Berlin

Debatte um Organspende beschäftigt erneut den Bundestag 

Foto: picture alliance / CHROMORANGE

Erneut wird der Umgang mit Organspenden zu einem Thema im Bundestag. Am Donnerstagmittag steht im Parlament eine Debatte über eine grundsätzliche ethische Frage an: Braucht eine Organspende die ausdrückliche vorherige Zustimmung des Betroffenen? Oder kann der Staat davon ausgehen, dass fehlender Widerspruch des möglichen Spenders eine grundsätzliche Zustimmung bedeutet? Was hat es damit auf sich?

Wie ist Organspende in Deutschland geregelt?

Seit 1997 gilt in Deutschland eine Form der Zustimmungslösung: Eine Organentnahme nach dem Tod ist nur dann möglich, wenn der Betroffene vorher ausdrücklich zugestimmt hat, etwa durch einen Organspendeausweis. Erweitert wird die Regelung dadurch, dass auch die Angehörigen oder vom Verstorbenen dazu bestimmte Personen berechtigt sind, über eine Entnahme zu entscheiden, wenn keine eigene Stellungnahme vorliegt. Allerdings muss das im Sinne des Spenders geschehen.

Was heißt Widerspruchslösung bei Organspende?

Die Einführung der sogenannten Widerspruchslösung würde bedeuten, dass jeder Bürger potenziell Organspender ist - es sei denn, er hat zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen. 2020 hat der Bundestag eine solche Widerspruchslösung abgelehnt. Der Bundesrat sprach sich 2025 dafür aus. Nun liegt erneut der Antrag einer fraktionsübergreifenden Gruppe von Abgeordneten vor, die für eine Widerspruchslösung votiert, um die Zahl der Organspender zu erhöhen. In Spanien, dem Spitzenreiter bei Organspenden, gibt es seit vielen Jahren die Widerspruchslösung.

Warum kommt das Thema trotz Ablehnung erneut auf die Tagesordnung?

2020 hatte das Parlament ein Gesetzespaket zur Steigerung der Spenderzahlen beschlossen. Seitdem sollen die Bürger bei Behördenkontakten - etwa beim Ausstellen eines Ausweises - verstärkt mit dem Thema Organspende konfrontiert werden. Außerdem sollen Krankenkassen, Arztpraxen, Ausweisstellen und Fahrschulen beraten und informieren. Die Spenderzahlen sind zuletzt auch gestiegen, aber nicht im erhofften Ausmaß. Auch das vor einigen Jahren eingeführte Organspenderegister wird als zu kompliziert und umständlich kritisiert. Zudem soll mit der geplanten Gesundheitsreform für Hausärzte die Vergütung für Organspendeberatung wegfallen.

Wie funktioniert das Online-Register?

Bürger können in dem Register ihre Zustimmung oder ihren Widerspruch zur Organ- und Gewebespende dokumentieren und jederzeit ändern. Im Bedarfsfall können Krankenhäuser in der zentralen Datenbank hinterlegte Erklärungen suchen und abrufen. Bis Mitte Juni hatten sich allerdings nur 570.000 Menschen registriert. Der Zugang ist auch aus Datenschutzgründen sehr kompliziert: Man braucht einen Personalausweis mit Online-Ausweisfunktion, einen elektronischen Aufenthaltstitel oder eine eID-Karte. E-Mail-Adresse und Krankenversichertennummer sollte man ebenfalls parat haben.

Was soll die Widerspruchslösung bringen?

Befürworter wie die Deutsche Stiftung Organtransplantation oder die Bundesärztekammer verweisen darauf, dass die grundsätzliche Bereitschaft zur Organspende in der Bevölkerung hoch sei. De facto scheiterten viele Spenden aber bislang daran, dass bei über 50 Prozent der Bürger kein schriftlicher Wille vorliege und Hinterbliebene im Fall der Fälle vor einer Zustimmung zurückschreckten. Mit der Einführung einer Widerspruchslösung würde die Organspende der Normalfall.

Die Gegner der Widerspruchsregelung haben ebenfalls einen Antrag vorgelegt. Was fordern sie?

Eine interfraktionelle Gruppe um Michael Brand (CDU), Lars Castellucci (SPD), Ates Gürpinar (Linke), Kirsten Kappert-Gonther (Grüne) und Stephan Pilsinger (CSU) hält die Widerspruchsregelung für einen Eingriff in Grundrechte. Schweigen dürfe nicht als Zustimmung gewertet werden. Die Gruppe spricht sich für Freiwilligkeit, bessere Aufklärung mit einer groß angelegten Kampagne und leichtere, barrierefreie Dokumentation des eigenen Willens im Online-Register aus.

Lesen Sie auch

Auch außerhalb des Parlaments gibt es Kritiker der Widerspruchslösung. Wie argumentieren sie?

Sie verweisen darauf, dass im deutschen Gesundheitswesen jeder noch so kleine Eingriff der ausdrücklichen Zustimmung des Patienten bedürfe. Dieser Grundsatz dürfe auch durch die Organspende nicht durchbrochen werden. Sonst leide das Vertrauen in die Transplantationsmedizin, argumentieren etwa der ehemalige Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, der evangelische Theologe Peter Dabrock, und die Deutsche Stiftung Patientenschutz.

Wie äußern sich Religionsgemeinschaften?

Zu denjenigen, die die Widerspruchslösung ablehnen, gehören auch der Zentralrat der Juden, die katholischen Bischöfe und die evangelische Kirche. Sie befürworten die Organspende, betonen aber, dass sie ein Akt der Nächstenliebe bleiben und auf einer ausdrücklichen persönlichen Entscheidung beruhen müsse.

Wie haben sich die Zahlen bei der Organspende entwickelt?

Die Bundesrepublik liegt im internationalen Vergleich im unteren Bereich der Organspende-Tabelle. Zuletzt kamen hierzulande auf eine Million Einwohnerinnen und Einwohner rund elf Spendende. In Ländern wie Spanien, Belgien oder Portugal liegen die Zahlen deutlich darüber, in Spanien zum Beispiel bei rund 50 Spendenden pro eine Million Menschen. Deutschland profitiert seit Jahren von Organspenden aus dem Ausland über das internationale Netzwerk Eurotransplant.

Wie sehen die Zahlen konkret aus?

2025 zeigte sich ein leichter Aufwärtstrend: Die Spenderzahlen in Deutschland kletterten auf den höchsten Stand seit 2012. Im vergangenen Jahr spendeten insgesamt 985 Menschen nach ihrem Tod ein oder mehrere Organe. Das sind 32 oder 3,4 Prozent mehr als 2024.

Gibt es weitere Möglichkeiten, um die Spenden zu erhöhen?

Experten argumentieren, dass eine Widerspruchslösung allein auch im internationalen Vergleich zu keiner besseren Spenderate geführt hat. Staaten wie Spanien, in denen es viele Organspender gebe, hätten erst mit grundlegenden Verbesserungen im Gesundheitssystem wirklich mehr Spender erhalten.

Welche Verbesserungen im Gesundheitssystem könnten das sein?

Ein wichtiger Ansatzpunkt ist die Durchführung der Organspende in Krankenhäusern. Der Bundestag hatte 2020 auch ein Maßnahmenpaket verabschiedet, um die organisatorischen Abläufe in den Kliniken und Transplantationszentren zu verbessern. Kritiker sagen, dieses Paket sei noch nicht ausreichend umgesetzt. Experten verweisen zudem darauf, dass etwa in Spanien erst eine positive gesellschaftliche Kultur der Organspende geschaffen worden sei. Der Fall der norwegischen Kronprinzessin Mette-Marit zeigt, dass einzelne Prominente die Haltung der Gesellschaft beeinflussen können. Nachdem bekannt geworden war, dass die Kronprinzessin dringend eine Spenderlunge brauchte, ist die Bereitschaft zur Organspende in Norwegen stark angestiegen.

Meinung

Reformprogramm der Bundesregierung: Auf schmalem Grat

Ein Sozialstaat, der Sicherheit verspricht und Misstrauen praktiziert, ist ein Signal für jene Kräfte, die von Angst und Spaltung leben

von Günter Jek  12.07.2026

Erfurt

Voigt: Gespräch über Simson-Sonderstatus mit der EU

Die auf eine jüdische Familie zurückgehenden Simson-Mopeds sind mehr als DDR-Nostalgie: Sie können mit Tempo 60 fahren und verheißen jungen Leuten Mobilität. Doch Reimporte müssen langsamer fahren. Worin das Problem liegt

 12.07.2026

München

Anne Applebaum: Darum sollten CDU und AfD nicht kooperieren

Die jüdische US-Historikerin befasst sich mit den Gefahren für demokratische Gesellschaften. Im Interview mit der »Süddeutschen Zeitung« legt sie ihre Position zu Deutschland und Europa dar

 12.07.2026

Teheran

Gespräche über Straße von Hormus enden ohne Durchbruch

Der Streit um die Straße von Hormus war diese Woche mehrfach militärisch eskaliert. Gespräche im Oman darüber enden zunächst ohne große Fortschritte

 12.07.2026

Washington

US-Militär: Angriffswelle im Iran beendet

In der Nacht haben die US-Streitkräfte laut eigenen Angaben rund 140 militärische Ziele im Iran angegriffen. Dabei habe es sich um einen Vergeltungsschlag gehandelt

 12.07.2026

Argentinien

Der jüdische Teil von Messi

Während im Internet Gerüchte über Lionel Messis Herkunft und Sympathien rumoren, erzählt der Sohn eines verstorbenen argentinischen Fußballfans eine besonders schöne Geschichte

von Sophie Albers Ben Chamo  12.07.2026

Bundesrat

Länder: Aufrufe zur Vernichtung Israels sollen strafbar werden

Der Bundesrat hat am Freitag einen Vorschlag Hessens gebilligt, wonach die öffentliche Leugnung des Existenzrechts Israels bestraft werden soll. Ob ihn die Bundesregierung aufgreift, ist noch unklar

von Michael Thaidigsmann  10.07.2026

Warschau

Vor 85 Jahren wurden die Juden von Jedwabne ermordet

Ein Massaker 1941 belastet das Verhältnis von Juden und Polen: Anstifter waren Deutsche, doch die Täter waren Polen. Ein Ex-Präsident hat zu dem Gedenktag eine klare Botschaft

 10.07.2026

Ramallah

Abbas kündigt Wahlen an

Der Chef der Palästinensischen Autonomiebehörde legt den 28. November als Termin für die Neuwahl des Parlaments fest, 2027 soll auch über die Präsidentschaft neu abgestimmt werden.

 10.07.2026