die »Elite« konstruiert Höcke zudem als wurzellos, auch das passt strukturell zu einem antisemitischen Ressentiment. Im Juli 2019 spricht er über die Dichotomie von »Somewheres« und »Anywheres«. Erneut klingt eine Trennung zwischen schaffendem und raffendem Kapital an. Zu den »Somewheres« zählten etwa Soldaten, Polizisten und mittelständische Unternehmer. Die »Somewheres« seien »die Leistungsträger« – und »all die Menschen mit einer geografischen Identität«. Die »Anywheres« seien hingegen die »Feinde der Somewheres«; »Die globalen Eliten, die morgens ein Meeting in Tokio haben, dann nachmittags zum Golfspielen in Singapur eintreffen, um am nächsten Tag am Abend im Liegestuhl auf der Sonnenterrasse in Sankt Moritz ihren Latte macchiato zu trinken. Diese globale Elite hat keine geografische Identität.« 

Solidarität könne allerdings nur dann entstehen, wenn man einen Menschen als »gleichgeartet identifiziert«, sagt Höcke. Diese Solidarität erzeuge Stärke – und Stärke ermögliche »Widerstand, der auch gegen willkürliche Eliten in Stellung gebracht werden« könne. Dann sagt er einen Satz, der Gemeinschaft beschwört, alle außerhalb gleichzeitig ausgrenzt, eine Verlusterzählung bedient und sein Machtstreben zusammenfasst: »Holen wir uns unser Land zurück!«

Dies ist ein stark gekürzter Auszug aus einem Kapitel des Buchs »HÖCKE – Ein Rechtsextremist auf dem Weg zur Macht – Die AfD und ihr gefährlichster Vordenker« von Frederik Schindler. Das Buch ist am 15. September 2025 im Herder-Verlag erschienen.

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