Berlin

Bericht: Wenn die Hautfarbe in der Eisdiele zum Problem wird

Bundespressekonferenz in Berlin: Ferda Ataman, Unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, stellt den Jahresbericht 2024 der Antidiskriminierungsstelle des Bundes vor. Foto: picture alliance / Chris Emil Janßen

Ein elfjähriges Mädchen kauft sich ein Eis, doch die Verkäuferin will ihr das Wechselgeld nicht geben. »Menschen wie dir traue ich nicht«, sagt die Frau. Das Kind hat eine dunkle Hautfarbe. Das Geld reicht die Eisverkäuferin lieber der Freundin des Mädchens. 

Es ist einer von 13.067 Fällen, die die Antidiskriminierungsstelle des Bundes im vergangenen Jahr registrierte - 15 Prozent mehr als 2024 und so viele wie nie zuvor. Der Anstieg kann auch daran liegen, dass mehr Menschen Expertenrat suchen, wenn sie sich wegen Hautfarbe, Religion, Behinderung, Geschlecht, Alter oder anderen Merkmalen benachteiligt sehen. 

Doch für die unabhängige Antidiskriminierungsbeauftragte Ferda Ataman zeigt gerade das eine »besorgniserregende Entwicklung«. Diskriminierung werde heftiger erlebt, weil sie offener als noch vor wenigen Jahren geäußert werde, sagte Ataman bei der Vorstellung ihres Jahresberichts 2025. Der Leidensdruck sei größer geworden.

Rassistisch oder antisemitisch motiviert

Anfragen wegen rassistischer oder antisemitischer Diskriminierung haben den größten Anteil in der Statistik: 4571 oder 43 Prozent aller Fälle fielen in diese Kategorie. In Atamans Jahresbericht ist es diesmal der Schwerpunkt. Seit 2021 hätten sich die Zahlen hier mehr als verdoppelt.

Ein weiteres Beispiel im Bericht: Ein Herr kauft sich im Laden einer großen Bekleidungskette ein Hemd, doch der Ladendetektiv stoppt ihn. Obwohl die Kassiererin den Kauf bestätigt, wird der Kunde durchsucht. Er sieht asiatisch aus - und sieht den Grund der falschen Verdächtigung in einer rassistischen Zuschreibung.

Ataman stellte klar, dass Diskriminierung nicht nur Randgruppen treffe. »Jeder Mensch kann im Laufe seines Lebens Benachteiligung erfahren«, sagte sie. »Dafür reicht es manchmal schon, zu jung zu sein oder zu alt, schwanger zu werden oder eine chronische Krankheit zu bekommen.« 

Geschlecht und sexuelle Identität

Von allen Anfragen bezogen sich 27 Prozent - 3015 Fälle - auf Benachteiligung wegen einer Behinderung oder einer chronischen Krankheit. 2.407 Menschen sahen sich wegen des Geschlechts benachteiligt, etwa 22 Prozent der Fälle. Altersdiskriminierung spielte in 1261 Anfragen eine Rolle, Religion in 733 und sexuelle Identität in 386. Bisweilen kommen mehrere Punkte zusammen, so etwa bei muslimischen Frauen, die Kopftuch tragen.

Lesen Sie auch

Geht es um Situationen, in denen Diskriminierung erlebt wird, liegt das Arbeitsumfeld an Nummer eins (3600 Anfragen), zum Beispiel wegen diskriminierender Stellenausschreibungen oder Absagen. Zweite große Gruppe sind Benachteiligungen beim »Zugang zu Gütern und Dienstleistungen«, also etwa das Einkaufen oder die Wohnungssuche.

Das alles ist in Deutschland verfassungsrechtlich verboten. »Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich«, heißt es in Artikel 3 des Grundgesetzes. »Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.« 

Rechtliche Ersteinschätzung

Das sogenannte Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz AGG von 2006 soll helfen, das praktisch durchzusetzen. Demnach kann man bei Diskriminierung in bestimmten Fällen zivilrechtlich auf Entschädigung klagen. Die Beratung bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes soll eine rechtliche Ersteinschätzung geben und Handlungswege aufzeigen. 

In der Praxis warten aber viele Hürden, wie Eva Andrades vom Antidiskriminierungsverband erläuterte. Die Menschen hätten nur zwei Monate Zeit, ihre Ansprüche geltend zu machen. Klagende müssten selbst Nachweise führen und etwa Zeugen suchen. Dabei sei es offen, ob ein Gericht das anerkenne. Als Entschädigung gebe es am Ende oft nur 500 bis 1000 Euro. »Das Problem ist das Rechtssystem, das die Verantwortung fast vollständig auf die Betroffenen verlagert«, sagte die Verbandsvertreterin.

Wie Andrades forderte auch Ataman eine umfassende Reform des AGG: eine Fristverlängerung auf mindestens zwölf Monate; das Recht für Verbände, Klagen stellvertretend für viele zu führen; ein Schutz vor KI-gestützten Formen der Diskriminierung wie die Vorauswahl von Bewerbungsunterlagen. Besonders wichtig ist Ataman die Einbeziehung von Diskriminierung durch staatliche Stellen. Letzteres mache ein Viertel der Beratungsanfragen aus, doch seien solche Fälle vom AGG nicht abgedeckt, sagte Ataman. 

Nachschärfung der Novelle gefordert

Anfang Mai hatte das Bundeskabinett eine AGG-Reform auf den Weg gebracht, die unter anderem eine Fristverlängerung vorsieht: Künftig soll man vier statt zwei Monate Zeit haben, um Ansprüche geltend zu machen. Ataman hält dies für zu kurz und die Novelle für unzureichend. Sie appellierte an den Bundestag, sie nachzuschärfen. Sorge vor einer Belastung von Unternehmen wies sie zurück. »Das AGG hat der Wirtschaft noch nie geschadet«, sagte Ataman.

Auch die Türkische Gemeinde in Deutschland drang auf eine umfassendere Reform des AGG statt nur »kosmetischer Verbesserungen«. Der Deutsche Caritasverband forderte auch in der Gesellschaft eine aktive Gegenwehr: »Populistisch aufgeheizte Debatten bergen das Potenzial neu entfachter und zunehmender Diskriminierungen – oft auf dem Rücken der Schwächsten.«

Epstein-Affäre

Cooper: Mandelson hätte nie Botschafter in USA werden dürfen

Die Berufung von Epstein-Freund Peter Mandelson zum diplomatischen Vertreter in Washington stürzte die britische Regierung in eine schwere Krise. Die britische Außenministerin meldet sich nun mit klaren Worten

 02.06.2026

Hannover

Zahl der antisemitischen Vorfälle auf Höchststand

Anders als nach früheren Eskalationen im Nahostkonflikt sei die Zahl antisemitischer Vorfälle anschließend nicht wieder zurückgegangen, sagt RIAS

 02.06.2026

Hintergrund

»Lady Gaza« kommt in die Schweiz

Ein sozialdemokratischer Abgeordneter hat die umstrittene französische Europaabgeordnete Rima Hassan nach Bern eingeladen und damit Empörung ausgelöst. Erste Stimmen fordern nun ein Einreiseverbot

von Nicole Dreyfus, Michael Thaidigsmann  02.06.2026

Jerusalem

»Global Intifada« veröffentlicht Karten zu Industrieanlagen für mögliche Sabotage

Ziel sei es, militärische Strukturen Israels zu schwächen – bis hin zu einer vollständigen Entwaffnung der Streitkräfte, so die Pro-Terror-Kampagne

 02.06.2026

Toronto

Mark Carney: »Unsere Gesellschaft versagt gegenüber jüdischen Kanadiern«

In der Synagoge »Holy Blossom Temple« kündigt der Premierminister neue Maßnahmen seiner Regierung gegen Judenhass an

 02.06.2026

Jerusalem

Israel kritisiert Ausschluss von Pariser Rüstungsmesse als politischen Affront

Frankreich befinde sich damit »wieder einmal auf der falschen Seite der Geschichte«, heißt es im israelischen Verteidigungsministerium

 02.06.2026

Washington

»You’re fucking crazy!«: Trump geht auf Netanjahu los

Die Hintergründe

 02.06.2026

Pilsen

Gericht ordnet Auslieferung von Neonazi Liebich an

Die Rechtsextremistin soll in nächster Zeit an die deutschen Behörden übergeben werden. Kann sie dies nach der Entscheidung des Landgerichts Pilsen noch verhindern?

von Michael Heitmann, Inga Jahn  02.06.2026

Teheran

Wieder Hinrichtungen nach Protesten im Iran

Die iranische Justiz wendet seit Monaten die Todesstrafe rigoros an. Im Zusammenhang mit den Massenprotesten von Januar werden viele Männer gehängt

 01.06.2026