Olympia-Attentat

»Dass es 50 Jahre gedauert hat bis zu dieser Verständigung, ist beschämend«

Bundespräsident Steinmeier und Israels Staatspräsident Herzog am Sonntag in Berlin Foto: IMAGO/Christian Spicker

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat sich erleichtert über die Verständigung auf eine Entschädigung der Hinterbliebenen des Attentats auf israelische Sportler bei den Olympischen Spielen 1972 gezeigt. Zwar räumte er am Sonntag zu Beginn des dreitägigen Staatsbesuchs des israelischen Präsidenten Izchak Herzog in Deutschland ein: »Dass es 50 Jahre gedauert hat bis zu dieser Verständigung jetzt in den letzten Tagen, das ist in der Tat beschämend.« Er sei aber überzeugt, dass »dieses kein Fall bleibt, der in irgendeiner Weise die deutsch-israelischen Beziehungen für die Gegenwart oder Zukunft belastet«, sagte Steinmeier. 

Herzog erklärte bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Steinmeier, die Verständigung erlaube es, sich mit Fehlern und menschlichen Tragödien auseinanderzusetzen und daraus für die Zukunft zu lernen. Dem Terror dürfe »nicht erlaubt werden, den Gedanken der Olympischen Spiele zu stören«.

Am Montag will Steinmeier mit Herzog in Fürstenfeldbruck bei München an der Gedenkveranstaltung zum 50. Jahrestag des Olympia-Attentats teilnehmen. Damals hatten palästinensische Terroristen die israelische Mannschaft überfallen. Elf Mitglieder des Teams und ein Polizist wurden getötet, die meisten von ihnen bei der misslungenen Befreiungsaktion der Polizei am Fliegerhorst Fürstenfeldbruck.

Die Bundesregierung hatte sich mit den Hinterbliebenen nach jahrzehntelangem Streit erst kurz vor dem Jahrestag auf eine Entschädigungsleistung in Höhe von 28 Millionen Euro geeinigt. Damit war ein Eklat vermieden worden - zuvor war längere Zeit unklar, ob die Hinterbliebenen und Herzog an der Gedenkveranstaltung teilnehmen. Von Steinmeier wird erwartet, dass er sich in seiner Rede zur deutschen Verantwortung für die Ereignisse bekennen und die Hinterbliebenen um Entschuldigung bitten wird. 

Steinmeier, der Herzog schon lange kennt, zeigte sich am Sonntag »froh und erleichtert« über die Verständigung. Er sei Herzog sehr dankbar, dass dieser »immer Kanäle für mögliche Lösungen offengehalten« habe. »Wir beide begrüßen das Ergebnis der Gespräche.« Er wisse aber: »Nichts kann die tiefen Wunden aus den 50 Jahren heilen«, sagte der Bundespräsident.

Herzog sagte laut Übersetzung des Präsidialamtes, er danke Steinmeier »für die unerschütterliche moralische Verpflichtung gegenüber der historischen Gerechtigkeit«. Der persönliche Einsatz Steinmeiers habe letzten Endes einen Durchbruch ermöglicht. Herzog erzählte, der Onkel seiner Frau Michal sei damals ebenfalls in München bei den Spielen gewesen. Der Onkel sei nun 90 Jahre alt und habe erst an diesem Samstag begonnen, über seine Erlebnisse zu sprechen. »Er hat uns nie etwas davon erzählt«, sagte Herzog.

Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) erklärte in Berlin, den Angehörigen der elf Getöteten gelte sein tiefes Mitgefühl. Die schonungslose Aufarbeitung des Geschehens sei jahrzehntelang in beschämender Weise ausgeblieben. »Gut, dass sie nun geleistet wird. Verantwortung endet nicht; aus Schuld folgt bleibende Verpflichtung.«

Bei einem Staatsbankett zu Ehren von Herzog machte Steinmeier am Abend deutlich, dass er den Kampf gegen Antisemitismus als elementar für die Demokratie in Deutschland sieht. »Es erfüllt mich mit Zorn und es beschämt mich, dass Jüdinnen und Juden sich nach wie vor nicht sicher fühlen können – ausgerechnet in unserem Land«, sagte das Staatsoberhaupt laut Redemanuskript. Steinmeier betonte zudem: »Wir Deutsche bekennen uns unverbrüchlich zum Existenzrecht und zur Sicherheit Israels. Wir stehen an Ihrer Seite.« 

Der Bundespräsident hatte Herzog und dessen Ehefrau Michal mit militärischen Ehren im Schloss Bellevue in Berlin begrüßt. Dass Herzog der erste Staatsgast ist, den Steinmeier in seiner zweiten Amtszeit empfängt, wird als Beleg dafür gewertet, welche besondere Bedeutung die Beziehung zu Israel für den Bundespräsidenten besitzt.

An diesem Montag empfängt Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) den Staatsgast. Anschließend ist ein Gang Herzogs mit der Regierenden Bürgermeisterin von Berlin, Franziska Giffey (SPD), durch das Brandenburger Tor geplant. Am Dienstag (9.00 Uhr) will Herzog vor den Abgeordneten im Bundestag reden.

Lesen Sie mehr dazu in der kommenden Printausgabe der Jüdischen Allgemeinen.

Meinung

Notbremse gegen Antisemitismus

Die Hochschulleitungen müssen den Judenhass ihrer Mitarbeiter und Studierenden als das ernst nehmen, was er ist: eine Gefahr für jüdisches Leben in Deutschland

von Debora Eller  22.07.2026

Meinung

Herr Kretschmer, es gibt nichts mit der AfD zu bereden!

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer stellt einmal mehr die Brandmauer in Frage und will »mit jedem reden, der reden will«. Doch reden muss man allenfalls mit den Wählern der AfD

von Michael Thaidigsmann  22.07.2026

Österreich

Hitlers Geburtshaus ist nun eine Polizeistation

1889 kam der spätere Diktator Adolf Hitler im österreichischen Braunau am Inn zur Welt. Das Gebäude wurde in der Vergangenheit immer wieder von Neonazis aufgesucht. Damit soll Schluss sein

von Matthias Röder  22.07.2026

Washington D.C.

Berichte: Trump genehmigt Atom-Deal mit Saudi-Arabien

Die Nachricht fällt mit der Eskalation des Iran-Krieges zusammen. Kritiker warnen vor einem atomaren Wettrüsten in der instabilen Region

 22.07.2026

Meinung

Es reicht!

Im Angesicht der brutalen und mutmaßlich antisemitisch motivierten Gewalttat bei Würzburg muss endlich über Verantwortlichkeiten geredet werden

von Volker Beck  22.07.2026

Berlin

Bericht des Jüdischen Forums: 329 antisemitische Vorfälle bei Demonstrationen

Als durchgängiges Motiv nennt der Bericht den Ruf nach einer »Globalisierung der Intifada«

 22.07.2026

Berlin

Dobrindt kündigt baldige Nachfolge für Antisemitismusbeauftragten Felix Klein an

Klein selbst spricht sich für eine nahtlose Übergabe aus

 22.07.2026

Würzburg

Schuster sorgt sich um Brandmauer gegen die AfD

Im September wird in Sachsen-Anhalt gewählt. In Umfragen ist die AfD mit Abstand stärkste Kraft. Der Präsident des Zentralrats der Juden blickt mit Sorge auf die CDU

 22.07.2026

Augsburg

Acht Monate Haft für antisemitischen TikTok-Kommentar

»Adi warum hast du nicht alles ein Ende gebracht« soll der Verurteilte unter einen Beitrag der »Tagesschau« geschrieben haben

 22.07.2026