Kommentar

Bedingt lernfähig

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei seiner Rede im Auswärtigen Amt Foto: picture alliance/dpa

Wenn es um die eigene Politik geht, kennt Frank-Walter Steinmeier (SPD) kaum Zweifel. Bei anderen ist der Bundespräsident nicht ganz so gnädig, vor allem gegenüber den Vereinigten Staaten. »Denn dieser Krieg ist völkerrechtswidrig – daran gibt es wenig Zweifel«, erklärte das Staatsoberhaupt mit Blick auf den Iran-Krieg in seiner Rede anlässlich des 75. Jahrestags der Wiedergründung des Auswärtigen Amtes, seinem früheren Arbeitsplatz. Für ihn sei der Krieg ein »Völkerrechtsbruch«, und das müsse man auch so sagen können, ansonsten verliere Deutschland an Glaubwürdigkeit.

Damit spricht Steinmeier einen wichtigen Punkt an, und zwar die Glaubwürdigkeit. Denn schaut man sich den gesamten Redetext des Bundespräsidenten an, fällt auf, dass außer Washington-Bashing etwas nicht zu finden ist: eine Verurteilung der Politik der Mullahs. Teheran kommt darin als Akteur, der eigenständig Entscheidungen trifft, einfach nicht vor. Steinmeier erwähnt mit keinem einzigen Wort den Terror, den der Iran seit Jahrzehnten gezielt selbst ausübt oder über seine Proxies Hisbollah, Huthis & Co., und zwar nicht nur gegen Israel, sondern in der ganzen Welt, auch in Deutschland.

Wie glaubwürdig klingt ein Bundespräsident, der stets selbst die Nähe zu den Mullahs gesucht hat? Und damit sind nicht nur die peinlichen Glückwünsche gemeint, die er 2019 anlässlich des 40. Jahrestags der Islamischen Revolution nach Teheran schickte – natürlich ebenfalls ohne ein Wort darüber zu verlieren, dass damit die Unterdrückung durch ein Regime ihren Anfang nahm, welches Frauen ihrer Rechte beraubte, schwule Männer zu Hunderten hinrichten ließ und Folter zur gängigen Praxis machte.

Lesen Sie auch

Bereits als Außenminister hatte Steinmeier deutsche Firmen ermutigt, sich stärker im Iran zu engagieren, wobei er vor allem die Energiewirtschaft nannte. Sollte es da Probleme mit den USA geben, weil einige Sanktionen trotz des Atom-Deals von 2015 weiterhin galten, wäre er gern bereit zu helfen, erklärte er beispielsweise 2016.

Dabei hätte auch ein deutscher Außenminister wissen müssen, dass die Energieindustrie fast vollständig von der Revolutionsgarde kontrolliert wird, also jenem militärisch-industriellen Komplex, der weltweiten Terror als weiteres Geschäftsfeld betreibt, den man so gleich mitfinanziert.

Der Iran-Krieg sei »ein politisch verhängnisvoller Fehler, und – das frustriert mich am meisten – ein vermeidbarer, ein unnötiger Krieg, wenn denn sein Ziel war, den Iran auf dem Weg zur Atombombe zu stoppen«, so Steinmeier weiter in seiner heutigen Jubiläumsrede. Des Bundespräsidenten Frustrationen in allen Ehren – aber wie glaubwürdig ist da jemand, der sich in der Vergangenheit stets mit Händen und Füßen schon gegen jede Form von Sanktionen gewehrt hat? So bezeichnete er es als falsch, dieses Druckmittel gegen die Mullahs zu nutzen und damit »den Iran in weitere Isolation und Radikalisierung hinzutreiben«. 

Auch hier das gängige Muster, das man gleichfalls im Umgang Steinmeiers mit Russland und seinem Präsidenten Wladimir Putin vor 2022 beobachten konnte: Bloß keine Sanktionen, die machen alles noch viel, viel schlimmer. Diese Politik der Beschwichtigung oder auch Anbiederung hat ja bei Moskau bestens funktioniert, dann muss das ja auch mit Teheran klappen, möchte man sagen.

Und genau deswegen weckt die Rede des Bundespräsidenten massive Zweifel, und zwar an der Lernfähigkeit und Glaubwürdigkeit von Politikern wie Frank-Walter Steinmeier.

Kommentar

Wenn Chuzpe Leben rettet

Die bemerkenswerte Abwesenheit von Scham, Vorsicht und Selbstzweifel ist eine israelische Eigenart. Im Fall des Flydubai-Fluges half sie, eine Katastrophe zu verhindern

von Sabine Brandes  07.10.2026

Meinung

Magdeburg: Versagen der Demokraten

Nach der Wahl eines AfD-Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt: Wie der Vormarsch der Rechtsextremen weitergeht, hängt auch von den demokratischen Parteien ab. Jetzt wären Zusammenhalt, Disziplin und Führung gefragt

von Michael Thaidigsmann  07.10.2026

Meinung

Seht her, Berlin und New York: Es geht auch anders

Gerade am 7. Oktober wäre von linker Seite mehr Feingefühl zu erwarten. Zürich zeigt es diesmal vor.

von Nicole Dreyfus  07.10.2026

Meinung

Wenn Empörung den Blick verstellt

Eine Replik an Wolf Biermann

von Sacha Stawski  06.10.2026

Essay

Fatale Geschichtsvergessenheit – Die Linke und der Antisemitismus

Klaus Lederer, ehemaliger Politiker der Partei »Die Linke« und aktuell Co-Sprecher der »Progressiven Linken e.V.«, zum dritten Jahrestag des Hamas-Massakers vom 7. Oktober 2023

von Klaus Lederer  05.10.2026

Kommentar

Die Linke sollte nicht den Berliner Bürgermeister stellen

Die Partei sollte sich erst einmal in der Opposition regenerieren und gegen Rassismus einsetzen

von Herbert Rubinstein  05.10.2026

Shelly Meyer

Kommentar

Wer tatsächlich vom »Judenfetisch« profitiert

150 Juden in Berlin haben mit einem Offenen Brief die Linkspartei unterstützt - das sind etwa 0,4 Prozent der Berliner jüdischen Stimmen. Doch sie könnten für die breite Öffentlichkeit kaum wertvoller sein

von Shelly Meyer  04.10.2026

Schweiz

Ein Importverbot von koscherem Fleisch gefährdet jüdisches Leben

Ein Kommentar von Jonathan Kreutner, Generalsekretär des jüdischen Dachverbands SIG

von Jonathan Kreutner  02.10.2026

Meinung

KI-Warnung: ehrlich oder eigennützig?

Wenn Künstliche Intelligenz wirklich so gefährlich zu werden droht, wäre nicht freiwillige Zurückhaltung, sondern internationale Kontrolle die richtige Antwort

von Elke Wittich  27.09.2026